Mit der Welt zufrieden übers Wasser gleiten
23. Mai 2006, 16:49Fünf Tage auf der Aare von Thun nach Solothurn. Eine Kanureise durch die Idylle, vorbei an Autobahn und Bundesstadt, zeigt die Schweiz aus anderer Perspektive.
Ziehen, ziehen. Im Rhythmus, ohne Hektik. Ich steche das Paddel ins Wasser, ziehe es kräftig nach hinten. Ruhig und gleichmässig. Ohne Rast. Es ist ein warmer Augusttag. Ich trage Badehose und T-Shirt. Und schwitze schon nach wenigen Hundert Metern. In der Ferne gurgelt der Fluss, er stiebt. Hinter uns liegen fünf Kilometer, seit wir in Thun-Schwäbis gewassert haben. Vor uns schon bald die Schlüsselstelle. Die Uttiger Schnelle. Oben die Eisenbahnbrücke; täglich rauscht alle dreissig Minuten ein Zug vorbei. Unten die Geländekante; um die Mittagszeit rutscht alle fünf Minuten ein Schlauchboot darüber - das Spektakulärste der Flussfahrt zwischen Thun und Bern, heisst es im Führer. Seit dem Hochwasser im Frühling 1997 etwas harmloser, sagen die Kenner. Die Aare hat damals zünftig Geschiebe gebracht. Aber was heisst schon harmlos?
Tourenleiter Dominik Schläpfer dirigiert uns, fünf unerfahrene Aarefahrerinnen und -fahrer plus zwei Buben, ans Ufer, vielleicht dreihundert Meter von der Schnelle entfernt. Sicherheit geht vor. Wir amüsieren uns an Land. Das erste Schlauchboot kentert in der Stromschnelle. Zwei Köpfe tauchen auf. Gelächter. Die nächsten Boote. Souverän. Nur nicht ins Kehrwasser kommen, in die schmale Zone nahe der Schnelle, wo der Fluss aufwärts fliesst. Tourenleiter Dominik spricht von Respekt. «Auf der rechten Seite vorbei, etwa vier bis fünf Meter vom Ufer entfernt, dann passiert nichts». Das ist machbar. Schliesslich sitzen wir nicht im trägen Schlauchboot. Der Schlauchkanadier kann exakt gesteuert werden. Könnte. Wir aber sind Anfänger. Haben vor einer halben Stunde gelernt, mit dem Paddel richtig umzugehen. Haben zwei-, dreimal geübt, das Boot gegen die Strömung ans Ufer zu bringen. Der Kanufahrer muss vorausdenken, spontane Manöver lässt der Fluss nicht zu. Was solls: Für den Notfall tragen wir eine Schwimmweste. Einen Helm brauche es nicht, sagt Dominik. Kleider, Proviant und Fotoapparat sind wasserdicht abgepackt. Und alles ist in Siebzig-Liter-Kanusäcken verstaut und sicher im Boot festgebunden.
Runter vom hohen Hormonpegel
Ich fahre mit dem Tourenleiter, kniend vorne. Das Boot gleitet über die Kante. Diese Schlauchkanadier seien zwar weniger stabil als Schlauchboote, sagte Dominik noch wenige Minuten zuvor. Dafür schneller, konzipiert für Touren auf dem Wildwasser. Das Vergnügen ist kurz. Das Boot klatscht in die Gischt, eine Dusche folgt und schon flitzt es in ruhigeres Gewässer. Von wegen spektakulär. «Die Aare führt zu wenig Wasser», sagt Dominik.
Die fünftägige Flussfahrt von Thun nach Solothurn ist nichts für Adrenalinsüchtige. Hier gibts keine Kicks, hier gleitet man unaufgeregt, kommt langsam runter vom hohen Hormonpegel des Alltags. Ohne Langeweile! «Panta rhei», sagte der griechische Naturphilosoph Heraklit: Alles ist im Fluss. Kein Moment ist gleich. Fürwahr. Plötzlich ist das monotone Autobahngeräusch versiegt, der Flugplatz Belp ist ausser Hörweite. Wir sind etwa einen Kilometer von der nächsten Schnelle entfernt. Mitten in der dicht besiedelten Schweiz dominiert die Stille, das Boot gleitet ruhig durch das Naturschutzgebiet, vorbei an Auenwäldern, an Weiden, Föhren, Tannen. Manchmal tanzt das Wasser über den Steinen, manchmal gurgelt es am Ufer. «Fast wie in Alaska», sagt Dominik. Selbst der erfahrene Kanufahrer schwelgt. Acht Jahre war er in Alaska, hat Flüsse und Seen befahren, die nur mit dem Wasserflugzeug erreichbar sind.
Vor lauter Natur vergisst man, dass der Flusslauf der Aare zwischen Thun und Bern alles andere als natürlich ist. In ein Korsett wurde das Gewässer gezwängt zum Schutz gegen Überschwemmungen. Bereits vor Jahrhunderten, als die Aare ein wichtiger Schiffshandelsweg war, begannen die Berner, den Fluss zu korrigieren. Seither fliesst die Aare schneller, sie frisst sich Jahr für Jahr tiefer ins Flussbett, und der Fluss wird noch schneller. Das Ufer leidet, das Wasser unterhöhlt es gehörig. Schon lange möchten Ingenieure der Aare wieder mehr Platz geben. Hochwasser wie im letzten Sommer wären vermeidbar, Berns Mattenquartier wäre nicht überschwemmt worden, glauben sie.
Doch an diesem Tag scheint die Welt in Ordnung. Ein Reiher begleitet uns, eine Ratte springt am Ufer knapp oberhalb des Wassers in ein Versteck. Wieso in die Ferne, wenn die freie Natur so nah ist. «Ein Missverständnis, auch im Schweizer Mittelland gibt es noch das Erlebnis wilder Flusslandschaften», sagt Dominik.
Im Kanu verliere ich das Gefühl für Distanz und Zeit. Schon ist es Abend. Mit müden Oberarmen richten wir auf dem Zeltplatz Eichholz vor Bern das Nachtlager ein. Dominik packt seinen schmalen Stahlofen aus, schon kurze Zeit später kocht eine Suppe über dem Feuer. Verschiedenes kauft er im Laden des Campingplatzes. Vieles ist in seinem Küchensack verstaut: Kaffee, Konfitüre für das Frühstück; Teigwaren, Tomatensauce, Fertigrisotto für unterwegs. Um die Verpflegung müssen wir uns nicht sorgen.
Verregnete Tage sind Abenteuer
Ein Bierchen, ein Glas Wein. Und das Rauschen der Aare. Das reicht nicht für einen tiefen, sanften Schlaf. Wer keine dicke Matte im Gepäck hat, den drückt der harte Boden die ganze Nacht. Umso schlimmer, wenn es am Morgen darauf Bindfäden regnet. Ein solcher Tag bleibt in Erinnerung - ein Abenteuer! Eingepackt in Regenjacke und Regenhose baue ich das Zelt ab. Eine halbe Stunde später, es ist gegen elf Uhr, sitze ich im Boot, bereits bis auf die Haut durchnässt. Wer Ölzeug trägt, bleibt den ganzen Tag trocken. Die Schwalben fliegen tief, nur Optimisten erwarten Aufhellungen. Doch einem Kanufahrer macht garstiges Wetter nichts aus. An Berns berühmtem Marzilibad vorbeizupaddeln, dem Bundeshaus entgegen, macht bei jeder Witterung Spass. Aus der Froschperspektive ist vieles imposanter.
Kaum liegt die höchste politische Stätte hinter uns, hören wir das Getöse des Wehrs Schwellemätteli. Es ist für uns nicht passierbar, das Boot würde an den scharfen, kantigen Steinen hängen bleiben und kentern. Also ans Land. Dominik gibt Instruktionen. «Wer die Anlegestelle verpasst, hat später noch zwei Möglichkeiten, aber das wird mühsam.» Die Aare zieht stark, längst sind die durchnässten Glieder vergessen. Wir paddeln, was das Zeug hält. Eine halbe Stunde später stehen wir bei der Wasserungsstelle knapp unterhalb der reissenden Stromschnelle. Die Boote haben wir per Wägelchen dorthin gebracht.
Durch die Altstadt, von Wehr zu Wehr
Vor uns liegt einer der spannendsten Abschnitte der Flussreise: Die Fahrt durch die Berner Altstadt. Links oben das stolze Münster, darunter die pittoresken Häuser der Unteren Altstadt. Vorbei am Blutturm, entlang dichten Uferwäldern. Einmal eine andere Perspektive. Der Kanufahrer sieht nur die Fassaden der Wirklichkeit. Was dahinter ist, muss seiner Fantasie entspringen. In seinen Gedanken verweilen kann er nicht. Nur kurz: Wie sah es wohl aus, als im Mittelalter Handelsschiffe mit Holz und Getreide die Aare befuhren, als Sägen, Mühlen und Schleifen das Ufer säumten?
Schon nähert sich das nächste Wehr. Diesmal zieht ein Wagen auf Schienen die Schlauchkanadier paarweise auf die Mauer, um sie auf der anderen Seite wieder hinunterzufahren. Wir halten die Boote fest und waten zur nächsten Wasserungsstelle. Der Schiffsverkehr, heute vor allem der militärische, muss auf der Aare nach wie vor garantiert sein. So haben die meisten Wehre - und es sind nicht wenige - Einrichtungen, um die Verbauungen zu überwinden. «Viele Kanutouristen kennen sie nicht. Sie meinen, sie müssten die Boote mühsam an den Wehren vorbei tragen. Das hält sie von der Reise ab», sagt Tourenleiter Dominik. Das Schwellemätteli bleibt die einzige Stelle, wo wir die Boote tragen müssen. Die Staumauer des Wohlensees zum Beispiel werden wir mit Hilfe eines Lifts überwinden. Beim Wehr vor Aarberg wird uns ein Bootswagen von der Anlege- zur Wasserungsstelle fahren.
Wir rudern durch die Idylle des Bremgartenwaldes. Der Regen ist längst Nebensache geworden. So verzichten wir nicht auf das Picknick irgendwo bei einer gedeckten Feuerstelle. Etwas steif in den Gliedern, sammeln wir feuchtes Holz. Mit in Wachs getränkter Holzwolle päppelt Dominik das Feuer auf. Es gibt Suppe, gegrillte Würstchen und Tee. Der Reiseleiter erzählt von seinen Erfahrungen mit Bären in den Wäldern Alaskas. So abenteuerlich ist die Flussreise hier nicht: Abends hat uns jeweils die Zivilisation wieder. Es gibt stets eine warme Dusche auf den gut eingerichteten Campingplätzen.
Die nächsten Tage sind trocken und schön. Wir fahren weiter entlang der Nahtstelle zwischen Zivilisation und Natur: Den Wohlensee haben wir am frühen Morgen ganz für uns, die Gedanken enteilen. Etwas mulmig ist die Fahrt so nahe am AKW Mühleberg vorbei. Dann wieder offene, steil aufragende Sandfelsen, erhaben an der Einmündung der Saane.
Langsam ziehen, langsam ziehen. Die Aarefahrt ist eine Kulturreise.
%perl>TIPPS & INFOS
Zur beschriebenen Aaretour
Trango organisiert offiziell als einziger Kanutourenveranstalter Fünf- bis Sechstagestouren im Juni, Juli und September auf der Aare. Gruppengrösse: mindestens acht Personen. Preis pro Person: 650 Franken. Übernachtung auf offiziellen Camping- und Zeltplätzen. Trango Eventagentur, 9000 St. Gallen, Brühlbleichestrasse 2, Tel. 071 244 45 23, www.trango.ch .
Weitere Infos
Eine Auswahl verschiedener Veranstalter für Kanutouren: www.adventureguide.ch . Auskunft über Touren und Wasserstand gibt der Schweizerische Kanu-Verband: www.swisscanoe.ch , Tel. 061 851 20 00. Empfehlenswerte Adressen: www.kanubern.ch ; www.kanu-club-chur.ch .
Buchtipp
Für leichte und anspruchsvolle Routen: Reinhard Lutz: 25 Flussfahrten in der Schweiz. Werd-Verlag, Zürich 1997. 144 S., 34.90 Fr.
Schweiz
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