Schweiz

Törbel und Embd: Dornröschen im Wallis

15. November 2007, 07:25

Die Neat rückt das Wallis näher. Wir haben zwei Bergdörfer besucht, die man ab 9. Dezember per Bahn von Zürich aus noch nach der Arbeit erreichen kann.

Manchmal scheint es, als sei Törbels Zentrum nur noch von Haustieren bewohnt. Ganz so ist es nicht, aber beinahe. – Die Häuser von Törbel und Embd kleben am Südhang der Visper Sonnenberge, eines sehr niederschlagsarmen Gebietes.
1/3
Von Peter Niklaus Trösch

Wenn nur diese Rakete nicht wäre ... Ich denke mir den weissen Sechzigerjahre-Kirchturm von Törbel schnell weg und bin in einem Film. Aus Versehen bin ich unterhalb des Dorfkerns aus dem Postauto gestiegen. Das Gasthaus Weisshorn liegt aber hoch darüber. Schulkinder zeigen mir den Weg. «Chumed nummu iisch naa!» rufen sie freudig. Es geht über schmale, schon leicht vereiste Treppchen und Rampen nach oben und um alle Ecken. Eine Katze sitzt auf einem der Steinteller, die die Speicher vor Mäusen schützen, und drückt die Augen zu. Im Halbdunkel der Hausschatten streifen wir an Stalltüren vorbei. Einmal guckt uns plötzlich ein Kalb in die Augen, einmal drängen putzmuntere Schafe zu einer Öffnung. Dann erreichen wir einen freien Fleck, modernere Häuser. Die Aussicht ist toll, man sieht das Weisshorn, das Nadelhorn und noch viel viel mehr.

Dorf als Spur des Überlebenskampfs

Gemeindeschreiber Juon Rolf sitzt vor einem grossen Foto. Es zeigt Törbel mit der alten, leider heillos defekten Kirche, noch fast ohne Hüsligürtel – der Haufen alter Häuser ist schön, aber primitiv. «Die Leute bauten zuerst auf dem unproduktiven Land, auf Fels. Hier drängten sich die Häuser zusammen.» Heute stellt man die Bauten auf jene Quadratmeter, die früher so wertvoll waren, weil sie beackert werden mussten, damit es zu essen gab.

Rundgang mit dem Gemeindeschreiber. Der Dorfkern bietet den Touristen, die von hier aus eine der vielen Wanderungen antreten, einen erhebenden Anblick. Aber er ist am Absterben. Die Menschen haben ihn verlassen, weil die Häuser unbequem waren und zu klein. Ich darf eine Ferienwohnung ansehen, die den alten Zuschnitt hat: Die Räume sind 180 Zentimeter hoch, die Türen zu Stube und Kammer nur 150. Man kriecht quasi in die Zimmer hinein.

Charakterstark, aber mühsam – und selten. Gut gelungen ist das Ferienhaus der Gemeinde: Es ist komplett neu in ein altes Holzhaus hineingebaut und enthält neben Mehrbettkammern auch Doppelzimmer mit Dusche und WC. Das Essen nimmt man im Gasthaus Weisshorn ein.

Die meisten Ferienwohnungen befinden sich aber in den Häuschen am Dorfrand. Könnte man den Dorfkern nicht für Fremde herrichten, wenn nun mehr von ihnen hierher kommen – und erst noch Zugreisende, die das Ursprüngliche lieben? Der Gemeindeschreiber ist skeptisch. Er zeigt auf ein altes Walliser Haus: «Es ist durch Erbteilung aufgestückelt worden, das ist hier üblich. Dann wurden auch die Wohnungen aufgeteilt. Eine der Wohnungen gehört 20 Eigentümern.»

1981 publizierte der US-Anthropologe Robert Netting eine Arbeit über die Terbjär (Törbler) des 19. Jahrhunderts. Er beschrieb die Strategien, mit denen eine alpine Gesellschaft bei sehr begrenzten Ressourcen an Nahrung, Platz und Wasser leben konnte. Frauen aus der näheren Umgebung heirateten ein, Männer aus mehreren Gründen praktisch nicht – unter anderem, weil sie hier keine Familie ernähren konnten. Alle Menschen stammten aus denselben Familien, man durfte nur nicht zu nah verwandt sein. So war die Chance gross, dass die durch Erbteilung zersplitterten Güter gelegentlich zusammengelegt werden konnten.

Noch heute tragen die meisten Einwohner einen Namen dieser wenigen Familien. Die Dorfgesellschaft klebt noch immer zusammen, hängt an der Religion. Die Herrgottsgrenadiere, eine Paradetruppe Gottes, die den Kirchenfestlichkeiten etwas Pracht verleiht, haben gerade wieder vier Jungmitglieder aufgenommen.

Die Terbjär lieben auch ihr Vieh – fast in jeder Familie bauert einer noch ein bisschen. Natürlich auf eine Art, die dem modernen Leben angepasst ist. Die Teilzeitlandwirte bedienen ihre Handys genauso flink wie die Städter.

Heinrich Kalbermatten – auch so ein Name – ist Organist der Kirche und kennt Törbel in- und auswendig. Bis die Strasse kam, 1937, ging er als Bub oft zwischen den Mulis der Säumer ins Tal. «Immer zwei Familien hatten ein Maultier, man wechselte wochenweise ab.» Auch später, als Arbeiter, ging er lange noch zu Fuss auf dem alten Zickzackweg zur Bahn hinunter. Seit die Strasse auch zur Moosalp hinauf führt, hat Törbel ein wenig Tourismus. Es gibt Skilifte und gute Pisten, Dutzende von Wanderwegen da oben, eine gute Postautoverbindung während der Saison.

In den Sechzigerjahren hatte Törbel am meisten Einwohner: etwa 700. Dann folgte eine Auswanderungswelle. Nicht die erste. Mit dem Tourismus kamen die Träume, die Rückwanderer, die Häuschen. Jetzt hat sich die Bevölkerungszahl auf dem schönen Niveau von 520 beruhigt.

Embd, wo die Schwerkraft regiert

Embd hat einen diskreteren Kirchturm, gute Talanbindung durch eine Seilbahn, aber keinen eigenen Wintertourismus. Es ist noch stotziger als Törbel, 35 Grad, an manchen Stellen 45. Auch hier gabs ein Ur-Derfji, das nun am unteren Rand der Siedlung verrottet. Alle, die nachher bauten, wollten mehr Land, aber es gibt wenig, weil alles so steil ist. Das wunderschöne, fast autofreie Dorf ist verzettelt, beinahe unsichtbar. Gemeindepräsident Bumann Alex sagt, er habe genug zu tun, wenn er nur stets überall ein wenig vorbeischauen wolle, und dass dies zutrifft, ist offensichtlich. Er muss aber noch mehr tun, und die Stotzigkeit ist daran wieder nicht unschuldig. Eben hat er einen Felsklotz von 40 Kubikmetern sprengen lassen, weil der die Luftseilbahn hinunter nach Kalpetran gefährdet hat. Einen Steinblock unter Tausenden – woher wusste er, dass der locker sass? Bumann lächelt: «Man beobachtet!»

Eine Frau mit einer Tasche grochst die Treppe vor der Kirche hinauf. Ist dieses steile Leben nicht gefährlich? Nein, meint Bumann, die Leute bleiben fit, Unfälle sind selten. Die Bälle vom Spielplatz neben der Kirche sind zwar weg, wenn sie übers Netz gehen, die muss man im Tal holen. Doch die Menschen bleiben oben.

Die Steilheit kommt einem trotzdem überall in die Quere. Als man Nadia, die Freundin vom Schafkäser Burri Peter, abholen musste, weil der Schafbock sie über den Haufen gerannt hatte, da konnte der Heli nicht landen. Burri: «Sie wurde am Seil hängend nach Grächen geflogen. Dort landete man und lud sie richtig ein.»

Am Sonntag in der Kirche sitzen links zwölf Frauen, rechts zehn Männer und beten den Rosenkranz als halbstündige Endlosschleife. Die Männer fangen tief an, die Frauen antworten genau eine Quint höher: «... in der Stunde unseres Todes ...». Plötzlich sind alle still, es kommen mehr Leute und der Pfarrer, der ein Inder ist. Er ist freundlich und macht es kurz. Wein wird in Blut verwandelt, die Kollekte fällt ins Körbchen. Eine Frau spricht die Fürbitte – für Anwesende und Verstorbene und am Ende noch für die Schwarznasenzüchter-Genossenschaft.

Wie die Schwarznasenschafe

Am Kirchen-Apéro im Gasthaus Morgenrot wird der Reporter von allen Seiten bedrängt. Die Ämbdär wollen wissen, was er macht. Diese Menschen sind wie ihre Schwarznasenschafe, denkt er: vif, neugierig; wenn man sie streichelt, sind sie lieb, und doch bleiben sie einem etwas fremd.

Ja, hört er, es wäre schön, wenn man ein paar der leer stehenden Häuser für Naturtouristen herrichten könnte. Aber wer investiert? Einer hat ja einen Teil des Derfji gekauft, aber die Häuser stehen immer noch windschief im Gras. Wochenend-Mieter statt Wochengäste aufnehmen, das ist vielleicht eine Idee.

Es ist also nicht so, dass sich diese Dörfer bebend auf die neuen Touristen freuen. Aber man ist guter Dinge, der Fendant kreist, der Reporter wird geduzt, und man klärt ihn darüber auf, dass er ein Grüezi ist. Die Grüezini sind die, die nicht ordnungsgemäss «Güete Morge» und ab 12 Uhr «Güeten Abund» sagen und über die man gerne lacht, weil sie so ohne Grund meinen, etwas Besseres zu sein. Der Reporter lacht auch, weil er die Dörfler nun zu verstehen glaubt. Adieu, liebe Ämbdär und Terbjär, und viel Glück dann, wenn die Grüezini in grösseren Mengen einfahren!

Tipps und Infos

Törbel
1500 m ü.M., 520 Einwohner, 180 Fremdenbetten. Zufahrt über steile Bergstrasse, die weiter zur Moosalp führt. Postauto täglich mehrmals. Letzte Verbindung Zug/Postauto ab Zürich nach 9.12.07: Abfahrt 19.00, Ankunft 21.45. Postautos nach Moosalp Skisaison tägl. 3× (Schulferien 4×), Sommersaison 4×.
Führung «Urchigs Terbil»: Tel. 027 952 12 77.
Unterkünfte: Gasthaus Weisshorn, DZ mit Dusche/WC ab 110 Fr., Tel. 027 952 21 34. Infos und Vermietung Gemeinde-Ferienhaus: Tel. 027 952 12 77. www.toerbel.ch (hier auch Liste der Ferienwohnungen).

Embd
Zentrum auf rund 1400 m ü.M., 60 Fremdenbetten. Zufahrt bis Dorf (Parkhaus). Seilbahn ab Kalpetran (Station der Matterhorn-Gotthard-Bahn). Letzte Verbindung. Zug/Seilbahn ab Zürich nach 9.12.07: Abfahrt 19.00, Ankunft 21.45. Sehr gute Wanderwege, auch dem Hang entlang.
Yakfarm: 45 Min. Marsch über Dorf, Tel. 027 952 14 22.
Unterkünfte: Gasthaus Morgenrot, DZ mit Dusche/Etagen-WC 110 Fr., Tel. 027 952 23 27 (vermittelt auch die Wohnungen). www.embd.ch (hier auch Liste der Ferienwohnungen).

Wochenend-Tourismus
Spätes Essen: Die Gasthäuser in Törbel und Embd servieren nach Ankunft der letzten ÖV-Kunden auf Bestellung warme Mahlzeiten. Viele Ferienwohnungsbesitzer akzeptieren Weekendgäste.

Exotisches aus den zwei Dörfern

Am Schräghang
Embd ist eines der steilsten Bergdörfer der Schweiz (Durchschnitt ca. 30 Grad). Die Treppe vor der Kirche, eine Art Hauptstrasse, wird deshalb im Winter geheizt. Durchs ganze Dorf gibts Handläufe aus Chromstahl.

Holzpflegetipps
Ein Mauersockel mit einem Blockhaus darüber – das ist ein Wohnhaus. Blockhäuser auf Holzspitzen und Mäusetellern sind Stadel. Älteste Gebäude: ein Stadel in Embd (14. Jh.), ein Haus in Törbel (1477). Die Dörfler sind sicher, dass das unbehandelte oder nur einmal geölte Lärchenholz 1000 Jahre hält.

Yaks
Die tibetischen Zottelrinder werden seit 1995 in einer Farm über Embd gezüchtet. Ihr Fleisch isst man in den besten Restaurants von Zermatt und anderswo. Naturliebhaber können in der Farm (45 Minuten Fussmarsch von Dorf oder Bähnchen) im Massenlager übernachten. Diverse Aktivitäten. (www.yaks.ch).

Wasserarmut
Törbel und Embd liegen im wasserärmsten Gebiet der Schweiz. Im Trockenjahr 1921 baten die Terbjär (Törbler) Gott gar mit einer Prozession um Wasser. Früher wurden die Wiesen durch offene Leitungen (Suonen) und Rinnen bewässert, heute über fixe Leitungen. Bis 1998 richteten sich die Bewohner beim Verteilen nicht nach der Uhrzeit, sondern nach dem Zeitpunkt, da die Sonne oder der Schatten bestimmte Merkpunkte in der Gegend erreichte.

Alles katholisch
Die grosse Überzahl der Dorfbewohner ist katholisch, Mischehen sind äusserst selten.

Kampfkühe und rare Geissen
Die meisten Kühe sind Eringer, die gern miteinander kämpfen. Kuhkämpfe gibts alljährlich auf der Moosalp über Törbel oder unten im Tal. Eringer greifen im Gegensatz zu gewissen anderen Kühen keine Wanderer an. Gut vertreten sind in den Dörfern Walliser Schwarznasenschafe, Alpenschafe und die Schwarzhalsziegen, die einst vom Aussterben bedroht waren.

Nicht per Du
In den Dörfern gibt es noch Leute, die ihre Eltern mit der Höflichkeitsform «Ihr» ansprechen. Früher war das üblich – man tat es auch mit amtierenden Gemeindeoberen. Heinrich Kalbermatten (Törbel) wurde als Gemeinderat von älteren Onkeln «Ihr» genannt. (tr)

Nach Feierabend noch ins Wallis

Der neue Neat-Basistunnel durch den Lötschberg bringt ab 9. Dezember vor allem der Grossregion Visp enorme Vorteile. Die bei Raron aus dem Tunnel kommenden Züge halten zuerst in Visp und erst dann in Brig. Bisher fuhren die Züge hoch oben in Goppenstein aus dem alten Tunnel und dann schräg der Bergflanke entlang nach Brig. Wer nach Visp wollte, musste in Brig umsteigen und die Reise mit einer Spitzkehre fortsetzen.

Die Gegend von Visp bis Sierre samt Seitentälern (inklusive Crans-Montana, Grächen, Saas Fee, Saas Grund und Zermatt) ist nun mit öffentlichen Verkehrsmitteln ab Zürich 60–70 Minuten schneller erreichbar. Am meisten gewinnt, wer nach Zermatt reist: 72 Minuten. Die westlicher gelegene Region Sitten liegt neu immerhin noch rund 45 Minuten näher an Zürich. Weiter Richtung Genfersee oder im Osten Richtung Furkatunnel «zerfliessen» die Zeitvorteile.

Besonders interessant: Wer abends, vor allem am Freitag, nach der Arbeit noch ins Wallis will, kann viel mehr Orte als bisher erreichen. Zu den neuen Weekend-Zielen (Abfahrt in Zürich 18 Uhr oder später) gehören natürlich nicht nur die im Hauptartikel vorgestellten Dörfer Törbel und Embd, sondern zum Beispiel auch folgende Tourismusorte: Grächen, Saas Grund, Saas Fee, Bürchen und Zeneggen. Pech haben die Freunde des Val d'Anniviers: Sie müssen weiterhin früher auf den Zug oder können erst am Morgen reisen. Übrigens hat der Tunnel auch für die Walliser grosse Vorteile: Ein Teil der Bevölkerung kann nun in etwas mehr als einer Stunde nach Bern gelangen – zum Beispiel, um dort zu arbeiten.

Auch Italiener profitieren. Sie kommen in Zukunft zwar nicht schneller ins Wallis (wo sie als Touristen schon sehr wichtig sind), sparen aber Richtung Bern ebenfalls viel Fahrzeit ein. (tr)

Schweiz

Meistgelesen in der Rubrik Schweiz

Lokale Suche

Marktplatz

Immobilien

Marktplatz
Wohnung/Haus suchen

Weitere Immo-Links
homegate TV
Hypotheken vergleichen
Umzug
Immobilie inserieren
Inserat erfassen
Frühlingsdeko
homegate Lassen Sie jetzt schon den Frühling ins Haus. Mehr

In Partnerschaft mit:

Homegate

AKTUELLE JOBS

Marktplatz

CEO-Assistant D/E Stutz & Partner, ZH Unterland

Bauzeichner/in Porta Nord AG, Brugg AG

Geomatikingenieur/in oder Geomatiktechniker/in Porta Nord AG, Brugg AG

AKTUELLE KADERSTELLEN

Marktplatz

Entwicklungs-Ingenieur (m/w) Rechsteiner Partners AG, ZH Oberland

Wissenschaftliche/n Mitarbeitende/n Human Capital Management (80-100%) Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften, Winterthur

Solution Sales Professional Core Infrastructure (w/m) Microsoft Schweiz GmbH, Wallisellen