Leben

Berlin

Die Welt liegt auf den Tellern

07. Februar 2006, 23:39

Berlin ist berühmt für seine Dönerbuden, bietet aber auch exotischste Länderküchen. Ein kulinarischer Streifzug.

Elchbraten und Wurst vom Rentier gibts im norwegischen Munch's Hus.
Elchbraten und Wurst vom Rentier gibts im norwegischen Munch's Hus.
Von Daniel Böniger

Die deutsche Hauptstadt ist ein Sammelbecken der Weltküchen: Kein Problem, in Berlin mittags beim Italiener reinzuschauen, den 4-Uhr-Tee beim Inder zu geniessen und spät nachts in einen amerikanischen Burger zu beissen. Richtig faszinierend aber sind die weniger bekannten Landesküchen, die ebenso zum kulinarischen Angebot der 3-Millionen-Stadt gehören. Anything goes, sagen Berliner Restaurantkenner - und tatsächlich istdie Auswahl an Multikultiküchen grösser als in anderen europäischen Destinationen. Wie wärs zum Beispiel mit polnischen, ägyptischen oder eritreischen Gerichten?

Oder Wurst vom Rentier, caramelisierter Käse aus Ziegen- und Kuhmilch mit Knäckebrot, Rührei und Butter? Ein geschmackliches Feuerwerk liegt auf dem Vorspeisenteller im Munch’s Hus. Wir sitzen im einzigen norwegischen Restaurant Deutschlands. Wirt Kenneth Gjerrud hat sich gänzlich der Küche seiner Heimat verschrieben: «Nach zehn Jahren in der gehobenen Gastronomie wollte ich etwas Neues, etwas Spezielles machen», sagt der 32-jährige Koch. «Schliesslich kam ich auf die Idee, Spezialitäten anzubieten, mit denen ich aufgewachsen bin.» Im Munch’s Hus lässt sich deshalb Elchbraten probieren. Das köstliche norwegische Fleisch serviert Gjerrud mit Wacholder-Käse-Sauce, Kartoffel-Petersilienwurzel-Püree, Maronen und Preiselbeeren. Die Portionen sind, wie meistens in Deutschland, mehr als sättigend.

Armenier mögen Chilipulver gern

An der Uhlandstrasse - zwischen Charlottenburg und Wilmersdorf - kommt man an Dönerbuden vorbei. Am Chinesen oder einem persischen Restaurant. Einladend ist aber vor allem das Restaurant Amberd. Dort hängen naive Gemälde aus Armenien an der Wand. Und von ebendort kommen die Spezialitäten, die angeboten werden: Salate, Auberginenmus und Pürees, aber auch Weinblätter mit Hackfleischfüllung stehen als Vorspeisen zur Auswahl. Dazu gibt es warmes Fladenbrot. Das erinnert an türkische Speisen und an die nahöstlichen Mezze - schliesslich gehört Armenien zur kulinarischen Landschaft, die wir als Orient bezeichnen. Im Amberd bestellt man als Hauptgang entweder Rollos, eine Art Cannelloni aus Fladenbrot, oder einfache Fleischstücke vom Lavasteingrill, die mit Reis oder Kartoffelgratin serviert werden.

Am Nebentisch sitzen drei armenische Herren mit Schnauz. Ihnen scheint es zu schmecken. Bloss hätten sie die Gerichte lieber schärfer, als diese aus der Küche kommen. Wiederholt greifen sie zum Chilistreuer und werden dabei kaum beachtet vom Koch, der mit frisch gekauftem Gemüse und schweren weissen Kochzoccoli durchs Lokal Richtung Küche schleicht. Ein Windhauch zieht durchs Lokal, draussen wartet der eisig kalte Berliner Winter.

Nicht alle Gäste in den Restaurants, die exotische Nationalküchen anbieten, sind auf der Suche nach einem Stück Heimat. «Manche Kunden frischen Urlaubserinnerungen auf», sagt Michael Pöppl, «viele wollen einfach ein aussergewöhnliches Esserlebnis.» Seit sechs Jahren ist der 44-Jährige Redaktor beim Berliner Stadtmagazin «Zitty» und dort verantwortlich für Gastrobesprechungen. Pöppl hat einige kulinarische Moden in der deutschen Hauptstadt kommen und gehen sehen. Der Sushi-Trend zum Beispiel, glaubt er, habe den Zenit längst überschritten. Auch die vielen panasiatischen Lokale - Restaurants, die Thai-, Japan- und Chinaküche wild mischen - hätten ihre beste Zeit hinter sich. «Wer heute auffallen will, muss etwas Spezielleres bieten», sagt Pöppl. Er nennt das Selig, das sich auf Gerichte aus dem Nordwesten der Volksrepublik spezialisiert hat. «Dort isst man überraschend anders als beim üblichen Chinesen.»

Aber: Bei so vielen internationalen Restaurants kommt die Urberliner Küche fast zu kurz. Wer Spezialitäten wie Bouletten, Soleier oder Flussfischzubereitungen sucht, wird in Berlin kaum mehr fündig - «Mit etwas Glück in Steglitz», rät Pöppl. Eine richtig gute Currywurst müsse man inzwischen jedenfalls suchen.

Was ist polynesische Küche?

Dass einfache Kneipen weniger werden, hat nicht zuletzt auch mit der Teuerung in Berlin zu tun. Seit die Regierung 1999 mit Sack und Pack angereist kam, putzen sich vor allem im Bezirk Mitte viele Lokale heraus. Zahlreiche neue Kneipen sind entstanden - zum Beispiel das französisch-polynesische Restaurant Trader Vic’s im Untergeschoss des Hilton-Hotels. Nach amerikanischer Sitte werden wir vom Empfangsdesk an den Tisch geführt. Im Hintergrund schrummelt sich ein Harry-Belafonte-Verschnitt durch die Musik der sieben Weltmeere. An Decke und Wänden hängt maritimer Schnickschnack. Hausspezialität sind Gerichte aus dem chinesischen Rauchofen. Was daran polynesisch ist? Das kann uns in diesem Erlebnisrestaurant niemand beantworten. Genauso wenig wie die Frage, wo Polynesien genau liege. Der herbeigerufene Chef de Service - er muss als einziger Mann kein Hawaiihemd tragen - holt lange aus, betont, dass alle Seefahrernationen auf der polynesischen Inselgruppe vorbeigeschaut hätten und darum viele Weltküchen ihre Spuren dort hinterlassen hätten. Doch genug Wischiwaschi - suchen wir eine gelungene Küche auf einem anderen Kontinent.

Eine rund halbstündige U-Bahn-Fahrt führt ins Aussenquartier Köpenick. Im Kiboko steht südafrikanische Küche im Zentrum. Auch hier ist die Einrichtung relativ kitschig - die Kolonialzeit lebt hoch in Form von Tropenhelmen, Holzflusspferden und einem Strohdach. Die Gerichte hingegen überzeugen rundum: sei es nun das Trockenfleisch vom Springbock oder die Kartoffelsuppe mit Kalaharitrüffel (angeblich ein Verwandter der herkömmlichen Trüffel). Und spätestens beim Hauptgang vergessen wir, dass wir in deutschen Landen und nicht im südlichen Afrika sitzen: Das Krokodilragout ist vorzüglich, das Fleisch schmeckt irgendwie nach Poulet, irgendwie nach Krabbe und übertrifft noch fast das Millefeuille vom Gnu. Wie Gnufleisch mundet? Es erinnert an eine Mischung aus Kalbsleberli und Rossfleisch. Alles ist im Restaurant Kiboko sorgfältig zubereitet und liebevoll angerichtet. Ein empfehlenswertes Restaurant für ein gediegenes Abendessen.

Frühstück über Mittag - auch russisch

Wer Berlin sagt, denkt auch an Frühstück. Dieser Mahlzeit kommt hier eine grosse Bedeutung zu. Problemlos findet man bei Bedarf eine Kneipe, die bis Mitternacht Eier, Speck und Brötchen serviert. Andernorts steht Kaffee aus unzähligen Bohnensorten zur Auswahl. Auch an der Uhlandstrasse gibt es ein Highlight: die Grüne Lampe. Hier wird sonntags ein russisches Brunchbuffet aufgebaut. Wieso nicht Kaviar, Blini, Lachs und die bekannte Randensuppe Borschtsch zum späten Frühstück? Dass es nur Tee gibt - der Strom und damit auch die Kaffeemaschine sind ausgefallen - nimmt die russische Wirtin gelassen: «Jetzt sehen Sie mal, wie es bei uns zu Hause wirklich ist!» Ja, die Berliner Restaurants bieten eben tatsächlich unvergleichliche Authentizität.

Tipps & Infos

Anreise:

Mit City Night Line, tägl., Ruhesessel ab 46 Fr./Weg.

Hoteltipps:

Hotel Stuttgarter Hof (modern, DZ ab 90 Euro, Anhalter Str. 8-9, Tel. 0049 30 26 48 30. - Hotel am Scheunenviertel (familiär, DZ ab 85 Euro, Oranienburger Str. 38), Tel. 0049 30 28 22 125.

Restaurants:

Amberd, Uhlandstr. 67, Berlin-Wilmersdorf, Tel. 0049 30 86 14 557, www.amberd.de
Grüne Lampe, Uhlandstr. 51, Berlin-Charlottenburg, Tel. 0049 30 88 71 93 93, www.gruenelampe.de
Kiboko, Bölschestr. 10, Berlin-Köpenick, Tel. 0049 30 64 197 325.
Munch’s Hus, Bülowstr. 66, Berlin-Schöneberg, Tel. 0049 30 21 01 40 86, www.munchshus.de
Selig, Kantstr. 51, Berlin-Charlottenburg, Tel. 0049 30 31 01 72 41
Trader Vic’s, im Hilton- Hotel, Mohrenstr. 30, Berlin Mitte, Tel. 0049 30 20 23 42 56

Literatur:

Zitty-Spezial: Essen Trinken Tanzen, 6.90 Euro. Berlins Speisekarte, Tip Edition, 6.90 Euro. Beide Gastroführer sind an Berliner Kiosken erhältlich.

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