Leben

Kalabrien

Mitten auf dem Land

15. März 2005, 20:52

In Kalabrien bieten immer mehr landwirtschaftliche Betriebe Unterkunft. Ein Angebot, das dem Reisenden die Natur und die Einheimischen näher bringt - mal ganz nah, mal weniger.

Le Giare: Herrschaftsgut mit Bauernbetrieb.
Le Giare: Herrschaftsgut mit Bauernbetrieb.
Von Andreas Leisi

Was ein Agriturismo-Betrieb ist, lässt sich aus dem Wort ablesen: eine Mischung aus Bauernhof und Hotel. Kalabrien ist für diese Unternehmensform prädestiniert. Der südliche Zipfel Italiens ist nicht nur karg und trocken, sondern vielerorts erstaunlich fruchtbar. Früchteplantagen, Olivenhaine und Weintrauben werden direkt am Meer oder in höher gelegenen Regionen angebaut und bewirtschaftet. Daneben sind grössere Berggebiete als Nationalparks geschützt, und unzählige Strände umranden das 15 000 Quadratkilometer grosse Gebiet. Die Natur ist Kalabriens Kapital; deshalb setzt das Armenhaus Italiens wirtschaftlich auf die Landwirtschaft und den Tourismus.

Oliven, Pilze und viel Arbeit

Der Agriturismo-Betrieb Arcobaleno (Regenbogen) steht in der Mitte Kalabriens, dort, wo sich das Tyrrhenische und das Ionische Meer sehr nahe kommen. Die Einfahrt ist breit und asphaltiert. Beidseitig wachsen Olivenbäume. Vor dem weissen doppelstöckigen Haupthaus begrüssen uns Anita und Antonio. Sie stammt aus Luzern, er ist Kalabrier. Sie haben sich in der Schweiz kennen gelernt und vor zehn Jahren das Stück Land mit den drei natürlichen Quellen und den drei verfallenen Häusern gekauft. Heute bewirtschaften sie fünfhundert Olivenbäume, bieten Unterkunft für maximal zwanzig Personen und neuerdings auch ein kleines Restaurant mit lokalen Spezialitäten.

«Molto lavoro, molto lavoro», meint Antonio. Während er sich am Schwimmbad zu schaffen macht, helfen wir Anita beim Sterilisieren. Ein grosser schwarzer Eimer steht über dem Feuer. Wir geben vorsichtig zwanzig grosse Einmachgläser mit selbst gemachter Tomatensauce ins kochende Wasser. Antonios Vater sitzt auf der Veranda und winkt uns fröhlich zu.

In der Nacht hat es geregnet. Antonio macht sich daher mit einem grossen Korb in den nahen Wald auf - er will Pilze suchen. Wir fahren zum Strand. Die Küste ist nah, und bald haben wir die kleine Bucht mit Restaurant, Kieselstrand und herrlich klarem Wasser gefunden, die uns Anita empfohlen hat. Fünfzig Meter über uns summt der Küstenverkehr über einen imposanten Viadukt. Wir geben uns dem süssen Nichtstun des Strandlebens hin.

Beim köstlichen Essen erzählt Antonio von seinen Zukunftsplänen. Das Etikett des Agriturismo sei in Kalabrien nicht geschützt, sagt er. «Jedes Hotel, das einen Hühnerstall neben dem Haus aufstellt, kann sich so bezeichnen. Gesetzliches Hauptkriterium wäre aber ein Mindesteinkommen von fünfzig Prozent aus der Landwirtschaft. Das wird vielerorts nicht eingehalten und der Gast hat Mühe, die korrekt geführten Agriturismo-Betriebe zu erkennen.» Er plane deshalb, mit anderen Agriturismo-Betreibern aus der Gegend und mit der lokalen Regierung ein Agriturismo-Label gemäss geltendem Recht zu kreieren. Wer in Zukunft seinen Betrieb mit diesem Label schmücken wolle, müsse sich an die Vorschriften halten. Antonios Vater nickt derweil vor sich hin, trinkt Wein und prostet uns lächelnd zu.

Der Hotelier und der Bergführer

Die Freundlichkeit der Bewohner des Arcobaleno erwärmt uns auf dem Weg in die kühlere Bergregion des Nordens noch lange. Nach vierstündiger Fahrt, mehrheitlich auf der Autobahn, erreichen wir das Dorf Rotonda. Hier gibt es zwei Agriturismo-Betriebe, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Michele Bitondis restauriertes Bauernhaus, das den Namen Calivino trägt, bietet Zimmer der Extraklasse: geschmackvoll eingerichtet, wohlig harte Matratzen, geräumiges Bad mit Aussicht. Michele hat sich in Crans-Montana zum Hotelier ausbilden lassen und spricht fliessend französisch. Das in seinen Betrieb integrierte Restaurant ist berühmt für Auberginen, die zum Beispiel mit Brot und Käse gefüllt sind. Michele wohnt selber nicht im Haus, sondern in einer Art Schweizer Chalet hoch über dem Dorf, und er ist vor allem eines nicht - Bauer. Dazu meint er: «Ich beziehe die Nahrungsmittel von Bauern aus der Gegend. Ich beschäftige Köche, Servier- und Putzpersonal. Viele Leute hier arbeiten für mich.» Michele Bitondi preist sein Hotel als Agriturismo-Betrieb an. Während wir auf seiner blitzsauberen Veranda sitzen, würden wir gerne ein wenig in einem Gemüsebeet herumwühlen oder uns sonst irgendwie nützlich machen. Doch als Gast hat man hier nichts zu tun.

Bei Giuseppe Cosenza, dem Betreiber des anderen Agriturismo-Betriebs in Rotonda, leben alle unter einem Dach. Er selbst, seine Eltern, zwei Hunde und eine Katze. Die Gäste wohnen im obersten Stock in drei Mehrbettzimmern und teilen sich ein Bad. Das Haus ist von einem verwilderten Gemüsegarten umgeben, verschiedene Fruchtbäume stehen herum, und in einem kleinen Stall werden eine Hand voll Hühner, drei Ziegen und eine Sau gehalten. Die Cosenzas sind typische Selbstversorger. Giuseppes Mutter kocht fast ausschliesslich mit eigenen Lebensmitteln. Dazu ist Giuseppe diplomierter Bergführer des angrenzenden Pollino-Nationalparks. Das Gebiet von der Grösse des Kantons Zug ist vor allem wegen seiner Panzerföhren bekannt. Diese alte, sehr widerstandsfähige Baumart wächst sonst nur auf dem ennet der Adria gelegenen Balkan. Der höchste Berg des Parks ist knapp 2300 Meter hoch. Die Tatsache, dass hier noch Wölfe und Steinadler heimisch sind, lässt uns mit wachen Sinnen durch die Wälder und grasbewachsenen Hochebenen wandern. Tiere machen sich an diesem klaren Tag rar, doch vom höchsten Punkt unserer Wanderung aus können wir weit in den nördlichen Apennin hineinsehen. Am Abend sitzen wir müde und glücklich in Mamma Cosenzas Küche und geniessen einen Teller Gnocchi an Rucolasauce.

Bergamotte für den Body Shop

Unser Weg führt wieder südwärts, und zwar bis zur südlichsten Spitze des italienischen Festlandes. Hier sind wir im Land der Früchte und der kalabrischen Mafia. Sehen kann man nur die Zitrusfrüchte. Ugo und Tiziana Sergi haben sich der Bergamottefrucht verschrieben. Der ehemalige Anwalt und seine Frau haben den Bauernhof von Ugos Vater geerbt und daraus einen Agriturismo-Betrieb gemacht. Die einfachen Steinhäuser stehen hoch über dem Fluss Amandolea, der jetzt, bei warmem Wetter, kein Wasser führt. Das gleichnamige Tal führt in das Berggebiet des Aspromonte - ein wildes, zerklüftetes und dünn besiedeltes Wandergebiet für jene, die die Einsamkeit suchen und Begegnungen mit Schlangen nicht scheuen.

Wir sitzen unter einem Schatten spendenden Maulbeerbaum. Pasquale, der Esel, schnuppert an der Hausmarmelade. Ugo scheucht ihn weg und erzählt: «Der Bergamottebaum gedeiht nur in einem spezifischen Mikroklima, das von der Lage, der Höhe, der Luftfeuchtigkeit und den Windverhältnissen abhängt. Die Frucht wird gepresst, der Saft wird Körperpflegeprodukten beigemischt oder als ätherisches Öl verwendet. Heute liefern alle Produzenten unseres Tals zusammen jährlich dreitausend Liter an den Body Shop in London.» Ugo nimmt ein Fläschchen Bergamotte aus der Tasche, tröpfelt ein wenig in seine Handfläche und fordert uns auf, daran zu riechen. «Wenn du traurig bist, kehrt damit die Freude zurück.»

Agriturismo in Kalabrien

Beste Reisezeit
Mai-Sept. Im Hochsommer wirds bis 40 Grad. Im Aug. ist in Italien Ferienzeit, viele Unterkünfte sind ausgebucht. Ab Okt. viele Agriturismo-Betriebe geschl.

Die beschriebenen Häuser
Arcobaleno: Antonio und Anita Frisina-Regenass, Piano di Porro, Amaroni, Tel. 0039 338 588 12 40 ( www.agriturismoarcobaleno.it ), DZ/Frühst. 52 Euro; Ferienwohnungen: z. B. 4 Pers. ab 360 Euro/Woche.

Calivino: Michele Bitondi, C. da San Lorenzo, Rotonda (bei Laino), Tel. 0039 347 861 69 32 ( www.aziendacalivino.it ), DZ/Frühst. 64 Euro.

Asklepios: Giuseppe Cosenza, Contrada Barone 9, Rotonda (bei Laino), Tel. 0039 347 263 14 62 ( www.asklepios.it ), DZ/Frühst. ab 36 Euro.

Il Bergamotte: Ugo und Tiziana Sergi, Condofuri, Contrada Amendolea (bei Bova Marino), Tel. 0039 347 60 12 338, Mail: ugosergi@yahoo.it . DZ/HP 60 Euro für 2 Personen.

Andere Häuser
Le Giare: Herrschaftsgut mit Bauernbetrieb, Schwimmbad, Tennisplatz, 100 m zum Strand, direkt an der stark befahrenen Küstenstr. Ausgangspunkt für geführte Wanderungen in der Umgebung (Aspromonte). Tel. 0039 096 48 51 70, www.agriclublegiare.it . 2-Zimmer-Bungalow/Nacht ab 83 Euro.

Capo Turchese: Nahe Tropea, in den Hügeln über dem Meer, gemütliche Bungalows mit Früchtegarten und Aussicht. Ohne Essen, mit Kochgelegenheit. Tel. 0039 096 366 32 34, www.capoturchese.com . Bungalow/Woche ab 260 Euro, Mindestaufenthalt 1 Woche.

Weitere Infos
Staatliches Italienisches Fremdenverkehrsamt Enit, Zürich, Tel. 043 466 40 40.

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