Moskau u. St. Petersburg
Russisches Luxushotel auf Rädern
18. Oktober 2005, 21:32Der Grand Express verbindet als erster Privatzug in Russland die Städte St. Petersburg und Moskau - Luxus auf Russisch.
Man könnte meinen, im Bahnhof von St. Petersburg fände eine Modeschau statt: Der Bahnsteig wird zum Laufsteg, wenn sich die Zugbegleiterinnen des Grand Express vor ihren Waggons aufstellen. Eine sieht besser aus als die andere, und mit ihren rot-weissen Uniformen stellen sie die Stewardessen der meisten Fluggesellschaften locker in den Schatten. Der Grand Express - mit DVD und Klimaanlage - ist die neueste Errungenschaft der russischen Reichen und Superreichen.
Zwei Männer in teuren Anzügen steigen ein und nehmen ihr Abteil in Beschlag: Sie klappen das grosse Sofa aus, bewundern das separate Badezimmer, das Satelliten-Fernsehen und die vielen Kleinigkeiten, die zu ihrem Luxusabteil gehören. Während in normalen Schlafwagenzügen kaninchenstallartige Enge herrscht, bietet dieser Zug verschwenderisch viel Platz.
Staatliche Eisenbahn verdient mit
Der Grand Express ist als erster Privatzug Russlands seit August zwischen Moskau und St. Petersburg unterwegs. Seine Eigentümer preisen ihn nicht zu Unrecht als «Fünfsternehotel auf Rädern, das seinesgleichen auf der Welt sucht». Die Abteile sind in den Kategorien Grand de Lux, Grand, Premium und 1. Klasse zu buchen, darunter geht es nicht.
Die russische Firma Grand Service Express, die seit drei Jahren so genannte VIP Waggons in den normalen Zügen von Russland und den übrigen GUS-Staaten betreibt, hat sich bei der staatlichen Oktjabrjskaja Eisenbahn AG die Lizenz für den privaten Eisenbahn-Passagierverkehr gesichert. Es ist das erste Beispiel für eine Privatisierung im russischen Eisenbahnnetz. Umgerechnet 53 Millionen Franken hat Grand Service Express in das Projekt investiert. Die Summe soll sich innerhalb von sieben Jahren amortisieren, erklärt Pressesprecherin Kiselewa.
Die staatliche Eisenbahn verdient mit; sie erhält für die Nutzung ihrer Infrastruktur in den nächsten zehn Jahren voraussichtlich etwa 35 Millionen Franken. Gemäss dem russischen Verkehrsminister Igor Lewitin sind weitere Privatisierungsprojekte in Planung. Im Jahr 2007 soll eine staatliche Passagierfirma gegründet werden.
In eine andere Galaxie versetzt
Auf dem gegenüberliegenden Bahnsteig wartet der Zug Roter Pfeil, der seit Jahren auf der Strecke Moskau-St. Petersburg verkehrt und bislang als Nonplusultra in Sachen Komfort galt. Gegen den Grand Express sieht er nun alt aus. «Man merkt gleich, wie sehr sich unsere Kunden von denjenigen anderer Züge unterscheiden», sagt Zugbegleiter Wladimir Logutow ein bisschen hochnäsig. «Sie sind sehr gebildet!» Früher hat der 42-jährige Logutow Züge voller Arbeiter nach Sibirien begleitet. Nun fühlt er sich in eine andere Galaxie versetzt. «Das ist ein Luxuszug, und damit ist alles gesagt», erklärt Olga Kiselewa, die eigens angestellte Pressesprecherin von Grand Service Express. «Unsere Zielgruppe sind Geschäftsleute, die Elite der Gesellschaft.»
Dass der Zug nicht für einfache russische Bürger gedacht ist, zeigen schon die Preise: Das Einweg-Ticket für das Grand-de-Luxe-Abteil (mit zwei Liegeplätzen) kostet umgerechnet 775 Franken - das ist fast doppelt so viel, wie ein Flug von Moskau nach St. Petersburg kosten würde, und etwa die Hälfte teurer als im Erstklass-Nachtzug der Staatsbahn. Die billigste Fahrt mit dem Grand Express kostet 240 Franken pro Person, immer noch 100 Franken mehr als in einem normalen Tageszug.
Trotz der für Russland gewaltigen Preise reissen sich die Leute um die Tickets: Der erste Grand Express war lange vor dem Abreisetag ausgebucht. Und auch nach der Jungfernfahrt ist die Auslastung hoch: «Heute waren zum Beispiel 17 der 18 Plätze in meinem Waggon besetzt», rechnet Zugbegleiter Logutow stolz vor.
Auch Ausländer werden aufmerksam
Auch die ersten ausländischen Touristen haben den Luxuszug bereits für sich entdeckt: «Neulich waren bei uns fünf Waggons mit einer italienischen Delegation belegt. Und gestern habe ich auch deutsche Stimmen gehört», erzählt Logutow. «Leider können wir uns mit den Ausländern meist nur mit Gesten verständigen.» Englischkenntnisse würden von den Zugbegleitern nicht unbedingt verlangt, bestätigt Olga Kiselewa, immerhin handle es sich aber um extra für diesen Zug ausgesuchte und geschulte Profis. Die russischen Reisenden scheinen zufrieden. «Ich fahre schon zum zweiten Mal mit diesem Zug, und er gefällt mir», sagt Wladimir, ein Geschäftsmann, der seinen Nachnamen nicht sagen will. «Erfreulich, dass es in Russland immer mehr Leute gibt, die sich so einen Luxus leisten können.»
%perl>TIPPS & INFOS
Abfahrt /Ankunft
Abfahrt Moskau tägl. 23.24 Uhr, St. Petersburg 23.47 Uhr. Ankunft 8.30 Uhr am nächsten Morgen.
Kosten
Mit Ausnahme der 1. Klasse muss man in allen Kategorien mind. 1 Abteil für 2 Pers. buchen. Abteilpreise Einfachffahrt (Buchung in der Schweiz): Grand de Luxe: ca.775 Fr., Grand: 675 Fr., Premium: 475 Fr., Einzelpreis 1. Klasse: ca. 240 Fr.
Buchung/Weitere Infos
Zwei auf Russland spezialisierte Reisebüros: Kira Reisen, Baden, Tel. 056 200 19 00. Atlas Reisen, Zürich, Tel. 044 994 22 35.



























Die Welt in Bildern



















