Zürich

«Ich glaube, Frau Maurer liebt die Parade»

05. August 2008, 23:29

Joel Meier ist der neue Präsident des Vereins Street Parade. Sein Ziel: Die Musik soll beim Umzug wieder den Ton angeben.

«Wir haben im Bereich der Prävention neue Massstäbe gesetzt»: Joel Meier.
Keystone «Wir haben im Bereich der Prävention neue Massstäbe gesetzt»: Joel Meier.

Mit Joel Meier sprach Thomas Wyss

Joel Meier, Ihre erste Street Parade als Präsident des Veranstalters könnte gleichzeitig die letzte Street Parade überhaupt sein. Ein mulmiges Gefühl?
(Lacht) Im Moment bereitet mir die Wetterprognose für den Samstag mehr Sorgen als die Zukunft der Street Parade. Aber um die Frage zu beantworten: Nein, ich habe ein gutes Gefühl. Wir tun unser Bestes, um die Parade für die Stadt so erträglich wie möglich zu machen. Wenn wir dies auch künftig so handhaben, was unser erklärtes Ziel ist, könnte ich es nicht verstehen, wenn man unserem Event den Stecker rausziehen würde.

Davor gefeit sind Sie aber nicht. Sogar in gewissen politischen Kreisen wird gemunkelt, der Stadtrat fahre bei der Street Parade eine «Sterben auf Raten»-Taktik. Anders gesagt: Man macht den Anlass durch noch mehr Verbote und Einschränkungen jedes Jahr unattraktiver, bis er sich eines Tages von selbst erledigt.
Man kann das so sehen. Ich gebe zu, dass die aktuelle Situation für uns nicht sehr angenehm ist, wir brauchen starke Nerven. Doch sie ist auch eine Chance. Durch die Auflagen werden wir gezwungen, wieder auf den ursprünglichen Kern des Anlasses zu fokussieren. Also die Kultur, und besonders die Musik, wieder ins Zentrum zu rücken. Wir wollen die Street Parade zu ihren Wurzeln zurückführen. Dort soll sie neue Kraft und Inspiration schöpfen und dann schöner und stärker als je zuvor weiterexistieren.

Das klingt gut, könnte aber Wunschdenken sein, falls Polizeivorsteherin Esther Maurer, bekanntlich kein grosser Fan der Street Parade, ihre Drohung wahr macht und dieser bei erneuten Rausch- und Gewaltexzessen künftig die Bewilligung verweigert.
Ich habe Frau Maurer persönlich kennen gelernt. Und ich glaube, sie liebt die Parade.

Bitte?
Doch, ich habe diesen Eindruck bekommen. Schade ist, dass sie ihre Aussage sehr ultimativ formuliert hat, weil dadurch der Handlungsspielraum eingeschränkt wurde. Aber ich verstehe ihr Anliegen, es ist ihre politische Aufgabe, Sicherheit, Ruhe und Ordnung zu garantieren. Und wir verursachen Emissionen, da gibts nichts zu beschönigen.

Emissionen sind das eine. Wenn sich Jugendliche aber gezielt in den Vollrausch saufen wollen, seid ihr als Veranstalter doch absolut machtlos.
Das stimmt. Wichtig ist, dass man begreift, dass wir proportional nicht mehr und nicht weniger Alkoholleichen haben als jede normale Zürcher Weekend-Veranstaltung. Dasselbe gilt für gewalttätige Vorkommnisse.

Das heisst, die Street Parade ist nichts anderes als ein Abbild der Gesellschaft?
Ganz sicher. Zu Beginn war sie vielleicht eher noch ein Abbild der Jugendkultur, heute eindeutig eines der Gesellschaft. Und diese hat bekanntlich nicht bloss Sonnenseiten. Rauschtrinken ist total hohl und bescheuert, und doch liegt es bei einem Teil der Jugend im Trend. Wenn jemand mit dem Ziel an die Street Parade kommt, sich binnen einer Stunde ins Koma zu trinken, wird ihn nichts davon abhalten - weder weniger Bars noch teurer Alkohol. Ich denke, dass sich auch Frau Maurer dessen durchaus bewusst ist.

Das würde heissen, dass sie euch mit dem weitherum kritisierten Verbot der Openair-Bars in der Innenstadt sogar einen Gefallen machen wollte?
Ja, ich denke tatsächlich, dass das ihre Überlegung war. Sie will uns damit die Chance einräumen, unsere stets wiederholte Aussage zu bewahrheiten, dass nicht die Street Parade als friedlicher Musikanlass die Ursache der negativen Vorkommnisse war, sondern das ganze Rundherum, auf das wir keinen Einfluss hatten.

Ist das nicht eine blauäugige Sichtweise?
Ich will es anders sagen: Ich kenne keine andere Schweizer Veranstaltung, die so viel Aufwand in die Prävention investiert. Aidsprävention, Drogenprävention, Alkoholprävention. Nicht weil wir dazu verpflichtet wurden, das geschah und geschieht freiwillig. Wir haben in diesem Bereich neue Massstäbe gesetzt, wegen unserer Grösse auch setzen können.

Bleiben wir beim Stichwort «Grösse». Was würde geschehen, wenn Ihr am Samstag genauso unversehens überrannt werdet wie die Loveparade in Dortmund vor knapp drei Wochen? Dort kamen 1,6 Millionen Raver, was den Anlass an den Rand des Kollapses brachte.
Wir hatten das grösste Besucheraufkommen im Jahr 2001, damals tanzte rund eine Millionen Menschen ums Seebecken. Was die Sicherheit, die Sanität, die Hygienemassnahmen und die Versorgung mit Getränken und Esswaren betrifft, sind wir ganz bewusst auf dem Niveau dieses Rekordjahres geblieben, obwohl bei den letzten Paraden deutlich weniger Menschen kamen, vor allem des Wetters wegen. Dieser Aufwand ist mit hohen Kosten verbunden, die sich meist gar nicht rechnen. Doch mit dieser Massnahme haben wir immer die Möglichkeit, auch kurzfristig auf einen deutlich grössen Menschenaufmarsch zu reagieren, und so einen «Dortmund-Effekt» zu verhindern.

Wie erklären Sie sich diesen frappanten Besucheranstieg in Dortmund, nachdem jede grosse Strassenparade in den letzten Jahren doch eher mit einem Publikumsrückgang zu kämpfen hatte? Ist da eine neue Raver-Generation herangewachsen?
So ist es, das haben wir teilweise schon im letzten Jahr beobachtet - was sich ja auch in der Negativ-Statistik von Frau Maurer widerspiegelt, weil diese Neu-Raver denken, sie müssten unbedingt noch ihre Grenzen ausloten (lacht). Nein, seriös: Wir haben tatsächlich viel mehr Anmeldungen für Lovemobiles von jungen Leuten. Zudem hat sich auch der Sound verändert. Es sind neue, clubbigere Stile wie Nu-Rave oder Indietronic dazugekommen, die oftmals von jungen Künstlern produziert werden.

Dieser Entwicklung trägt Ihr mit der offiziellen neuen Hymne, die erstmals nicht wie eine Fanfare, sondern wie ein Clubtrack klingt, bereits Rechnung. Gibt es weitere Schritte in die Moderne?
Ja. Mein Ziel ist es, an der Street Parade künftig deutlich mehr Livemusik zu präsentieren. Gerade am Schnittpunkt zwischen Punk, Rock und Elektronik entstehen hochspannende Sachen, die von Bands und nicht mehr von DJs oder Produzenten verantwortet werden. Solche Bands wollen wir auf unsere Bühnen holen - und ihnen da ein starkes Soundsystem zur Verfügung stellen.

Das dürfte den finanziellen Aufwand ungleich mehr belasten. Dabei sind eure Resourcen bekanntlich nicht unerschöpflich.
Stimmt, das sind sie nicht. Zudem mussten wir wegen der Euro noch zusätzliche Sponsoren-Einbussen in Kauf nehmen. Doch wir haben erstaunt feststellen dürfen, dass es in dieser Stadt viele Leute gibt - Leute, von welchen man es nicht vermuten würde -, die sich für die Street Parade interessieren, ja gar begeistern und uns deshalb unterstützen, auch finanziell.

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