Spam-Jäger Zielscheibe einer Internetbande
05. August 2008, 23:52 Von Claudia ImfeldEin Mail hat gestern für grosse Aufregung gesorgt. Ein Mann kündigt darin Mord und Selbstmord an. Doch das Mail war gefälscht - vermutlich von Internetkriminellen.
«Ich muss es jemandem sagen - mein Leben hat keinen Sinn mehr.» So beginnt das Mail, das in der Nacht auf Dienstag an Zehntausende von Empfängern in der Schweiz und im Ausland ging. In dem Schreiben steht weiter, dass der Absender - ein Roman Hüssy - auch seine Freundin und ihren Geliebten umbringen will. Aufgeschreckt meldeten sich nächtliche Leser des Mails bei der Zürcher Kantonspolizei. «Morgens um zwei Uhr holten mich Polizisten aus dem Bett - um mich vom Mord abzuhalten», sagt Hüssy.
Was genau ist vorgefallen? Roman Hüssy, 21 Jahre alt, Informatiker aus Wallisellen, betreibt seit Anfang Jahr die Internetseite abuse.ch. Darauf warnt er vor Gefahren im Internet, von denen die Schweiz betroffen ist. Zum Beispiel vor Gruppen, die Spam verschicken und so versuchen, sich Zugriff auf fremde Computer zu verschaffen. Auf seiner Internetseite thematisierte Hüssy auch sogenannte Trojaner-Viren, mittels denen Internetkriminelle unbemerkt Zugang zu Bankdaten bekommen. Durch einen Klick auf die angehängte Datei der Mails nistet sich ein Trojaner auf dem Rechner ein und leitet heimlich die Zugangsdaten fürs Online-Banking an die Banden weiter. Seine Informationen seien gut angekommen bei den Besuchern der Seite, sagt Hüssy. Bei jenen Kriminellen, die er anprangert, anscheinend weniger.
Internetbande «nicht zimperlich»
Die Aufklärungsarbeit wurde dem jungen Informatiker nun offensichtlich zum Verhängnis. Bereits letzten Mittwoch seien seine Server lahmgelegt worden, sagt Hüssy. Er geht davon aus, dass es eine kriminelle Internetbande aus Osteuropa war, die sich rächen wollte und in seinem Namen das Mail mit den Mord-Absichten verschickte.
Marc Henauer von der Eidgenössischen Melde- und Analysestelle Informationssicherung (Melani) teilt diesen Verdacht: «Die Absender des Mails sind ziemlich sicher die gleichen, die Herr Hüssy auf seiner Seite an den Pranger stellt.» Dafür gebe es mehrere Hinweise. Zu diesen Hinweisen will Henauer aber keine Angaben machen. Die verdächtigte Gruppierung bezeichnet er als dem Bundesamt für Polizei bekannt und als «nicht zimperlich». Dennoch sei der «Racheakt» in dieser Form für die Schweiz neu. «Das Mail zielt direkt auf die Person und wurde sehr breit gestreut, was eine grosse Öffentlichkeit schafft.»
Diese Aussage trifft definitiv zu: Allein die Kantonspolizei Zürich musste gestern weit über hundert Anrufe und E-Mails beantworten - alle von Menschen, die sich um Roman Hüssy sorgten. Auch er selbst beruhigte den ganzen Tag über Bekannte und Verwandte und gab den Medien Auskunft. Am Nachmittag reichte er bei der Polizei Anzeige gegen Unbekannt ein. Die Kantonspolizei Zürich ermittelt in dem Fall, wie es auf Anfrage hiess.
Kein Grund zum Aufhören
In dem Mail, das in schlechtem Deutsch abgefasst ist, attackieren die Absender Hüssy direkt: Es heisst, er habe Gelder von UBS-Kunden abgezweigt. Ausserdem soll seine Freundin einen Geliebten haben. Ein Link führt auf Hüssys private Homepage, wo Fotos von einem Städtetrip mit einer Kollegin nach Amsterdam zu sehen sind. Nach dem ersten Schock ist für Roman Hüssy klar, dass er weitermachen will. Sollten die Attacken weitergehen und sollte ihm jemand drohen, sähe die Sache allerdings anders aus. «Dann müsste ich mir ernsthaft Gedanken machen.»
Zürich
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