Zürich

Seebecken zu «heikel» für echtes Restaurant

06. August 2008, 22:57 – Von Silvio Temperli

Das Partyfloss beim Bellevue ist weg. Es hat die alte Idee eines Restaurants im Seebecken neu angestossen. Pläne für ein solches Vorhaben liegen in Zürich seit Jahrzehnten brach.

Vergangenheit: Das Floss beim Bellevue.
Thomas Burla Vergangenheit: Das Floss beim Bellevue.

Es war der temporäre Knüller des Zürcher Sommers. An die 5000 Gäste verlustierten sich abends an Spitzentagen auf dem schwimmenden Gourmetbetrieb. Alle profitierten, das Geld floss. Nun hat das «Floss» nach acht Wochen sein Gastspiel beim Bellevue beendet. Es ist am Mittwoch in den Hafen der Firma Kibag ins schwyzerische Bäch zurückgekehrt. Dort wird der millionenteure Riese demontiert. Niemand will das Floss andernorts als Restaurant betreiben. Kontakte mit dem Casino Locarno, mit Kunden aus dem Emirat Katar und aus Südafrika zerschlugen sich. Eine Verlängerung des zum Event gewordenen Flosses bis zum 21. August erlaubten die Behörden in Zürich nicht - mit dem Hinweis auf das Ruhebedürfnis im Quartier. Lärmklagen sind indes der Stadtpolizei keine zu Ohren gekommen. So oder so ist der Stadtrat an diesem «sensiblen Standort» am Seeufer nicht befugt, über eine dauerhafte Gaststätte zu entscheiden, weil die Nutzungsrechte des Seebeckens in der Hoheit des Kantons liegen.

Dank der Popularität des schwimmenden Seerestaurants sind die Diskussionen über die Nutzung des innerstädtischen Seebeckens wieder zünftig in Fahrt gekommen. Architekt Walter Wäschle lancierte Mitte Juli die Idee für ein Aussichtsrestaurant auf Pfählen beim Bürkliplatz. Und dies zum zweiten Mal. Vor bald zehn Jahren schon hatte er das Projekt den Behörden vorgestellt. Doch der damalige Hochbauchef und heutige Stadtpräsident Elmar Ledergerber (SP) liess sich darauf nicht ein mit der Begründung, er wolle zunächst das «geplante Leitbild für das Seebecken» abwarten. Dieses Leitbild lässt noch immer auf sich warten. Erste Resultate liegen frühestens Ende Jahr vor.

Viele Entwürfe - keiner verwirklicht

Partyfloss hin, Leitbilder her - ein Blick in die Geschichte der Stadt Zürich zeigt, dass sich seit Mitte der 20er-Jahre des letzten Jahrhunderts Planungsfachleute immer wieder mit der Vision eines Restaurants im Seebecken befassten. Nicht das Bellevue - der Bürkliplatz als Kopf der Bahnhofstrasse sollte das städtebauliche Zentrum am Wasser werden. Einer der frühesten Entwürfe für einen Seeplatz stammt vom Architekten Albert Heinrich Steiner; er gewann 1937 einen Projektwettbewerb für eine nie realisierte Ufergestaltung mit einer Badeanlage für Männer im unteren Seebecken. Dieses Vorhaben war ein erster Ansatz einer Gesamtplanung für das Seebecken. Zehn Jahre später - Steiner war mittlerweile Zürcher Stadtbaumeister geworden - hat er sein Projekt verfeinert und für den Bürkliplatz eine vorgelagerte Terrasse entworfen. Diese liess er in schwacher Neigung zum See hinabfallen. Auf der Terrasse platzierte er ein zweistöckiges Restaurant - unten Selbstbedienung, oben Vollservice.

Auch dieses Projekt legten die Behörden den Stimmbürgern nie vor. Erst 1984 nahm die Stadt die Pläne für eine Seeterrasse am Bürkliplatz wieder auf, mit zwei Gaststätten an der Ostseite. Ein Baum und eine markante Stele bildeten das Wahrzeichen des Entwurfs und sollten von der oberen Bahnhofstrasse Richtung See hochragende Akzente setzen sowie die Fussgänger vom rollenden Verkehr abschirmen. Weshalb hat die Stadt seit Jahrzehnten sämtliche Pläne für den Ausbau des Bürkliplatzes samt dauerhaftem Restaurant im See nicht weiter verfolgt? Peter Noser, stellvertretender Direktor im Amt für Städtebau, sagt: «Es handelt sich da um einen überaus heiklen Ort, um den Übergang vom See zum Fluss. Dass der Bürkliplatz bis jetzt dem ökonomischen Druck standgehalten hat, spricht vielleicht gerade für die Kraft des Ortes.» In erster Linie müsse der Uferstreifen allen zugänglich sein. «Jeder soll dort das eindrückliche Bergpanorama geniessen können, ohne dass er sogleich das Portemonnaie zücken und in einen Eventtempel hineinsitzen muss.»

Das Partyfloss am Bellevue habe die Stadt gerade wegen des temporären Charmes sehr geschätzt. Doch sobald man ein Seerestaurant wie etwa jenes von Architekt Wäschle für immer etablieren wolle, kämen stets hundert Auflagen hinzu. Noser denkt vor allem an die Kanalisation, an die Entsorgung, an den Verkehr. Er fragt sich: «Ist es richtig, am Bürkliplatz gleichsam ins Herz von Zürich hineinzubaggern? Würde da der Kanton als Herr der Gewässer mitmachen?»

Auch der Kanton lässt durchblicken, dass für Gebäude, die dauerhaft im Wasser stehen wie ein Restaurant, aufwändige Abklärungen vonnöten sind. Entscheidend seien die Auswirkungen auf den Naturraum in Ufernähe. Hinzu kommen laut Baudirektion in diesem speziellen Fall, wo einst Bronzesiedlungen standen, archäologische Überlegungen und die Interessen der Schifffahrt.

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