Berghäuser

Die grösste Erholung beim kleinsten Komfort

24. Mai 2005, 17:33

Plumpsklo, Brunnenwasser und Holzheizung: Warum der Städter, der für seine Ferien ein Berghüsli bucht, dort viel mehr zu tun hat als zu Hause und trotzdem glücklich ist.

Eine Hütte: kein Wasser, kein Strom – das hat den Buben begeistert.
Eine Hütte: kein Wasser, kein Strom – das hat den Buben begeistert.
Von Hannes Nussbaumer

Man war skeptisch. Das Werbevokabular der Berghüsli-Agentur hatte einen ratlos gelassen. Erstens wollte einem nicht recht klar werden, was man unter «Entstressing» zu verstehen hat. Zweitens irritierte einen der Umstand, dass man laut Katalog gleich bei Dutzenden der aufgeführten Hütten ausgezeichnet «die Seele baumeln lassen» könne. Ein Running Gag, den man nicht begriffen hat?

Vor allem eine Fehlinformation. Holz spalten, den Wassereimer zum Brunnen tragen, den Ofen einheizen, das Abwaschwasser entsorgen: Da war von Baumeln-Lassen keine Spur, dafür floss der Schweiss und schmerzten die Hände. Drei Tage (und zwei sehr kalte Nächte!) verbrachte man so in einer simplen Alphütte auf der Lauchernalp über dem Lötschental.

Anschliessend das Kontrastprogramm: ebenfalls ein Berghaus im Wallis, wenn auch jetzt in Törbel über dem Mattertal, ebenfalls bei der Entstressing-Agentur gebucht, doch mit Strom und WC, warmem Wasser und Fernseher ausgerüstet.

Surrealismus auf der Alp

«In welcher Hütte hat es dir besser gefallen?» Der Siebenjährige, der sich bereit erklärt hatte, beim Ausprobieren des Berghüsli-Angebots mitzuhelfen, antwortete sofort: «In der ersten.» Die Begründung: «Dort gabs mehr Arbeit.» Der Junge brachte es auf den Punkt: Ferien im Plumpsklo-Brunnenwasser-Berghüsli offenbaren die paradoxe, nämlich die erholsame Seite des Arbeitens. Die Distanz zu Büro und Stadt und Strassenalltag stellt sich augenblicklich ein, wenn der Lebensinhalt darin besteht, fürs Alltägliche zu sorgen, nämlich für eine warme Stube und eine Kanne heissen Tees.

Wenn der Weg zum heissen Tee dazu noch über Stock und Stein führt (weil der Brunnen nicht gleich vor der Tür steht) und vom aufgeregten Pfeifkonzert der Murmeltiere begleitet wird, erscheint einem die andere, gewohnte Welt, die einen gerade noch mit Haut und Haaren in Beschlag genommen hatte, bald Lichtjahre entfernt. Man beginnt zu ahnen, was man sich unter Entstressing vorzustellen hat.

Dabei hatte sich die Skepsis auch mit der Ankunft auf der Lauchernalp nicht gelegt. Im Gegenteil. «So viele Hüsli . . .», staunte der Junge, «das habe ich mir anders vorgestellt.» Das Foto im Katalog hatte eine einsame Hütte gezeigt. Die Lauchernalp-Realität besteht aus einer Unmenge gleichförmiger, unansehnlicher Neu-Chalets. Man hatte sich ein charmantes, unberührtes Alpwiesenrevier vorgestellt und fand sich jetzt im präzisen Gegenteil dieser Vorstellung wieder.

Das Berghüsli selbst brachte die Besänftigung. Eine alte, simple Holzhütte, ein ebenso alter, simpler Ofen, eine einfache Stube und - im unteren Stock gelegen und daher bedauerlicherweise unerreichbar für die Ofenwärme - ein Schlafzimmer. null Komfort, total charmant.

Zudem: Der Weg zum Hüsli führte einen ganz an den Rand der Chaletansammlung. Wenn man sich auf der Sitzbank vor dem Haus richtig platzierte, gelang es einem sogar, das Walliser Bergpanorama ohne Chaletdächer ins Blickfeld zu bekommen.

Pädagogisch günstige Komfortbaisse

Wie erhofft herrschte totale Ruhe (abgesehen von den Pfiffen), doch verlieh dies dem Ambiente weniger eine lauschige denn eine surreale Note: Die Lauchernalp in der Zwischensaison ist ein Dorf ohne Leben, dafür mit Hunderten von geschlossenen Fensterläden und kalten Kaminen. Geisterstunde über dem Lötschental.

Die minimale Infrastruktur des Häuschens (beziehungsweise die Notwendigkeit des maximalen, solidarischen Engagements seiner Bewohner) erwies sich im Übrigen auch in pädagogischer Hinsicht als wirkungsvoll: Der Junge widmete sich mit ungeahnter Energie und konstanter Begeisterung der Hausarbeit. Und nahm es klaglos hin, dass sich der Handy-Akku nicht mehr aufladen liess. Kein Murren - obschon er doch gerade erst entdeckt hatte, dass sich Handys nicht nur zum Telefonieren eignen, sondern auch ein Sortiment von Geschicklichkeitsspielen umfassen. Seine Überlegung war so logisch wie richtig: In einem Berghüsli gibts keine Steckdose, also gibts auch nichts aufzuladen und folglich nichts zu reklamieren. Also hatte man ausgiebig Zeit für gemeinschaftliche Aktionen - noch ein Beitrag zum Glück.

Gartenzwerge und Betonplatten

Zurück auf den Talboden, wo die Fensterläden offen und die Temperaturen höher waren, neu einkaufen, neu ausrüsten und dann die abenteuerliche Strasse Richtung Törbel nehmen, zum Berghüsli Nummer zwei. So verschieden wie das Angebot der Entstressing-Agentur, so verschieden sollten die beiden Testhüsli sein - und das waren sie auch.

Während einen bei der einfachen Variante auf der Lauchernalp nichts als das Notwendigste erwartete, empfingen einen bei der zweiten, weniger einfachen Variante erstens eine Walliser Fahne, zweitens eine Schweizer Fahne, drittens eine Armee von Gartenzwergen, viertens eine Hollywoodschaukel, fünftens eine Kinderrutschbahn und ein Kinderhaus aus farbigem Plastik, sechstens eine Kinderschaukel, siebtens ein gemauertes Garten-Cheminée. Das sind - vorausgesetzt, man ist mit dem entsprechenden Geschmack ausgestattet - alles fraglos erfreuliche Gegenstände. Aber nicht gerade die klassischen Berghüsli-Accessoires.

Lieber steckdosenlos

Während der Hüsli-Katalog das Lauchernalp-Exemplar als «Alphütte» bezeichnet, erscheint das Haus oberhalb von Törbel als «heimeliges Ferienhaus mitten in Alpwiesen und Nadelwäldern in wunderbarer Aussichtslage». Das ist alles korrekt, namentlich die «wunderbare Aussichtslage» - der Blick schweift nach Grächen auf die andere Talseite, auf die Mischabel-Gruppe oder Mattertal-aufwärts Richtung Zermatt. Allenfalls liesse sich über das «heimelig» diskutieren - aber das (siehe oben) ist eine Frage des Geschmacks.

Gewiss ist auch: Die Umgebung ist prächtig, eine kleine Kapelle in unmittelbarer Nähe des Hauses präsentiert die Bildchen aller verstorbenen Törbeler (was den Jungen zur Frage veranlasste, ob die alle Papst gewesen seien), hübsche Wanderwege lassen einen das spektakuläre Panorama aus allen Perspektiven erleben, und zudem ist Zermatt samt seinem Matterhorn in Nachmittagsausflugsdistanz zu finden.

Bloss: Das Gartenzwerghaus ist ein Ferienhaus, wie man es landauf, landab antrifft - ohne Alphüttencharme, ohne Zurück-zur-Einfachheit-Faszination. So stand man auf der Betonplattenterrasse und wünschte sich die Stolpersteintreppe auf der Lauchernalp, das Eimer-zum-Brunnen-Tragen und die Absenz von Steckdosen zurück, wurde sich bewusst, dass man sich selten so gut erholt hat wie während der arbeitsintensiven Tage über dem Lötschental.

Und man ertappte sich dabei, dass auch die Erinnerung an die kalten Nächte, die surreale Geisteratmosphäre und das Plumpsklo nichts an der Sehnsucht zu ändern vermochten.

Die zwei Häuser

Die beiden getesteten Häuser werden von der Agentur «Ferien im Grünen GmbH für Entstressing - Alternativferien im Grünen» in Walzenhausen AR angeboten (Details siehe Kasten unten).

Die Alphütte auf der Lauchernalp eignet sich für eine bis drei Personen. Vermietet wird sie in der Regel von Juni bis September; sie ist per Gondelbahn oder per Auto erreichbar. Die Einrichtung ist sehr einfach. Der Preis: 70 Franken pro Tag.

Das Ferienhaus oberhalb von Törbel umfasst zwei Wohnungen, von denen je nach Bedarf eine oder beide gemietet werden können. In der grösseren Wohnung haben sechs, in der kleineren drei Personen Platz. Das Haus liegt etwas abseits der Strasse auf die Moosalp. Es ist per Post- oder Privatauto erreichbar. Die Miete beträgt 80 Franken pro Tag und Wohnung. (han)

Zahlreiche Berghüsli-Angebote

Wer in einer Berg- oder Alphütte Ferien machen möchte, kann unter vielen Angeboten wählen. Leider sind sie nicht zentral abzurufen.

Die Agentur «Ferien im Grünen» in Walzenhausen AR führt einen ausführlichen Katalog mit mehreren Hundert Häusern aus der Schweiz und aus anderen Ländern. Darunter befinden sich allerdings nicht nur Alphütten. Der Katalog kann unter www.alp-see-ferienhaeuser.ch abgerufen oder unter der Telefonnummer 071 880 06 06 bestellt werden.

Ebenfalls ein Angebot an Hütten in der Schweiz und im Ausland führt die Internetseite www.huetten.com .

Auch über die www.ferienhaus-ferienwohnungen.ch lassen sich Alphütten finden. Interessenten und Vermieter von Alphütten und anderen Ferienhäusern können hier ihren Hauswunsch beziehungsweise ihr Angebot kostenlos eintragen.

Alphütten-Angebote finden sich zudem auf den Internetseiten verschiedenster Destinationen. Zahlreiche grosse und kleine Ferienorte haben Alphütten im Angebot - ob im Wallis, in Graubünden, in der Ost-, West-, Zentralschweiz oder im Tessin. Auch die Internetseite von Schweiz Tourismus ( www.myswitzerland.com ) führt Alphüttenangebote auf. Hinzu kommen viele Privatpersonen, die ihr Angebot selbstständig ins Internet gestellt haben.

Es empfiehlt sich, direkt in den einzelnen Tourismusregionen anzufragen oder selbst im Internet zu suchen. Die Angebote sind zahlreich. (han)

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