Das neue alte China
18. April 2006, 18:09Wie sich China verwandelt, hat Kai Strittmatter hautnah erlebt: Von 1997 bis 2005 lebte er als Korrespondent in Peking. Seine exklusiven China-Reisetipps.
Von Kai Strittmatter
Das neue China. China ist Wirbelwuselwunderland. Über Nacht rast da plötzlich ein Transrapid, wo gestern noch Äcker waren. Über Nacht gähnt da ein Bauloch, wo gestern noch Ihr Lieblingsrestaurant stand. Auch für den Reisenden gibt es vor dem Wandel kein Entkommen. Manchmal packt einen das Staunen: Wenn man merkt, dass die Altstadt von Shanghai in Wahrheit eine Nigelnagelneustadt ist, die Schöpfung eines chinesischen Walt Disney. Wenn man merkt, dass man deshalb keinen Boden mehr unter den Füssen spürt, weil man eingeklemmt in einer riesigen Walze chinesischer Touristen durch diese Altstadt schwebt. Ja, die Chinesen reisen jetzt auch. Und wie. Beim Frühlingsfest im Februar waren 149 Millionen Chinesen allein mit der Eisenbahn unterwegs.
Und manchmal ist der Wandel ein Segen. Wenn man alleine reist vor allem: Individualtouristen haben es heute unendlich viel leichter in diesem Land. Wo früher der Erwerb eines Zugtickets einen eigenen Zweig von Survivalliteratur inspirierte, wo Leute ohne Kondition und ohne einen gehörigen Frustpuffer oft schon am dritten Tag in Tränen aufgelöst im Büro ihrer Fluggesellschaft sassen und um den Rückflug bettelten.
Heute sprechen viele Chinesen Englisch. Auch Strassen- und Hinweisschilder auf Englisch finden Sie mittlerweile in Chinas Städten mehr als in der Schweiz. Bargeld bekommen Sie mit Ihrer heimischen EC-Karte an Bankautomaten. Reisebüros liefern Ihnen Ihr telefonisch bestelltes Flug- oder Zugticket an jeden beliebigen Ort der Stadt, egal ob ins Museum oder ins Hotel. Der praktische Transport ist überhaupt einer der Vorteile der Überbevölkerung: Irgendetwas fährt immer irgendwohin. Und in fast allen Städten wimmelt es von guten Hotels aller Preisklassen; buchen können Sie - mit Rabatt und auf Englisch - bequem über Webseiten wie Elong.net . Wie sehr das sich dem Profit verschreibende China zum Serviceparadies geworden ist, lässt sich nicht zuletzt an der Sprache ablesen. Früher war «mei you» der erste und oft einzige chinesische Ausdruck, den jeder Reisende lernte, weil er einem tausendfach entgegengeschmettert wurde. «Mei you» bedeutet: «Haben wir nicht! Gibts nicht!» Heute lernen viele Touristen zuallererst diesen Satz: «Bu yao!» - «Will ich nicht! WILL ICH WIRKLICH NICHT!» Zur Selbstverteidigung.
Das alte China. Dinge, die sich nicht geändert haben. Neben dem Hang zur Anarchie (nein, offiziell herrscht in Peking kein Linksverkehr) und der Lust am spontanen Verhör («Woher kommst du? Wie viel verdienst du? Findest du China gut oder schlecht?») sind dies vor allem: Volkssport Nummer eins - die Lust am Essen. Noch immer widmen sich die Chinesen der Zubereitung und dem Genuss von Essen mit einer Leidenschaft, dass man als zufällig in den Wok gefallener Besucher auf der Stelle allen anderen fleischlichen Genüssen abschwören möchte. Allein die Entdeckung dieser kleinen Pforte zum Himmelsreich lohnt dem Mutigen das Alleinreisen, denn leider machen Gruppenreisende oft die Erfahrung: Es schmeckt wie zu Hause im Chinarestaurant. Also gar nicht nach chinesischem Essen. Ein Hinweis: Reis ist Sattmacher und lenkt vom guten Essen ab - noch immer wird der Reis in China deshalb traditionell am Ende eines Essens serviert, noch immer sieht man deshalb Abend für Abend Ausländer in Lokalen wild gestikulierend um ihre Schüssel Reis kämpfen. Meist vergebens.
Und Volkssport Nummer zwei: die Lust am fröhlichen Lärm. Noch immer ist der Verdacht nicht ausgeräumt, dass dort, wo sich bei anderen Menschen Gen-Stränge befinden, die Chinesen Baupläne für Feuerwerk tragen. Glauben Sie mir: Sie können Ihre Unterwäsche und Ihre Kreditkarte vergessen und trotzdem schöne Ferien haben, eines aber sollten Sie niemals zu Hause lassen: Ihre Ohrenstöpsel!
Kai Strittmatter lebt heute in Istanbul. Sein Buch «Gebrauchsanweisung für China» ist 2004 erschienen. Piper-Verlag, 23.50 Fr.Kultur
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