Portugal
Reise durch Porto: Der Zufallsfilm des Lebens
23. August 2005, 21:11Rem Koolhaas neue Casa da Música lockt Architekturfans nach Porto. Die bröckelnde Altstadt aber ist genauso schön: Beobachtungen in einer willkürlich gewählten Strasse.
Porto an einem frühen Nachmittag. Oben steht der neue, kristalline Bau des holländischen Architekten; die Stadt ist hier flach wie eine andere. Wo man sich jedoch dem Fluss Douro nähert, geht es steil abwärts. Unten am Ufer sitzen junge Touristen an Chromtischchen und blinzeln auf die Ausflugsboote. Oder in die Höhe, wo die doppelstöckige Dom-Luís-Brücke eine schluchtartige Felsenge überspannt.
Gassen laufen in der Direttissima Richtung Oberstadt. Strassen führen links und rechts sanfter aufwärts. Nach Westen ist es die Rua de Belomonte. Sie reizt mich aus irgendeinem Grund. Ich folge ihrem Lauf, vorbei an der verwitterten Barockfassade von Nr. 49, in deren Tür zwei Mädchen mit Kartonmappen verschwinden. Es ist die städtische Kunstschule.
Der Verkäufer, der nie kommt
Auf dem Schaufenster von Nummer 61 steht «Solas e cabedais Bartos & Sá», hier werden Sohlen und Schuhleder verkauft. Die Auslage: eine Drahtbürste für 1.40 Euro, ein langer schlanker Hammer für 7.50, Korksohlen, das Paar für 0.50.
Im Laden ists düster. Das Parkett ist aus Tanne, vielfach geflickt, Gestelle und Decke sind hellgrün gestrichen - in den Dreissigerjahren oder in den Fünfzigern? Auf den Regalen: verstaubte Stapel von Sohlen, Absatzflecken aus Gummi und Leder, zuoberst Schachteln, jeweils bis fünf Stück aufeinander getürmt, vergilbt. Darunter auf einem Brett zwei abgegriffene Rechenmaschinen, die eingeschaltet sind und beide eine grüne Null zeigen.
Der Laden zieht sich wie ein Tunnel bis zur Hinterfassade. Hinter dem Eingang ist er mit einer Kette abgesperrt. Weit drinnen im Raum sehe ich ganz klein, unter einer grell strahlenden Leuchtstoffröhre, einen Mann, der sich auf einen Tisch stützt und bewegungslos Zeitung liest. Ein Bursche stellt sich neben mich und drückt einen Knopf. Es klingelt, der Mann rührt sich nicht.
Der Olivenpalast
Etwas weiter oben schwenkt die Strasse nach rechts, wird steil und heisst nun Rua das Taipas. Rauchende Buben schlendern vorbei. Junge Männer ziehen einander in Hauseingänge. Alte Frauen gehen langsam bergan oder bergab. Sie tragen Schürzen; ihre Strümpfe sind dick und reichen weit über den Knöchel oder bis zur Wade. Darüber sieht man weisses Fleisch. Ich erreiche einen kleinen Platz. Links, hoch oben, hängt eine junge Frau auf ihrem Balkon eine nasse Hose auf, neben der Hose hängt ein Käfig mit einem Kanarienvogel, dessen durchdringendes Rrizschizschi noch hier unten laut zu hören ist.
Rechts Rua das Taipas Nr. 74, ein vorne zwei-, hinten dreistöckiges Gebäude mit in Stein gemeisseltem Barockwappen. Ein kleines Palais. Ich trete durchs offene Portal. In der düsteren Tiefe sehe ich eine zweiläufige Granittreppe, davor 6-Kilo-Dosen mit Oliven in fünf Sorten. Aus einer verglasten Büroecke kommt ein Mann heraus, lächelt, sagt, dass er Arturo Segueira heisse und für die Früchtehandelsfirma arbeite. Ob die Treppe in die Prunketagen führe, frage ich. Nein, sie sei zugemauert. Dass Paläste so genutzt würden, sei hier normal: «Es gibt einfach zu viele Häuser, die man restaurieren müsste.» Zwei kleine Mädchen treten in den dunklen Raum, beide tragen viel zu grosse Schlapppantoffeln. Eines hat ein Handy in der Hand. Sie setzen sich unbehelligt auf einen Früchtekarton, hören uns ein wenig zu, stehen auf und gehen wieder.
Ich trete ins Freie. Wie wohl die Beletage des Palastes aussieht? Um die Ecke hat das Haus eine Treppe, die zu einem Laden im ersten Stock führt. Dort sind Motoren und Pumpen ausgestellt. Ein junger Mann fragt, was ich wolle - nein, hinter dem Laden gebe es keine schönen Zimmer mehr, nur Lagerräume.
Das Haus mit den Wartenden
Zurück auf die Seitengasse, in die ich jetzt eingeschwenkt bin. Links ein winziger Laden, dessen Verkäuferin mit einer stehenden und einer auf einem Stuhl sitzenden Frau redet. Der Pumpenverkäufer kommt, kauft einen Schokoriegel und geht ohne Eile zu seinem Laden zurück. Am Ende der Gasse, vor einer Kirchenfassade, führt ein Weg nach rechts zu einem Aussichtspunkt. Man sieht von hier aus, wie die Hauswürfel dieser Stadt dicht übereinander geschichtet sind. Man riecht Urin, man hört das Summen des Verkehrs und das Zischen der Sandstrahlgeräte, mit denen die Brücke gerade entrostet wird.
Wieder in der Gasse. Sie macht einen neuen Knick, heisst nun Rua S. Bento da Vitória und wird noch steiler. Vor einer Palastfassade warten unterschiedliche Menschengruppen vor einem grossen Tor. Die eine ist wohl eine Familie. Alle ausser den Kindern haben Tränen in den Augen. Die andere besteht aus gut gekleideten, nervös rauchenden Burschen mit hochgesteckten Sonnenbrillen. Was geht hier vor? Ich wage nicht zu fragen.
Weiter. Nr. 68 hat eine pittoreske, auf Granitplatten ruhende Auskragung von 40 Zentimeter Tiefe, von vier ionischen, krummen Säulen getragen. Vor Nr. 74 steht ein junger Mann und blickt in die Höhe. Vom Balkon im zweiten Stock lässt eine Frau einen Schlüssel herab, der an eine rote Schnur geknüpft ist. Er steckt ihn ein und betritt das Haus. Sie spult die Leine wieder auf. Neben ihr hängt ein viereckiger Kanarienkäfig, im ersten Stock am selben Ort ein runder. Die Vögel schweigen.
In Nr. 76 findet sich ein Restaurant, das kaum je Tageslicht gesehen hat. Ich bestelle ein Bier. Eine raue junge Frau fragt: «Wollen Sie ein Glas?» An einem der drei schmalen Tischchen sitzt ein junges Mädchen mit dunkelroten Flecken im Gesicht. «2001 kamen Touristen und haben Fotos gemacht», erzählt die Wirtin und lacht. 2001 war Porto Kulturhauptstadt. Das Gebäude, vor dem die Leute warten, sagt sie, beherberge das Polizeigericht. Festgehaltene werden hier vorläufig beurteilt: Müssen sie in Untersuchungshaft gehen? Die draussen warten vielleicht vergeblich.
Die armdicken Eisengitter
Wieder auf der Gasse, blicke ich zurück. Eine Turmuhr hat vier geschlagen. Die Menschengruppen sind weg. Ich erreiche den Scheitelpunkt der Strasse in der Oberstadt. Links ein grosses Gebäude mit armdicken Eisengittern vor den Fenstern. Ich gehe um die Ecke herum und sehe, dass es als Fotomuseum genutzt wird. Im Innern erkennt man an den vielen Gittern vor allen möglichen Öffnungen, dass es sich um ein ehemaliges Gefängnis handelt. Durch die Fenster an der Treppe kann man auf einen Hof sehen. Aus einem der Gebäudeteile, die ihn umgeben, ragt die Ausstülpung einer Kapelle hinaus.
In den Etagen liegen Säle, die mit dem Wort «Frauen» oder mit Heiligennamen angeschrieben sind. Unten auf dem Vorplatz sehe ich Buben mit Rollbrettern üben. Das neue Porto. Zum Koolhaas-Bau ist es nicht mehr weit.
%perl>Geheimtipp Porto
Die zweitgrösste Stadt Portugals (rund 300 000 Einwohner) ist mit ihrer Industrieagglomeration (1,5 Millionen Arbeitsplätze) der wichtigste Wirtschaftsstandort des Landes. Ihr Zentrum liegt an den Ufern des Flusses Douro (span. Duero), der kurz hinter Porto in den Atlantik mündet. Verbunden sind die zwei Teile durch eine riesige doppelstöckige Stahlfachwerkbrücke. Die malerische Altstadt mit ihren hohen, mit Azulejos (Kacheln) geschmückten Fassaden figuriert als Welterbe in der Unesco-Liste. Als Städtereiseziel ist Porto noch nicht so bekannt wie Lissabon.

































































































































