Zürich

Gleisübergang, den es nicht mehr geben dürfte

09. Juli 2008, 21:14 – Von Roger Keller

In Embrach-Rorbas müssen die Fahrgäste die Gleise überqueren, um zum Zug zu gelangen. Das ist gefährlich, wie ein Unfall gezeigt hat. Dennoch sehen sich die SBB auf der sicheren Seite.

Die Warntafeln und die weisse Linie beeindrucken im Bahnhof Embrach niemanden.
Tom Kawara Die Warntafeln und die weisse Linie beeindrucken im Bahnhof Embrach niemanden.

Im Normalfall fahren die Regionalzüge der S41 in Embrach-Rorbas auf Gleis 3 ein. Darauf hat sich eine Frau im November 2007 verlassen, als sie die S-Bahn kurz vor 7 Uhr nahen hörte und die Geleise 1 und 2 überqueren wollte. Doch an diesem Morgen kam die S 41 auf Gleis 2, weil sie mit einem Güterzug kreuzen musste, der etwas abseits des Bahnhofgebäudes auf Gleis 3 wartete.

Die Flirt-Komposition der S 41 erfasste die Frau – sie wurde vom Zug bis zu seinem Stillstand mitgeschleppt, unter diesem eingeklemmt und später schwer verletzt ins Spital geflogen. Ihr war an diesem dunklen Novembermorgen die Routine zum Verhängnis geworden – und auch ein auf Gleis 1 abgestellter Messwagen der SBB, der die Sicht auf die Züge versperrte. Seit kurzem liegt nun der Untersuchungsbericht der Unfalluntersuchungsstelle Bahnen und Schiffe (UUS) vor. Er ist brisant, weil er den SBB zwar keine Schuld zuweist, aber doch Mängel offenlegt.

Lokführer zu wenig gut informiert?

Dem Lokführer stellt der Bericht zunächst ein tadelloses Zeugnis aus: Er fuhr mit 30 km/h in die Station ein und überschritt damit das zulässige Tempo von 40 km/h nicht. Als er die Frau sah, gab er ein Pfeifsignal ab und leitete mit 26 km/h eine Notbremsung ein. Die Schuld weist der Bericht einzig der verunfallten Frau zu: Sie hatte eine Tafel mit einem Stoppsignal missachtet (siehe Bilder) und entgegen deren zweisprachiger Warnung die Sicherheitslinie und die Gleise überschritten, bevor der Zug eingefahren war.

Wegen dieser Warntafeln sieht die bahnunabhängige, aber ebenfalls dem Departement von Bundesrat Leuenberger angegliederte UUS die SBB nicht als Unfallverursacherin. Der auf Gleis1 abgestellte Wagen habe wohl die Sicht verdeckt, sei aber nicht regelwidrig dort gestanden, heisst es in dem Bericht. Strittig ist allerdings, ob die SBB den Lokführer nicht speziell über die Einfahrt auf Gleis 2 hätten informieren müssen. So verlangen es nämlich die schweizerischen Fahrdienstvorschriften: «Befährt ein Zug ein dem Bahnhofgebäude näher liegendes Hauptgleis als das mehrheitlich benutzte Gleis, ist der Lokführer zu verständigen.» Das geschah nicht.

Durchsagen wenig beachtet

Diese Verständigung kann per Signal, mit einem Eintrag in der Streckentabelle des Lokführers oder einem Funkruf erfolgen. Dann ist das Tempo auf 20 km/h beschränkt, und er muss auf Sicht fahren. In einem eigenen Reglement haben die SBB aber Ausnahmen festgelegt – wenn «bauliche Massnahmen» ergriffen worden sind. Und als solche gelten ausdrücklich bereits die erwähnten zweisprachigen Warntafeln. Daher musste der Lokführer laut UUS nicht verständigt werden.

Inzwischen haben die SBB nicht nur den sichtbehindernden Wagen entfernt, sondern auch einen «Fahrt auf Sicht»-Eintrag in der Streckentabelle der Lokführer vorgenommen. Laut UUS ist das angemessen: In Embrach kommt es pro Tag doch zu 10 bis 15 Kreuzungen mit Güterzügen, und die Zahl der Fahrgäste hat stark zugenommen.

Ist das ein Schuldeingeständnis? Die SBB sehen das nicht so und sprechen von einer «zusätzlichen Sicherheit für die Kunden». Von Lautsprecherdurchsagen sehen sie ab, weil «Erfahrung und Versuche» zeigten, dass diese wenig Beachtung fänden. Die Reisenden seien oft durch Musik, Handy, Gespräche und Zeitung abgelenkt.

Personenzüge nur noch auf Gleis 2?

Dennoch hat die UUS den SBB eine Sicherheitsempfehlung abgegeben: Sie sollen in Embrach entweder eine Unterführung bauen oder die Geleise und Weichen so anlegen, dass die Personenzüge stets geradeaus auf Gleis 2 einfahren und die Güterzüge über abweisende Weichen auf Gleis 3 geführt werden. Diese Massnahmen wären laut einer SBB-Stellungnahme an den TA jedoch «sehr teuer» und brächte «ausgesprochen wenig Nutzen».

Grundsätzlich über abweisende Weichen auf Gleis 2 einfahren wollen die SBB derzeit ebenfalls nicht, weil wegen des damit verbundenen geringeren Tempos «die Fahrplanstabilität leiden» würde. Möglich wäre dies allerdings durchaus: In Illnau praktizieren die SBB dieses Fahrschema in Richtung Effretikon seit Jahr und Tag.

Noch weitere Problembahnhöfe

Embrach-Rorbas ist nicht der einzige Bahnhof im Kanton Zürich, auf dem die SBB mehr oder weniger regelmässig Zugskreuzungen abwickeln, ohne dass die Fahrgäste sichere, schienenfreie Gleiszugänge haben: Dies ist auch in Winterthur-Wülflingen und Winterthur-Töss sowie in Marthalen der Fall. Ebenso im Tösstal, doch dort investieren die SBB in den nächsten Jahren 83 Millionen Franken in sicherere und modernere Anlagen. In Marthalen ist im August 2007 ebenfalls eine Frau von einem einfahrenden Zug verletzt worden, allerdings nicht im Zusammenhang mit einer unerwarteten Gleisbelegung. Kommentar 5. Spalte

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