Die Liebe auf Reisen
Augenschmaus und Gaumenkitzel
31. Januar 2008, 22:48Mit 50 ist man reif fürs Wesentliche: eine authentische Küche, Hotels mit Seele und Landschaften, in denen die Augen spazieren gehen.
Von Ulrike Hark
Mit 30 konnten die Reiseziele nicht weit genug entfernt liegen – Kanada, Bali, Thailand, Malaysia. Die Malariaprophylaxe war ein eigentlicher Initiationsritus, der einem lustvoll einimpfte: Jetzt wirds exotisch! Und ich muss gestehen: Selten habe ich Übelkeit mit solchem Pathos getragen – nach der Typhustablette, diesem höllischen Vorboten der Fernreise. Doch mit der Zeit merkt man, dass man nicht alle Geckos zählen kann, die an asiatischen Wänden krabbeln, und wendet sich – leicht erschöpft von langen Flügen – den Geheimnissen und Höhepunkten des europäischen Nahbereichs zu.
Denn erst das Unverwechselbare macht aus einer Ferien-Durchgangsstation einen Ort zum Bleiben. Nicht der livrierte Übereifer eines Fünfsternehotels, wo der Portier einem den Koffer aus der Hand reisst, bevor man überhaupt vorgefahren ist. Oder hoch dotierte Häuser, die zwar eine atemberaubende Lage haben, wo aber die Atmosphäre so steif ist wie ein gestärkter Hemdkragen. Im hoch dotierten Hotel La Chèvre d'Or im malerischen Bergdorf Eze an der Côte d'Azur sind beispielsweise die Kellner so distingués und kühl, dass einem der Espresso in der Hand gefriert.
Unverwechselbar und unvergesslich wirds dort, wo Hotel, Landschaft und Küche im Einklang sind, wo alles harmonisch ineinander greift und das Geniessen – diese intensive Beziehung zur Welt – Raum erhält. Zum Beispiel in Sainte-Anne in der Bretagne. Eine riesige Bucht mit einem einzigen kleinen, feinen Hotel weit und breit. Fisch und Hummer kommen direkt aus dem Wasser nach der Kunst des Hauses auf den Tisch, von dem aus man über Hortensienhecken hinweg die ganze Bucht überblickt. Nach dem Abendessen marschiert man dann barfuss durch den nassen, flachen Sand und erkennt verzückt, wie sich die Sterne im niedrigen Wasser spiegeln und einem zublinzeln. Gaumen und Auge sind beseelt, diese zwei Sinnesorgane, die erst mit zunehmendem Alter so richtig zur Hochform auflaufen (es sei denn, man ist kurzsichtig). Das Schönste jedoch ist, dem Wein einer Traubensorte nachzureisen. Dem Châteauneuf in Südfrankreich oder dem Lagrein in Südtirol. Tagsüber wandert man durch die Reben, und abends tischt der Kellner ebendiesen Wein auf. Ganz abgesehen davon, dass die Weine in der Ursprungsregion noch bezahlbar sind, ist es ein Heidenspass, all die Varianten durchzuprobieren, die Winzer vor Ort so produzieren.
Als Paar ohne Kinder hat man mit 50 bereits viele Hotels bewohnt, Landschaften durchschritten und Küchen ausprobiert. Aber trotzdem findet man stets Neues, Unerwartetes. Vorausgesetzt, man setzt sich zu Hause gern hinter Wanderkarten, studiert «Guide Michelin» und «Gault Millau» und sucht wie Trüffelschweine nach Orten, die andere noch nicht kennen.
Achtung Kinderhotel!
Auf die Gefahr hin, dass beim nächsten Mal Schweizer am Nebentisch sitzen – was dem authentischen Feriengefühl in einem anderen Land abträglich ist – sei an dieser Stelle ein Geheimtipp verraten: Das mirakulöse Wort heisst Tan-y-Foel, ist ein Guesthouse und steht in der einsamen Hügellandschaft von Nordwales. Vater, Mutter und Tochter führen das Haus mit den sechs Zimmern ohne Bedienstete, ein historisches Pfarrhaus aus Bruchstein mit durchgebogenem Dach und verwunschenem Garten, aber ultramodernem Innenleben. Frank, ein Professor aus Connecticut, der in der Minisuite unter dem schrägen Dach logierte, war am anderen Morgen einen Kopf kürzer, aber bester Laune: So ein Haus hatte er noch nie erlebt. Mit gewagtem Hard-Edge-Design, einem Interieur mit Ecken und Kanten, das eine fantastische Spannung ins uralte Gemäuer bringt. Die marktfrische Küche machte Appetit, und ich ertappe mich noch heute, zwei Jahre später, dabei, dass ich die Homepage anklicke und verklärt in den prallen Gemüse- und Rhododendrengarten von Tan-y-Foel Country House starre. Da soll einer sagen, Hotels seien nur zum Übernachten da, austauschbare Orte, wo man nur die Augen zumacht! Das Materielle wird, wenn es stimmig war, in der Erinnerung zwar immateriell, aber unvergesslich.
Familienhotels, die sich kinderfreundlich nennen, sind ab 50 mit Vorsicht zu geniessen, auch wenn Architektur und Landschaft locken. Im trendigen Saratz in Pontresina ist man hoffnungslos underdressed, wenn man keinen Säugling im Arm hat.
Einen Cognac am Cheminée
Dafür ist im Bündnerland ein anderes Traditionshaus wiederauferstanden, das lange Zeit totgesagt war, die Schatzalp oberhalb von Davos. Aber Totgesagte leben länger. Der prachtvolle, doch nicht überrenovierte Jugendstilbau hoch oben auf der Sonnenterrasse – ein ehemaliges Lungensanatorium – ist in neuen Händen und wird wieder ausgezeichnet geführt. Nichts wirkt belebender, als beim abendlichen Cognac am Cheminée zu werweissen, was die wohlhabenden Tuberkulosepatienten, die sich hier komfortabel zu Tode pflegen liessen, wohl zu essen bekamen.
Apropos Essen: Das malerische Regina in Wengen gehört neben der Schatzalp unbedingt ins Schweizer Portfolio lustbetonter Best Ager. Bereits seit Generationen in Händen der Familie Meyer, wird hier an schönster Lage mit viel Anspruch dem Teufel um die Ohren gekocht. Ein Bau aus der Jahrhundertwende mit liebenswürdig sentimentalen Zimmern und unverbautem Blick auf die Jungfrau, wo man die Gewissheit hat, dass die besten Tage nicht hinter, sondern vor einem liegen.%perl>
4 Hotels für Best Ager
Zwei Tipps im Norden:
Das Hotel de la Plage in Sainte-Anne-La-Palud, Bretagne, liegt direkt am Meer. Es bietet einsamste Landschaft für Spaziergänge und Wanderungen oberhalb der Küste plus Küchenkunst mit frischem Fisch und Hummer (1 Stern «Guide Michelin»). www.plage.com
Das Tan-y-Foel Country House liegt einsam in der herb-schönen Hügellandschaf von Nord-Wales. Uraltes Pfarrhaus, innen ultramodern umgebaut. Luxuriöses Hideaway mit nur sechs Zimmern, innovative Küche. www.tyfhotel.co.uk
Zwei Tipps in der Schweiz:
Hoch oben über Davos bietet das historische Jugendstilhotel Schatzalp authentische Architektur, unverbaute Natur mit vielen Wandermöglichkeiten sowie eigenem Alpinum mit seltenen Pflanzen. www.schatzalp.ch
Das autofreie Wengen im Berner Oberland hat mit dem Regina ein kleines Juwel. Es atmet noch den Charme der Jahrhundertwende, hat aber hohe Ansprüche an die zeitgenössische Kochkunst (15 Punkte «Gault Millau»). www.wengen.com/hotel/regina
Tipps und Infos
Kultur- und Gartenreisen
Arcatour bietet Themenreisen mit Experten an. Gartenspezialistin Barbara Scalabrin-Laube führt vom 27.4. bis 3.5. durch die Gartenkunst von Cornwall. Vom 17.5. bis 23.5. North Wales. www.arcatour.ch
Naturwälder in Osteuropa
Studien-Rundreisen nach Osteuropa sind die Spezialität von Silvatur, 1996 vom Schweizer Nationalwaldexperten Andreas Speich gegründet. Der Besuch der wenigen noch erhaltenen Ur- und Naturwälder Europas gehört zum Programm. Ziele: z.B. Polen, Slowenien, Bulgarien. www.silvatur.ch
Kulinarik-Reisen
Kulinarische Entdeckungsreise durch die Emilia Romagna zu Produzenten, in Trattorien und Weinkeller; jeweils FrMo, 18.21.4., 25.28.4.; www.globus-reisen.ch
Musik-Reisen
Mit den Wiener Philharmonikern aufs Mittelmeer: 20.29.6. www.kuoni.ch
Verdis «La Traviata» oder «Aida» in Prag hören (10.13.4.), «Il Barbiere di Siviglia» in Venedig (18.21.4.) oder auf den Spuren der Beatles in Liverpool: www.touriqum.ch
Wander-Kultur-Reisen
Erlebnisreise mit kundiger Leitung nach Armenien, 6.19.9. Pionierreise nach Bali und West-Papua-Neuguinea, 18.7.3.8.
Mit dem Bike durch New York: Kunst, Stadt und Leute, alles per Velo, geführt von einem Künstler, 3.8.5.; www.baumeler.ch






































































































































































