Kultur

USA

In die Begeisterung mischt sich Unmut

07. Mai 2007, 12:54

Die neue Glasbrücke Skywalk am Grand Canyon bietet einen imposanten Ausblick auf den steinernen Abgrund. Wer aber zu hohe Erwartungen an die Attraktion hat, wird enttäuscht.

3000 Besucher stehen täglich auf der Glasbrücke. Doch bei der Höhendifferenz haben die Initianten geschummelt.
3000 Besucher stehen täglich auf der Glasbrücke. Doch bei der Höhendifferenz haben die Initianten geschummelt.
Von Renzo Ruf

Vorsichtig, ganz vorsichtig! Abgestützt auf ihren Mann Frank, setzt Claire einen Fuss vor den anderen. «Du schaffst es, Honey», sagt Frank zärtlich. «Ich versuche es», gibt Claire zurück. Und tatsächlich: Im Schritttempo bewegt sich das ältere Ehepaar auf der hufeisenförmigen Brücke aus Glas voran. Ab und zu bleiben die beiden stehen und geniessen den Ausblick auf den Grand Canyon. Nach unten allerdings schauen sie nicht. «Wir sind nicht schwindelfrei», sagt Claire. Den Eintritt von 74.95 Dollar pro Person haben sie dennoch bezahlt. «Allein für diesen Blick lohnt sich das Geld.»

So wie Claire und Frank denken viele Touristen. Seit März, als der Skywalk eröffnet wurde, stehen die Schaulustigen Schlange. «Wir haben nun 3000 Besucher pro Tag», sagt Sanford, der an der Kasse arbeitet. «Und alle sind begeistert.» Angesichts dieses positiven Echos sei auch die Kritik einiger Mitglieder des Stammes der Hualapai-Indianer verstummt, auf deren Gelände die Brücke steht. Damit scheint die Rechnung einer Investorengruppe um den Reiseveranstalter David Jin aus Las Vegas aufzugehen. Rund 30 Millionen Dollar haben sich die anonymen Geldgeber den Bau aus Glas und Stahl kosten lassen. Die Hualapai werden an den Einnahmen beteiligt. Auch wurden zahlreiche Arbeitsplätze geschaffen.

Umweltfragen spielen keine Rolle

In Wirklichkeit kommen aber nicht alle Touristen verzückt von ihrem Ausflug an den Grand Canyon West zurück. So zeigt sich John, ein Kanadier aus Edmonton, zwar beeindruckt vom Naturschauspiel an der Schlucht. «Es scheint aber», sagt er, «als habe es mit der Eröffnung des Skywalks pressiert.»

Er hat Recht. Die Touristenattraktion wirkt unfertig. Dieses Gefühl beschleicht einen bereits bei der Anfahrt: Während 20 Kilometern fehlt auf der Zufahrtsstrasse der Belag. Im Schritttempo rumpeln deshalb die Autos über Stock und Stein, häufig in Kolonnen, mit Bussen und Lastwagen. Die Staubwolken dieser Karawanen sind meilenweit zu sehen. «Kein schöner Empfang», sagt Sanford, der Angestellte. Im Winter werde die Strasse deshalb mit einem Belag versehen.

Am Eingang zum Grand Canyon West herrscht Hochbetrieb. Die Helikopter starten und landen auf dem Flugplatz, der momentan vergrössert wird, im Minutentakt. Sie bringen die Touristen auf den Boden der Schlucht. Weil die Hualapai ihr Reservat von der Grösse des Kantons Waadt selber verwalten, sind sie nicht an Umweltauflagen gebunden. Während im berühmten Nationalpark am östlichen Ende des Grand Canyons Erkundungsflüge verboten sind, wird hier ein Geschäft damit gemacht.

Touristen müssen ihr Auto am Eingang des Skywalk-Geländes zurücklassen und in einen Bus umsteigen. Die Fahrt dauert nur einige Minuten und ist im Preis inbegriffen. Unterwegs versucht der Chauffeur, die Spannung zu steigern. «Leute, gleicht werdet ihr den Skywalk sehen», sagt er. Und wirklich – nach einer leichten Kurve ist für die Touristen die Glasbrücke erkennbar, die viele bisher nur in Hochglanzbroschüren gesehen haben. Sie wirkt nicht annähernd so imposant wie auf den Modellbildern. Das mag damit zu tun haben, dass sie weniger weit über den Abgrund herausragt. Ausserdem ist noch keine Spur vom Besucherzentrum mit Restaurants und Shops zu sehen, das nahtlos an den Skywalk anschliessen sollte. «Es wird wohl noch zwei Jahre dauern, bis sie damit fertig sind», sagt ein Sicherheitsmann.

Auch auf der Glasbrücke selber macht sich leichte Enttäuschung breit. Zwei zentrale Werbebotschaften, mit denen Touristen nach Grand Canyon West gelockt werden, stellen sich hier als Übertreibung heraus. Zum einen befindet sich die luftige Konstruktion nicht direkt über der Schlucht, sondern in einem Seitenarm. Der Fluss Colorado liegt einige Hundert Meter entfernt. Ein Blick durch den Canyon ist auf Grund der Lage des Skywalks nicht möglich. Zum andern stimmt es nicht, dass sich das Hufeisen 1200 Meter über dem Abgrund befindet. Die Höhendifferenz zwischen dem Skywalk und der darunter liegenden Schlucht beträgt je nach Quelle zwischen 300 bis 700 Meter – was allerdings noch immer imposant ist.

Die 1200 Meter beziehen sich nämlich auf die Differenz zwischen der Brücke und dem Wasserspiegel des Flusses: «Abzockerei», lautet einer der höflicheren Kommentare auf der Reiseseite «Tripadvisor» im Internet.

Fotoapparate verboten

Die Dreistigkeit bei der Vermarktung der Glasbrücke lässt sich am besten mit der ökonomischen Lage der Hualapai begründen. Das Reservat wird von etwa 1500 Menschen bewohnt, der grösste Teil davon ist mausarm und war bisher ohne Arbeit. Wer durch das Indianerterritorium fährt, sieht einfache Baracken, zerbeulte Wohnwagen und kaputte Autos. Touristisch steht der Grand Canyon West im Schatten des Nationalparks, der jährlich von vier Millionen Menschen besucht wird. Nun wittern die Investoren um David Jin eine Chance, sich auch ein Stück des Kuchens abzuschneiden. Dabei greifen sie bisweilen zu rabiaten Methoden. So werden den Touristen am Eingang zum Skywalk Fotoapparate und Mobiltelefone abgenommen – unter anderem aus «ethischen Gründen», handelt es sich doch beim Standort um eine rituelle Stätte. Auf der Glasbrücke wartet aber bereits ein Fotograf, der für 15 Dollar ein Erinnerungsbild knipst.

Tipps und Infos

Anreise zum Grand Canyon West
Idealer Ausgangspunkt für eine Reise zum Grand Canyon ist Las Vegas, die Glücksspielstadt mit 133 000 Hotelbetten für jedes Budget ( www.visitlasvegas.com ). Am Flughafen sind alle wichtigen Autovermieter vertreten. Aus versicherungstechnischen Gründen unbedingt den Ausflug zum Grand Canyon West erwähnen! Touren: Geführte Reisen zum Skywalk in Bussen oder Geländewagen sind von Las Vegas aus ab 135 Dollar pro Person erhältlich. Übersicht: www.allvegastours.com

Wo man übernachtet
Wegen des Ansturms sollte man den Skywalk am frühen Morgen besuchen. Da die Anfahrt aus Las Vegas über drei Stunden dauert, macht das Übernachten in Kingman, Arizona ( www.kingmantourism.org ) Sinn. Von dort aus fährt man nur zwei Stunden.

Was man nicht verpassen sollte
In Grand Canyon West befindet sich auch der Guano Point, von dem man direkt in die Schlucht sieht.

Weitere Infos, Reservationen
www.destinationgrandcanyon.com oder Tel. 001 877 716 9378.

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