Spaziergänge im März
Auf alten Pfaden der Sonne entgegen
07. März 2008, 05:00Das Malcantone im Tessin, einst bettelarm, ist voller Spuren des einfachen Lebens von früher. Wir entdecken es auf einem Gang hinein in den Vorfrühling.
Infografik- Malcantone
Von René Lenzin (Text) und Dominique Meienberg (Bilder)
Selbst auf gut 600 Metern, in Novaggio, dem Ausgangs- und Endpunkt unserer Wanderung, liegen an schattigen Stellen letzte Reste der weissen Pracht. Das Tessin hat dieses Jahr überdurchschnittlich viel Schnee erhalten. Aber wo die Sonne hinkommt, hat der Frühling das Zepter bereits übernommen.
Gleich zu Beginn fällt unser Blick auf gelb-orange Schlüsselblümchen, die aus alten Trockenmauern am Wegrand wachsen. Wir sind an der ersten Station des Wanderwegs, der Sentiero delle Meraviglie heisst, Weg der Wunderwerke. Die gut erhaltenen Mauern, die bis vor 100 Jahren die Strasse zwischen Novaggio und Miglieglia begrenzten, beherbergen zwischen Blumen, Farnen, Moosen und Flechten eine reiche Flora und Fauna – Käfer, Mäuse, Spinnen und Reptilien.
Der Rundweg führt uns noch zu zwölf weiteren «Meraviglie», die uns das frühere Leben im Malcantone näher bringen sollen. Das hügelige Gebiet südwestlich von Lugano hat eine reiche, weit zurückreichende Geschichte, verarmte und entvölkerte sich jedoch im 19. Jahrhundert: Die Kinder wurden als Dienstmädchen oder Kaminfegerbuben nach Norditalien geschickt, und die Dörfer gaben ihren Bewohnern Geld, wenn sie nach Übersee auswanderten.
Kommt Malcantone von «mahlen»?
In den besten Zeiten blühten im Malcantone die Landwirtschaft und das Handwerk. Davon zeugt der Sentiero. Er zeigt uns von Menschenhand terrassierte Gebiete, die längst wieder vom Wald überwachsen sind, in denen aber früher Roggen angebaut wurde. Er führt uns vorbei an Erzminen, Hammerschmieden, Mühlen und Überresten von Ziegelbrennereien.
Die zahlreichen Mühlen könnten dem Gebiet seinen Namen gegeben haben. Die eidgenössischen Herren hätten, so diese Theorie, die Gegend in Anlehnung ans deutsche Wort mahlen so getauft. Eine andere Deutung geht vom lateinischen «malus angelus» aus, weil die Bischöfe von Como die Leute der Gegend als wenig fromm und als widerstrebend empfunden haben sollen. Schliesslich könnte der Name aber auch für ein unsicheres Gebiet stehen, das unter Grenzkonflikten litt und in dem Räuber und Schmuggler Unterschlupf gefunden haben. Gesichert ist einzig, dass der Name Mal Cantone erstmals auf einer Karte aus dem frühen 18. Jahrhundert auftauchte.
Ein Umweg, der etwas bringt
Nach den Trockenmauern taucht die Mühle von Vinera mit einem für das Malcantone untypischen Steinplattendach auf. Gleich danach ist der Weg gesperrt – dringliche Unterhaltsarbeiten. Wir müssen einen kurzen Umweg über Miglieglia einschlagen. Das ist jedoch nicht weiter schlimm, im Gegenteil: Der Abstecher bietet Gelegenheit, die spätromanische Kirche San Stefano al Colle mit ihrem romanischen Glockenturm und ihren wunderbaren Fresken zu besuchen. Sie gehört zu den bedeutendsten Sakralbauten des Malcantone.
Ebenfalls in Miglieglia befindet sich die Talstation der Seilbahn auf den Monte Lema. Dieser Berg, dessen Gipfel auf über 1600 Metern über Meer liegt, bietet bei schönem Wetter einen überwältigenden Rundblick, von den Schweizer Alpen über Lago Maggiore und Lago di Lugano bis nach Mailand. Wer länger als einen Tag in der Gegend bleibt, sollte den Aufstieg wagen. Zu Fuss dauert er gut zweieinhalb Stunden. Ab Mitte März gehts bequemer – dann läuft die Bahn wieder.
Vom Dorf aus gehen wir abwärts, zurück zum Sentiero, wo gleich die Burgruine von Miglieglia auf uns wartet – eine weitere Station. Zwar ist nicht mehr viel zu sehen. Aber die Mauerreste lassen erkennen, dass hier einst eine beachtliche Wehranlage gestanden haben muss, vermutlich aus der spätrömischen Kaiserzeit. Die Burg dürfte Teil einer Befestigungs- und Beobachtungslinie gewesen sein, die sich von Ponte Tresa durchs ganze Malcantone zog.
Vor der Ruine laden Tisch und Grill zu einer Rast oder einem Picknick ein. Wen Hunger und Durst noch nicht plagen, der kann noch eine gute halbe Stunde weiter marschieren. Am Wendepunkt des Rundwegs, bei der Hammerschmiede von Aronno, hat es eine Feuerstelle am Flüsschen Magliasina, das auch das imposante Wasserrad der Schmiede antreibt. Bis in die Fünfzigerjahre des letzten Jahrhunderts wurden hier Sensen, Sicheln und Schaufeln hergestellt. Ein Hochwasser im Jahr 1951 zerstörte das Gebäude teilweise und führte zur Stilllegung des Betriebs. Dank einer 1979 gegründeten Stiftung kann die Schmiede heute wieder besichtigt werden.
Wo die Vögel zwitschern
Der Rückweg beginnt mit einem Marsch die Magliasina entlang. Auf diesem Abschnitt gehts durch Auenwälder, die von Weiss- und Grauerlen dominiert werden. Weil das sandige Gebiet regelmässig überschwemmt wird, verläuft der Flussrand immer wieder anders. Wir können hier Farne sehen, die in der Schweiz sonst nirgends vorkommen. Und wir dürfen erst noch mit Musikbegleitung wandern: Der Gesang der Rotkehlchen und Amseln begleitet uns.
Vom Bach weg führt ein rund zehnminütiger Abstecher zur Mine La Monda. Der eine Schacht dieser Erzabbaustelle – er war etwa acht Meter tief – ist zwar zugeschüttet und daher nicht mehr sichtbar. Aber in eine rund zehn Meter tiefe Höhle im Felsen kann man immerhin einsteigen. Von 1857 bis 1895 sowie von 1915 bis 1920 wurden hier Zink und Schwefel gewonnen.
Nach der Besichtigung der Mine lohnt es sich, etwas durch die Kehle rinnen zu lassen. Denn nun beginnt der anstrengendste Teil des Weges. Es geht hinauf und hinunter durch die für das Malcantone so typischen Kastanienwälder, bis man bei der Brücke von Aronno wieder Überreste von Erzadern erkennen kann. Nach dem letzten Aufstieg führt der Weg zurück an den Ausgangspunkt, nach Novaggio.
Beizenplanung unumgänglich
Man kann den Tag in einem der zahlreichen Grotti in den umliegenden Dörfern mit ihren typischen Steinhäusern ausklingen lassen. Eines davon ist Astano, wo sich im Albergo della Posta gediegen essen und schlafen lässt. In Astano steht zudem das Geburtshaus des Architekten Domenico Andrea Trezzini (1670–1734), der unter dem russischen Zaren Peter dem Grossen wesentlich am Bau von St. Petersburg beteiligt war. Von Astano aus gibt es übrigens ebenfalls einen Weg auf den Monte Lema.
Der Sentiero delle Meraviglie ist gut signalisiert und kann problemlos ohne Karte begangen werden. Vor allem im zweiten Teil hat es Passagen mit ziemlich steilen Waldwegen, weshalb gutes Schuhwerk angezeigt ist. Die reine Marschzeit beträgt knapp drei Stunden.
Wer sich ausführlicher mit den einzelnen Posten des Lehrpfads beschäftigen und vielleicht auch ein längeres Picknick einlegen will, muss allerdings fünf Stunden einberechnen. Es empfiehlt sich, Verpflegung und Getränke mitzunehmen. Denn Beizen hat es nur gerade in Miglieglia.
%perl>Tipps und Infos
Anreise zum Sentiero delle Meraviglie
Öffentliche Verkehrsmittel: Ab Lugano die Lugano-Ponte-Tresa-Bahn bis Magliaso nehmen, von dort Postauto bis Novaggio (Fahrzeit ab Lugano 51 Minuten). Auto: Autobahnausfahrt Lugano Nord, Richtung Agno/Ponte Tresa, in Magliaso abzweigen nach Novaggio. Der Sentiero delle Meraviglie beginnt am Nordostende des Dorfes.
Essen/Übernachten
Sehr schön und gut im Albergo della Posta in Astano (geöffnet ab Mitte März, Preise pro Person im Doppelzimmer inkl. Fühstücksbuffet zwischen 75 und 120 Franken, direktes Postauto ab Novaggio (Fahrzeit 11 Minuten), Tel. 091 608 32 65, www.albergo-posta-astano.ch. In Novaggio befindet sich das Albergo Belcantone, eine günstige und familienfreundliche Pension (das ganze Jahr geöffnet, Zimmerpreise zwischen 58 und 120 Franken, Tel. 091 606 13 23, www.tiscover.ch/belcantone
Und noch etwas Kultur?
Bis 30. März ist in Lugano beispielsweise noch eine von der Fotostiftung Winterthur betreute Ausstellung mit Schweizer Fotos aus den Dreissigerjahren zu sehen (Binia Bill, Hans Finsler etc.). Via Canova 10, Tel. 091 910 4 80; Öffnungszeiten siehe www.museo-cantonale-arte.ch.
Allgemeine Infos
www.ticino.ch; www.malcantone.ch (beide Websites auch in Deutsch)
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