Leben

Surenenpass

Wo ein Ungeheuer einst jedem den Weg versperrte

07. September 2007, 05:00

Die raue, wilde Landschaft auf dem Surenenpass ist die Kulisse einer schaurigen Sage – und einer lohnenden Bergwanderung.

Der Wanderweg führt vom Surenenpass hinunter zur Blackenalp.
Der Wanderweg führt vom Surenenpass hinunter zur Blackenalp.
Von Simone Rau

Zum Glück gibts die Seilbahn. Sie erspart uns den steilen Aufstieg zur Bergstation Brüsti ob Attinghausen im Kanton Uri. Engelberg, unser Ziel, liegt in Obwalden. Dazwischen: der Surenenpass, den es zu überwinden gilt. Und weil es bis nach Engelberg auch so noch gut zwanzig Kilometer zu wandern sind, setzen wir uns mit gutem Gewissen in die Bahn.

In der engen Gondel kommt man unweigerlich ins Gespräch. Als Jüngste im Seilbahnbund ist mir schon bald klar: Nicht nur Teenager, auch ältere Semester messen sich miteinander. Wer war schon mal auf dem Surenenpass? In wie vielen Stunden? Und wer hat welche anderen Hügel, Berge, Pässe erklommen?

In einer solch weltlichen Diskussion hat die Sage vom Greiss von Surenen keinen Platz. Nur wir sind deswegen hier: Angeblich hat nämlich vor langer Zeit ein böses Ungeheuer in der Gegend sein Unwesen getrieben. Mal sehen, was das für eine Landschaft ist, die ihre Bewohner vor langer Zeit zu einer solch wilden Geschichte inspiriert hat.

Auf der Alp Surenen, die damals den Engelbergern gehörte, begegnete ein Hirtenjunge einst einer fremden Schafherde. Er verliebte sich in ein besonders schönes Lämmchen und durfte es, nach inständigem Bitten, auf seine Alp mitnehmen. Der Hirt liebte das Lämmchen über alle Massen. Er schlich sich in Attinghausen in die Kirche, brach den Taufstein auf und taufte das Lämmchen wie einen Menschen. Welch ein Frevel! In diesem Moment verwandelte sich das Tier in ein schreckliches Ungeheuer: das Greiss. Es tötete seinen Meister – und sämtliche Lebewesen, die sich ihm auf Surenen von da an in den Weg stellten.

Die Wanderung beginnt direkt bei der Seilbahn Brüsti. Wir wählen den Weg, der nach rechts abzweigt. An ein paar Häusern vorbei durch lichten Bergwald gehts steil hinauf, und bald schon stockt uns der Atem. Des Schnaufens wegen, vor allem aber wegen eines Radfahrers, der wenige Meter vor uns im Gras liegt, sein Rad achtlos neben sich auf die Wiese geworfen. Was ist mit dem Mann los? Ein Unfall? Womöglich das Greiss? Mitnichten. Der Mensch ist ein Mountainbiker. Und erschöpft. Mit rotem Kopf liegt er da und ruht sich aus.

Wir wandern weiter. Über den Geissrüggen führt uns der Weg hinauf zum Angistock. Rechts schauen wir auf die rauen Alpen des Gitschitales und den Urner See hinunter, links fällt der Blick auf die Alp Waldnacht – hier verbrachte der Stier aus der Sage drei Jahre seines Lebens. Doch dazu später; die durstige Kehle ruft nach Wasser, die Gedanken schweifen ab. Wie grün es hier ist! Ein Schild sagt uns: 2031 Meter, die ersten 500 Höhenmeter haben wir gemeistert.

Vom Angistock ist es nicht mehr allzu weit zum Sureneneck. Der Bergweg führt uns über ein Geröllfeld (oberen Weg wählen) in Richtung Passhöhe. Vereinzelt liegt noch immer Schnee, es ist August. Schritt für Schritt schleppen wir uns hoch. Fünf Schafe haben sich uns angeschlossen. Plötzlich sind sie da, um zu bleiben. Blöken laut und ungeduldig, als befürchteten sie, auf dem steilen Weg nach oben übersehen zu werden. Was sie uns wohl sagen wollen? Fürchten sie etwa das Taufwasser des Hirten? Der Pass rückt näher, zum Glück. Eine letzte Steigung, und dann ists geschafft.

Den Engelbergern verleidete die Alp und für wenig Geld verkauften sie sie den Urnern. Diesen erging es nicht besser, bis ein fremdes Männlein Rat wusste: Ein silberweisses Stierkalb müsse sieben Jahre lang und jedes Jahr von einer Kuh mehr gesäugt werden. Dann müsse eine Jungfrau in einem weissen Kleid und mit einem Seidenband im Haar den Stier zum Greiss führen. Die Urner taten, wie ihnen geheissen. Als der Stier nach vier Jahren gar wild und gefährlich geworden war, brachte man ihn auf die Alp Waldnacht.

Nur schon der Aussicht wegen hat sich der Aufstieg gelohnt. Vor unseren Augen ein ganz neues Panorama: Titlis, Wissberg, Blackenstock stehen schroff über saftigen Alpwiesen, grün leuchtend in der Mittagshitze. Ob die Wanderer, die hier Rast halten, um die Sage vom Ungeheuer von Surenen wissen? Die Schafe sind noch immer da, und auch der Mountainbiker hat den Pass erklommen. Der Kopf ist genau so rot wie bei unserem ersten Treffen, doch endlich darf er das verdiente Erinnerungsfoto von seinem Fahrrad knipsen, das an der Tafel lehnt: «Surenenpass, 2291 Meter.»

Nun geht es auf einem angenehmen Weg bergab in Richtung Blackenalp. Mitten in nahrhaften Wiesen und umringt von Felswänden hauste hier das schreckliche Greiss, und hier wohl kam es zum grossen, alles entscheidenden Kampf mit dem Stier. Davon ahnen die vielen Ausflügler nichts, die auf der Alp einkehren. Sie trinken Rivella und sind froh, einen Platz unter dem Sonnenschirm ergattert zu haben. Es ist heiss, Sommer und Ferienzeit. Fröhliches Geschwatze, es riecht nach Sonnencrème und Schweiss.

Am Tag des Kampfes führte die Jungfrau den Stier dem Greiss entgegen. Sobald das Tier das Ungeheuer rieche, so die Weisung des Mannes, solle sie den Stier losbinden und davonlaufen. Doch die Neugier des Mädchens war zu gross: Sie blickte sich nach dem Greiss um. Plötzlich ertönte ein schreckliches Brüllen und eine Rauchwolke verdunkelte den Himmel. Totenstille. Von der Jungfrau keine Spur, ihr Kleid in Fetzen. Der Stier selbst: tot, beim Alpbach gelegen, der seither Stierenbach heisst. Doch das Greiss war besiegt.

Die Surenen ist voll von Rindern und Kühen. Hunderte müssen es sein. Von Rivalenkämpfen keine Spur, im Gegenteil: Die Tiere sind äusserst friedliebend. Viele liegen einfach nur faul da, andere wandern munter umher. Kein Wunder bei all der Idylle hier oben! Sonne, blauer Himmel, grüne Wiesen und Berge so weit das Auge reicht. Noch heute gehört die ganze Alp zum Kanton Uri. Erst weiter unten, zwischen Äbnet und Fürenalp, überquert man die Grenze zu Obwalden.

Den Stierenbach entlang wandern wir weiter. Ist hier die Stelle, an der der Stier nach dem Kampf zu rasch zu viel getrunken hat und darob starb? Oder dort? Ich weiss es nicht. Spielt eigentlich auch gar keine Rolle: Nüchtern betrachtet enthalten Sagen wenig Wahres. Und so habe ich auch nicht erwartet, tatsächlich auf Spuren des bösen Ungeheuers zu stossen. Schon gar nicht bei solch schönem Wetter wie heute. Wenn ich mir aber vorstelle, hier oben bei Sturm und Regen - oder gar im tiefsten Winter – zu hausen, mutterseelenallein und einsam, wird mir doch etwas mulmig zu Mute. Genau so muss es den Menschen ergangen sein, die vor Jahrhunderten auf der Alp lebten, in völliger Abgeschiedenheit und in nächster Nähe zur Natur. Für sie boten Sagen und Mythen eine Möglichkeit, mit der Stille und der Einsamkeit in den Bergen umzugehen, vor allem aber mit Ereignissen, für die sie keine Erklärung fanden – eine Naturkatastrophe zum Beispiel.

Vom Greiss war die Gegend nach dem Kampf auf der Blackenalp befreit, und zum Andenken daran, so erzählt die Sage, haben die Urner den Stier in ihr Wappen aufgenommen.

Mittlerweile sind wir fast allein unterwegs. Die meisten Wanderer haben auf der Blackenalp einen Halt eingelegt oder sind beim Stäuber ins Tal abgestiegen. Wir bleiben in der Höhe und steuern die Sesselbahn Fürenalp an. Überall Vieh. Vor uns, hinter uns, rechts, links. Und plötzlich mitten auf dem Weg. Ein Stier sitzt da, vollgefressen, selbstgefällig. Wir müssen irgendwie an ihm vorbei. Er macht keinen Wank, als wir ihn umsteigen.

Tipps und Infos

An- und Rückreise: Ausgangspunkt der Wanderung ist die Bergstation der Seilbahn Brüsti oberhalb von Attinghausen (mit Bus ab Altdorf erreichbar). Die Wanderung endet in Engelberg. Weil Start- und Zielort verkehrstechnisch weit auseinander liegen, reist man am besten mit ÖV. Wer doch mit dem Auto kommt: Taxi 57 holt Wanderer bei der Talstation der Fürenalpbahn in Engelberg ab (17 Uhr) und bringt sie zurück nach Attinghausen. Wer in entgegengesetzter Richtung wandert, wird bei der Talstation Brüsti abgeholt (18 Uhr). Täglich auf Anfrage, 078 666 57 57 (Werner Willi).

Route: Brüsti–Angistock–Surenenpass–Blackenalp–Stäuber–Fürenalp (ca. 5 Std., siehe Karte). Mit der Seilbahn nach Herrenrüti runter, von dort zu Fuss oder mit dem Bus nach Engelberg.

Varianten:
1. Wer bei der Bergstation Brüsti nach links abzweigt, wandert via Alp Waldnacht gen Surenenpass. Zwar verpasst man damit den Grat (und die spektakuläre Aussicht), doch passiert man den Stierengaden-Stall aus der Sage.
2. Beim Stäuber links abbiegen und direkt ins Tal absteigen. Über Stäfeli und Alpenrösli gelangt man der Engelberger Aa entlang nach Engelberg (ca. 6 Std.).
3. Auf der Fürenalp nicht in die Seilbahn steigen, sondern auf dem Höhenweg weiterwandern bis Ober Zieblen und dann steil gen Engelberg absteigen (ca. 8 Std.).

Essen: Verpflegung aus dem Rucksack oder in den Gasthäusern entlang der Strecke: Blackenalp (079 642 38 05), Hobiel (041 637 41 37), Fürenalp (041 637 39 49). Auch Übernachtungen möglich.

Karte: Vierwaldstättersee. Engelberg–Luzern–Schwyz. Wanderkarte 1:60'000, Kümmerli + Frey.

Beste Jahreszeit: Juli bis September. (sir)

www.attinghausen.ch
www.top-of-uri.ch
www.engelberg.ch

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