Cammino di Francesco
Hinter Franz von Assisi her zu sich selbst
04. September 2007, 20:59Es muss nicht zwingend der Jakobsweg sein: Für Menschen, die wandernd in sich gehen möchten, eignet sich der Cammino di Francesco bestens.
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Infografik
- Mittelitalien
Von Marc Zollinger
Es wird Valle Santa genannt, heiliges Tal, ist offen und rund wie ein Amphitheater. Franz von Assisi liebte diesen Ort. Hierher zog sich der Heilige von den weltlichen Wirren zurück. Hier fand er zur Ruhe, erlebte Stille. Hier erwartete ihn eine bezaubernde Natur, die zu durchschreiten ihn erdete und zugleich beflügelte.
Franziskus war viel unterwegs, pilgerte auch nach Santiago de Compostela, missionierte in Syrien oder Ägypten, doch immer wieder zog es ihn in dieses heilige Tal in den Abruzzen zurück, in dem er jenes Einssein mit allem erfuhr, das er im berühmt gewordenen «Sonnengesang» beschreibt.
Ein Kloster nach dem anderen
Dieses höchste aller Gefühle ist gewiss nicht an einen Ort gebunden, doch das Valle Santa ist noch heute ideal dafür. Obwohl es nur achtzig Kilometer nordöstlich von Rom gelegen ist, konnte das Tal viel von seiner natürlichen Schönheit bewahren. Sie ist auf einem noch wenig bekannten Pilgerweg zu entdecken. Dieser erstreckt sich über fünf Etappen und achtzig Kilometer den Pfaden entlang, die Franziskus Anfang des dreizehnten Jahrhunderts durchschritt, und die zu den Orten führen, an denen der Ordensbruder verweilte. Die Reise beginnt in Rieti, dem Hauptort des Tales, der im Mittelalter auch Päpste beherbergte. Rieti ist darum reich und attraktiv. Trotzdem ist es verkannt. Nur wenige Touristen finden den Weg hierher.
Auch die vier Klöster, die wie Perlen am Weg aufgereiht sind, wirken noch nicht als die Magnete, die sie sein könnten. Jedenfalls werden sie nicht von Massen besucht wie Assisi, wo Franziskus geboren wurde und starb.
Im Kloster Fontecolombo, das man den «franziskanischen Berg Sinai» nennt, schrieb der Mönch die Ordensregel seiner Glaubensgemeinschaft. Hier liess er sich auch an den Augen operieren – mit glühendem Eisen, ohne Schmerzmittel. Man kann die Originalschauplätze dieses Thrillers besuchen, den Film vor dem inneren Auge abspielen und so vielleicht erkennen, welche Kraft in dem kleinen Mann geborgen lag. Und wie sehr sein Geist jenseits des Körpers ruhen musste – dort, wo alles eins ist. Denn nur dort sind solche Schmerzen auszuhalten.
Greccio, die zweite Perle und das Ende der ersten Pilgeretappe, gilt als «neues Bethlehem». Hier liess Franziskus, so heisst es, in der Weihnachtsnacht von 1223 ein Krippenspiel zeigen, mit lebendigen Figuren – Menschen und Tieren. Das Kloster ist auch architektonisch ein Kleinod. Die Unesco hat es vor kurzem als Welterbe verzeichnet.
Von Greccio führt der Weg durch die Ebene, an einem Naturschutzgebiet mit kleinen Seen vorbei. Einst war die ganze Ebene ein einziger grosser See. Die Römer haben sie entwässert, um fruchtbares Land zu gewinnen. Diese Etappe verläuft leider auf befahrenen Asphaltstrassen. Ein Naturweg durch das an sich malerische Gelände ist erst in Planung. Etwas ausserhalb der Ortschaft Poggio Bustone und umgeben von mächtigen Wäldern befindet sich das dritte Kloster. Auch diesem Ort werden schöne und wundersame Geschichten zugewiesen, deren Sinn es ist, die Magie von Franziskus für Weltenbürger fassbar zu machen. Tiefer indes dringt diese Magie, wenn sich der Pilger selber dem öffnet, was Franziskus übermenschliche Kraft gab: der Stille. Wenn man Glück hat, findet man sich alleine im Untergeschoss, dort, wo Franziskus zusammen mit seinen Glaubensbrüdern meditierte. Der von Felsen umfasste Raum wirkt in seiner Stille so stark, als spräche die Ewigkeit.
Ruhe statt des Santiago-Rummels
In den bisher erwähnten Klöstern führen immer noch Franziskanermönche ihr zurückgezogenes Leben. Im vierten und schönsten, La Foresta, bereiten sich indes Jugendliche auf die Rückkehr in die Welt vor. Disziplin, klare Strukturen und die Arbeit zwischen den peinlich genau ausgerichteten Gartenbeeten soll Ordnung schaffen, aussen und innen, um dadurch nicht mehr ins Chaos der Drogen zu stürzen. Franziskus sei der erste Ex-Drogensüchtige gewesen, der sich in La Foresta aufgehalten habe, sagt der leitende Pater. Er habe seine intensiven Sehnsüchte in jungen Jahren ebenfalls in weltlichen Exzessen zu stillen gehofft.
Der Cammino di Francesco führt die Wanderer und Pilger im Kreis herum, entlang den Hügelzügen, teilweise auch auf der Ebene. Vier malerische Franziskanerklöster liegen an der Route, und zwei Abstecher verlassen den Zirkel: einer führt zur wundersam deformierten Buche, die sich, der Legende zufolge, während eines starken Gewitters schützend über Franziskus bog. Der andere Abstecher geht hinauf zur Kathedrale auf einer Bergschulter unterhalb des Terminillo (2216 m ü. M.), in deren Innerem eine Reliquie des Heiligen aufbewahrt wird.
Den Frieden mit sich selbst finden
Natürlich ist der Franziskusweg keine Konkurrenz für den Jakobsweg, der mit rund 800 Kilometern auch zehn Mal länger ist: Lediglich 5000 Pilger wurden letztes Jahr gezählt, während es knapp 200 000 waren, die nach Santiago de Compostela wanderten. Doch er ist eine schöne Alternative. Tomas, ein Psychologe aus Sevilla, der regelmässig pilgern geht, um mentales Gewicht loszuwerden, ist sehr angetan vom Franziskusweg. Er sei sehr «spirituell» – eine Oase des Friedens, geradezu ideal, um Geist, Seele und Verstand in Einklang zu bringen. Zu den Nachteilen zählt der 48-jährige Pilger eher weltliche, aber nicht unbedeutende Dinge wie die teureren Preise für Übernachtungen und Mahlzeiten sowie die Beschilderung, die an manchen Scheidewegen unklar ist und zu Umwegen führen kann. Den Jakobsweg hingegen, den Tomas gut kennt, bezeichnet er als «grosse Party». Alleine sei man dort nie.
«Buon giorno, buona gente!», sagte Franz von Assisi, als er 1209 zum ersten Mal ins Tal von Rieti kam – «guten Tag, ihr guten Menschen!». Er habe die Bevölkerung sehr geschätzt, wird gerne betont. Auch heute zeigen sich die Einwohner den Pilgern gegenüber ausgesprochen freundlich und hilfsbereit. Der Einfluss von Franziskus sei immer noch spürbar, sagt Marisa Archivoli. Die 60-jährige Pilgerin läuft jeden Tag von Rieti zum Kloster La Foresta. Der Auslöser ihrer permanenten Pilgerschaft war ein Herzinfarkt. Der tägliche 15-Kilometer-Lauf liess ihr Herz gesunden, und es heilten auch nichtkörperliche Wunden, die sie sich in jungen Jahren zugezogen hatte.
Heute weiss sie, dass Gott nicht das ist, was ihr gepredigt worden war: «Gott ist nichts anderes als der Friede mit sich selbst, der dazu führt, dass man achtsam mit allen Geschöpfen der Natur umgeht. Denn Gott ist die Natur, weil sie seine Sprache ist.» Diese Worte, die auch von Franziskus stammen könnten, hat Marisa Archivoli weder gehört noch gelesen. Sie hat sie sich erlaufen.%perl>
Tipps und Infos
Italien und die Pilgerwege: Rom, Italien, das ist die Wiege des Pilgerns. Doch das Land ist längst von diesem Weg abgekommen. Die Strassen gehören den Autos, Wanderwege gibt es kaum, und Schilder, die den Weg weisen, muss man suchen. Die allgemeine Wirtschaftsflaute im Italien der letzten Jahre und vor allem der grosse Erfolg des Jakobsweges nach Santiago de Compostela haben nun einiges in Bewegung gebracht. Unterstützt von staatlichen Ministerien und starken Geldgebern, sind gleich mehrere Projekte angelaufen.
Via Francigena: Der Frankenweg führt vom englischen Canterbury nach Rom. Er führt Gebieten entlang, die im Einflussbereich der Franken lagen. Diese Gruppe westeuropäischer Stämme, die im Mittelalter weite Teile Europas eroberten, hatte mit Franz von Assisi nichts zu tun. In die Infrastruktur der italienischen Streckenteile wird viel investiert.
Cammini di Fede (Glaubenswege): Unter diesem Namen sind zwei Pilgerwege vereint: Die Via Benedicti, von Norcia nach Frosinone, auf den Spuren des Heiligen Benedikt; sowie die Erweiterung des im Haupttext beschriebenen Cammino di Francesco, der letztlich von Assisi nach Rom zum Petersplatz führen soll. www.camminidifede.it. (Website leider «momentan» nur beschränkt gebrauchstüchtig).
Pilgerkarte: Wer den Cammino di Francesco abschreiten will, kann sich bei der APT, dem Tourismusbüro von Rieti, anmelden und erhält darauf einen Pass, der in den vier Klöstern abgestempelt werden kann. Wer mindestens zwei Stempel vorweisen kann, erhält ein Pilger-Zertifikat. Tel: 0039 0746 20 11 46, Mail: aptrieti@apt.rieti.it. Das APT verschickt auch Karten und Informationsmaterial.
Anreise: Mit dem Zug via Rom (Stazione Termini) und Terni nach Rieti. Ab der Römer Eisenbahnstation Tiburtina fährt ein Autobus nach Rieti.
Übernachten: Man kann in allen vier Klöstern übernachten (15-20 Euro per Poperson), braucht allerdings einen Schlafsack. Es empfiehlt sich zudem, vorher anzurufen: Fontecolombo (0039 0746 21 01 25), Greccio (0039 0746 75 01 27), Poggio Bustone (0039 0746 68 89 16), La Foresta (0039 0746 20 00 85). Es gibt ein relativ gutes Angebot an B&B, Pensionen und Hotels. Auf www.camminodifrancesco.it findet sich ein Verzeichnis mit allen Übernachtungsmöglichkeiten.
Weitere Franziskuswege: Franz von Assisi durchwanderte weite Teile Italiens. Und so gibt es viele Wege, die entlang seinen Spuren führen. Zu den bekannten Routen gehört die Strecke FlorenzLa VernaAssisiRietiRom, an der man rund einen Monat zu gehen hat. Siehe dazu: Franziskaner Wanderweg, Reihe «Der Weg ist das Ziel», Band 186, Conrad-Stein-Verlag 2006.
Allg. Infos: www.camminidifede.it, www.camminodifrancesco.it (nur in italienischer und englischer Sprache).





































































































































































