Leben

Wenn der Auenwald an der Maggia erwacht

22. März 2006, 18:04

Frühlingsgefühle kommen auf im Maggiatal, wo sich Wasser und Wald durchdringen. Der frei fliessende Fluss formt die Auenlandschaft immer wieder um.

Von Christina Leutwyler

«Schaukeln verboten», warnt das Schild am Betonpfeiler, an dem die 340 Meter lange Hängebrücke von Someo beginnt. Sie schwingt so schon genug, unter jedem Schritt. Wiegenden Ganges tritt man übers Wasser. Die Hand gleitet sicherheitshalber dem rostfarbenen Drahtseil entlang, das vom stetigen Reiben glänzt. Gehen und die Landschaft betrachten – beides zusammen ist schwierig auf diesem Steg, der sich über das Flussbett der Maggia spannt. Also steht man still, während die Brücke weiter wippt. Zügig gleitet der breite Bach über die rund geschliffenen Steine dahin. Darüber legt sich ein Netz aus Licht.

Er ist schmal hier, der Wasserlauf. Und überhaupt nicht tief. Links grenzen ihn wuchtige dunkelgraue Granitblöcke ab, rechts umspült er eine Kieselbank, die hell in der wärmenden Sonne liegt. Die Büsche tragen noch keine Blätter an diesem Märztag. Grünes ist selten: hier eine Föhre, dort ein Efeu, der sich um einen Stamm rankt. Der Frühling ist spät dran dieses Jahr.

Unter der Brücke breitet sich jetzt eine trockene, steinige Schwemmebene aus. Daraus ragt ein lichter Erlenwald: gerade silbergraue Stämmchen, dicht an dicht. Hinter dem Gewirr der kahlen Äste erhebt sich der 2446 Meter hohe Madone di Camedo. Wie eine schneebedeckte Pyramide hebt er sich vom Blau des Himmels ab. Ganz am Ende überquert die Brücke noch einmal einen schmalen Arm der Maggia, die hier nur noch leise über die Steine rinnt. Der Fluss kann sich seinen Weg frei suchen in dieser Auenlandschaft von europäischer Bedeutung. Wenn er mehr Wasser führt, teilt er sich in bis zu sechs Arme. Sie trennen und finden sich wie die Strähnen eines Zopfs.

Den Lebenssaft abgezapft

Doch jetzt sind es weniger. «Wir haben drei aussergewöhnlich trockene Winter hinter uns», erklärt Gabriele Carraro, einer der Mitinhaber der Umweltberatungsbüros Dionea in Locarno. Gleichwohl werden die Zuflüsse der Maggia grösstenteils hinter den Staumauern der Elektrizitätsgesellschaften zurückgehalten oder weggeleitet und über die Turbinen gejagt. «Es ist», sagt Carraro, «als zapfte man einem Bewusstlosen noch einen halben Liter Blut ab.»

Würde man von der Hängebrücke stracks losmarschieren, wäre man nach 45 Minuten in Giumaglio. Doch interessanter ist es, zwischen Bäumen und Büschen herumzustreifen. Da liegen noch Pfaffenhütchen vom letzten Jahr. Die Berberitze streckt ihre Dornen aus. Aus der Böschung leuchten die Blüten des Huflattichs wie winzige Sonnen hervor. Und eine Weide blüht, obwohl ihr Stamm gespalten ist.

Je genauer man sich umschaut, desto mehr Anzeichen findet man dafür, wie kräftig, ja gewaltsam das Wasser hier vorbeiziehen kann: Dichte, dürre Grasbüschel haben sich in Baumwurzeln verfangen. Kleine Hölzer haben sich am Fusse von Büschen zu Barrieren verkeilt. Knorrige Äste wurden angeschwemmt, ganze Baumstämme niedergedrückt oder umgelegt.

«Das Flussbett sieht immer wieder anders aus», sagt Carraro. Inseln werden weggetragen und entstehen wieder neu. Da das Wasser zwischen den Kieseln schnell abfliesst, bilden sich Trockenbiotope mit Krautpflanzen und Büschen. Ans Flussbett grenzen die Auenterrassen, auf denen Erlen oder Weiden wachsen. Und noch etwas weiter weg, wo der Fluss nur noch selten überschwemmt, entsteht mit den Jahrzehnten eine Hartholzaue aus Eschen, Ahorn, Ulmen, Buchen, Eichen und Schwarzpappeln. Der Vielfalt von Lebensräumen entspricht eine Vielfalt von Arten auf kleinstem Raum. «Wir haben hier schon Alpenblumen gefunden – auf gut 300 Meter über Meer», sagt der Forstingenieur.

Wald kommt zurück, wo Öde war

Am stärksten krempeln Überschwemmungen die Landschaft um. Sie bringen nicht nur Wasser, sondern auch riesige Mengen von Geschiebe mit. Eines der verheerendsten Hochwasser geht auf das Jahr 1868 zurück. Es gibt historische Aufnahmen, die zeigen, wie es damals rund um Someo aussah. Das kam so: Mitglieder der Familie Tomasini, die nach Kalifornien ausgewandert waren, erwogen, ins Maggiatal zurückzukehren. Doch die daheim Gebliebenen rieten brieflich davon ab. Da die Emigranten nicht recht an die Schäden glauben mochten, schickten sie Geld für eine Daguerreotypie, eine frühe Form der Fotografie. Diese zeigte tatsächlich, dass die Maggia den gesamten Talboden verwüstet hatte. Abzüge der historischen Aufnahmen brachten Nachfahren der kalifornischen Tomasinis mit, als sie vor rund 15 Jahren im Maggiatal nach ihrer Herkunft forschten. Dort, wo das Bild öde Leere zeigt, hat sich inzwischen wieder der Auenwald breit gemacht.

Die Maggia kann noch heute hoch daherkommen, toben, brüllen und alles mitreissen. Daran ändern die Wasserfassungen der Elektrizitätswerke nichts. Während des Hochwassers von 1978 führte der Fluss doppelt so viele Kubikmeter pro Sekunde wie die mittlere Wassermenge des Nils. Doch meist ist die Maggia leise. «Sie haben sie vor einem halben Jahrhundert zum Verstummen gebracht», sagt Carraro. Oder wie es der Geograf Bruno Donati formuliert: «Auf den Moment, als die Wasser gefasst wurden, folgte ein grosses Schweigen, eine Leere, wie sie der Verlust eines geliebten Menschen hinterlässt.»

Auf dem Weg nach Giumaglio kommt man an Da Lögh vorbei, einer Ansammlung kleiner Rustici. Ringsum blühen blassgelb die Haselsträucher, die sich im Wald verlieren. Das trockene Laub am Boden deutet auf Ahorn, Buchen, Eichen und Kastanien hin. Unten am Fluss müssen früher Gärten gelegen haben. «Bei Bodensondierungen haben wir in 1,70 Meter Tiefe eine 40 Zentimeter dicke Schicht Gartenerde gefunden», erzählt Carraro. Wann das kostbare Stück fruchtbarer Erde verschwand, ist nicht bekannt.

Das Überleben im Maggiatal war enorm hart. Jeder Quadratmeter Land wurde genutzt, vom Talboden bis hinauf auf die Alpen. Davon zeugen noch die Terrassen, die Generationen rund um die Dörfer angelegt haben, um den steilen Bergflanken Land abzuringen. Oder die Pergola: Reben wurden an Granitpfeilern emporgezogen - nicht etwa, um darunter im Schatten sitzen zu können, sondern um darunter etwas anderes anzupflanzen.

Das Leben in dem von Gletschern ausgehobelten Tal spielte sich auf mehreren Ebenen ab. Den Winter verbrachte man unten im Tal. Im Frühling zog man auf die Monti, die Maiensässe auf bis zu 1000 Meter Höhe. «Es war ein ständiges Auf und Ab», sagt Carraro. Und der Tod ein ständiger Begleiter: Darstellungen des Sensenmanns mit der Sanduhr in der Hand oder von Totenköpfen fallen einem noch heute an den Wegkapellen und Beinhäusern in Someo oder Coglio auf.

Bald schon grüne Tunnel über Wegen

Wurde nie erwogen, die Maggia zu begradigen, um ihr im Tal mehr Land abzugewinnen? Bis in die 80er-Jahre des letzten Jahrhunderts wurde dies tatsächlich diskutiert. Mehrere Gründe spielten mit, dass es letztlich nicht so weit kam. Der Bund und der Kanton hätten Dutzende von Millionen ausgeben müssen, um den Fluss zu bändigen. Doch sie zögerten, denn das Maggiatal war entvölkert und hatte politisch wenig Gewicht. Parallel dazu begann sich das Umweltbewusstsein zu entwickeln. «Es fehlte wenig. Aber wie durch ein Wunder ist die Landschaft geblieben, wie sie war», freut sich Carraro. Und die Maggia fliesst noch heute frei durch den Auenwald. Er ist noch sehr licht und ohne Frühlingslaub, dieser Wald. Aber schon bald wird sich das Blätterdach an manchen Stellen wie ein grüner Tunnel über Fusswegen und verwunschenen Winkeln am Wasser wölben.

Jetzt wird der Weg schmaler. Er zieht sich unter bewaldeten Felsen dahin. Mehrere Arme der Maggia vereinen sich hier, das Wasser wird tief und grün. Und wieder spannt sich eine Hängebrücke über das Flussbett, diesmal hinüber nach Giumaglio. Auch sie schwankt und schwingt, wippt und vibriert. Schritt für Schritt.

Tipps und Infos

Anreise
Ab Bahnhof Locarno Bus Nr. 10 ins Maggiatal. Haltestelle Giumaglio, Feldweg zum Steg über die Maggia. In Someo: bei Garage Mattei an den Fluss.

Übernachten
Eco-Hotel Cristallina (Coglio), als umweltfreundl. ausgez., Ristorante-Pizzeria biologisch, DZ ab 100 Fr. Fam. Kälin-Medici, Tel. 091 753 11 41. www.hotel-cristallina.ch . – Caq Serafina Pensione (Lodano), gepflegtes Kleinhotel, DZ ab 160 Fr. Alexa Thio, Tel. 091 756 50 60, www.caserafina.com .

Schlafen im Stroh
Azienda La Ghiandaia (Maggia), bis 15 Strohbetten auf dem Heuboden, Dusche, Frühstück mit Produkten vom Bauernhof, falls gewünscht einfaches Abendessen. 25 Fr. p. Pers. Saison: Juni–Sept., Maurizio und Lucia Lorenzetti, Tel. 091 753 18 93.

Typische Küche
Bocciodromo (Cavergno), bekannt für Schmorbraten, Tel. 091 754 16 33. – Grotto Pozzasc (Peccia), lauschig am Wasser gelegen, Tel. 091 755 16 04. – Ristorante La froda (Foroglio, Val Bavona), hausgem. Salumeria, Tel. 091 754 11 81.

Pferdeausflug
Ranch Amlögna (Maggia), begleitete Reitausflüge bis 3 Std., Tel. 091 753 28 53 od. 079 221 62 78.

Weitere Infos
Vallemaggia Turismo, Maggia, Tel. 091 753 18 85, www.vallemaggia.ch .

Waldspaziergänge im Tessin

Der magische Wald. Dreieinhalbstündige Rundwanderung entlang des Naturlehrpfads über die Collina di Maia zwischen Losone und Arcegno. Eichen, Birken, Kastanien, Adlerfarn, Teiche und Moore, von Gletschern rund geschliffene Granitkuppen und Findlinge. In einer Höhle lebte der charismatische Aussteiger Gusto Gräser (1879–1958), bei dem Hermann Hesse das Einsiedlern ausprobiert haben soll. Infos: Ente Turistico Lago Maggiore, Tel. 091 791 00 91.

Der artenreiche Wald. Vierstündige Rundwanderung entlang des Naturlehrpfads ab Serpiano im Mendrisiotto. Artenreiche Laubmischwälder (u. a. Hopfenbuche, Eiche, Linde, Ahorn, Esche) auf basischem Kalkgestein wechseln mit dürftigerem Wald (Traubeneiche, Edelkastanie) auf saurem Kieselgestein ab. Einzigartige Flora: die Grasblättrige Schwertlilie (Mai) und die bis zu 1,20 Meter hohe blassblaue Drüsenglocke (Juli). Infos: Ente Turistico del Mendrisiotto e Basso Ceresio Tel. 091 646 57 61.

Der Kastanienwald. Nach Arosio im oberen Malcantone zuerst ein Abstecher in südlicher Richtung zur Kastanien-Selve von Induno und kurzer Rundgang zurück nach Arosio. Von dort Richtung Mugena, wo man auf dem Weg nach Vezio eine weitere Kastanien-Selve durchquert. Weiter nach Fescoggia. Infos: Ente Turistico del Malcantone, Tel. 091 606 29 86. (cl)

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