Deutschland
Skurriles aus Kassel und Saarbrücken
07. März 2006, 17:48Zwei deutsche Städte, in denen man nicht gewesen sein muss, bieten historische Führungen und das wohltuende Gefühl, nichts verpassen zu können.
Ein Penner, der durch den offenen Hosenschlitz sein Gemächt richtet, das ist das Erste, was ich von Kassel sehe. Es schneit aus bleiernem Himmel. Eine Minute später durchwandere ich bereits historisches Gelände. Die Treppenstrasse ist Deutschlands älteste Fussgängerzone.
Trostlose Nachkriegsbauten links und rechts, einige Schaufenster sind mit Packpapier zugeklebt, die Schilder verblichen. Hundert Meter Tristesse. Eine junge Frau kommt mir entgegen, sie trägt zu enge Jeans und einen Schnuller im Mund. Es ist nicht leicht, Kassel zu lieben.
Keine Amerikaner in Turnschuhen
«Gibts denn über Kassel etwas zu berichten?», wundert sich die Ladenbesitzerin, die mir warme Socken verkauft. Wenn Fremde herkommen, dann für gewöhnlich nicht, weil sie sich für Kassel interessieren. Hier trifft man sich für Sitzungen und Kongresse. Seit dem Fall der Mauer liegt Kassel im Herzen von Deutschland, mit dem Auto ist man in drei Stunden in Hamburg oder Stuttgart, die Bahnverbindungen sind gut. Die, die geblieben sind, sitzen mit Eduscho-Gesichtern in den Einkaufszentren und starren auf die Auslagen der Billigschuhläden. Man hat zwanzig Prozent Arbeitslosigkeit, die dritthöchste Museumsdichte Deutschlands und keine weiteren Ambitionen. Das Leben zieht sich Filzpantoffeln über, wenn es nach Kassel kommt. Im Tourismusbüro drückt mir Frau Winter ein Faltblatt in die Hand. «Kassel bei Nacht», eine Stadtführung mit Fackeln und einem Führer im Historienkostüm.
Kassel - ein Name wie das Geräusch einer Katze, die einen Haarballen aushustet. 200 000 Einwohner, man arbeitet bei VW oder im Achsenwerk von DaimlerChrysler. Einst war Kassel reich, später nur noch hübsch, dann kam der Krieg. Die Fachwerkhäuschen, die so eng standen, dass sich die Nachbarn von gegenüber hoch über den Gassen mit Händedruck begrüssen konnten, sie fielen in der Nacht der 400 000 Bomben. Tausende starben. «Die meisten sind erstickt», sagt die Dame, die mich mit ihrem Schirm vor den Schneeflocken schützt, «keine Luft mehr, nur Rauch.» Sie wohnt hier ganz in der Nähe, kennt sich aus, genau wie der Rest unserer Nachtwandergruppe. Keine Amerikaner in Turnschuhen, keine fotografierenden Japaner. Nur Einheimische. Was lässt man sich bitte schön durch die eigene Stadt führen, frage ich einen wetterfest verpackten Ruheständler. «Ach wissen Sie», sagt der, «wir kennen uns aus der Jugendzeit und unternehmen alle zwei Wochen was zusammen, und so viel geht hier halt nicht in Kassel.»
Gestopfter Darm und Fussgängerzone
Dafür marschiert unser Stadtführer Wolfgang flott vornweg. Er macht für uns den «landgräflichen Kavalier», ausgehendes 18. Jahrhundert. Von seinem selbst genähten Kostüm sehe ich nur den Rockzipfel. Er verschwindet immer schon um die nächste Hausecke, kaum habe ich aufgeschlossen.
Fragt man junge Menschen, was man in Kassel gesehen haben muss, erntet man leere Blicke. Fragt man die Alten, so sagen sie: den Bergpark Wilhelmshöhe. Aber bei dem Schnee komme man da nicht hinauf, sagt der Mann mit dem grünen Lodenhut, «das knirscht hier ja wie in Ostpreussen». Wir stapfen die «Schöne Aussicht» entlang, alle zwei Schritte winkt hier die Geschichte. Das Gebrüder-Grimm-Museum, die Orangerie, Sommerresidenz des Landgrafen Karl, die weiten Parkanlagen der Karlsaue. Nur habe ich gerade keinen Sinn dafür. Der Mann, den sie Hans rufen, erzählt mir von seinem Heimatdorf bei Königsberg, Ostpreussen, von der Flucht, als die Rote Armee kam. Vor zehn Jahren ist er mit seiner Frau dahin zurückgekehrt, zum ersten Mal seit dem Krieg. Er wollte ihr zeigen, wo er seine Kindheit verbracht hat. «Aber da war nichts mehr. Kein einziger Stein.» Er hat ein Foto gemacht von seiner Frau neben dem Bauernhaus, das es nicht mehr gibt. Zur Erinnerung.
Ich weiss jetzt, wo die Landfürsten ihr Frühstück einnahmen und wo sie in Wein badeten. Ich weiss, dass das Schloss von Napoleons Bruder Jérôme niederbrannte, weil Monsieur die Öfen mit Holz verkleidet hatte. Löschen ging nicht, die nahe Fulda war zugefroren. Und ich weiss, dass man in die Markthalle gehen muss, um «Weckewerk» zu probieren. Das ist Kasseler Spezialität, Darm gestopft mit Fragen-Sie-nicht-was-allem. Der Rückweg führt am Fridericianum vorbei, dem ersten öffentlichen Museum Europas. Noch so eine unschuldige Attraktion. Es ist zehn Uhr abends, kein Mensch zu sehen. Die Innenstadt hat aufgehört zu atmen.
Ich bleibe vor dem Merceriegeschäft mit dem Schild «Aufgeknöpft und zugenäht» stehen und warte. Gleich werden die schwarzen Karren kommen und die Pesttoten aus den Häusern holen. Dann fällt mir ein, dass das nicht sein kann. Hier ist ja Fussgängerzone - die erste Deutschlands!
Rotkäppchen und Pest in Saarbrücken
Die Räder der Pestkarren waren mit Stofffetzen umwickelt, erklärt mir das Rotkäppchen tags darauf, damit sie den Menschen nicht den Schlaf raubten; Totenwagen auf Kopfsteinpflaster dröhnen laut in der Nacht. Wir sind in Saarbrücken, stehen auf dem grossen Platz vor der barocken Ludwigskirche, es ist später Samstagnachmittag und eiskalt. Zwei Damen hasten auf uns zu, «ist hier die Seuchengruppe?». Ja, ist sie. Wir sind komplett. Das Rotkäppchen ist historische Städteführerin und unverkleidet. Ihre Mütze trägt das zarte Geschöpf als Erkennungszeichen, damit sich keiner in den Altstadtgassen verirrt. Von den 13 Interessierten ist allerdings nur ein einziger gefährdet, weil fremd in Saarbrücken: ich.
In Saarbrücken war früher die Kohle- und Stahlindustrie, das weiss man in Restdeutschland über die Stadt an der Grenze zu Frankreich, und auch, dass man hier den Salat vor dem Essen serviert bekommt. «Das ischt das Saarvoir-vivre», erklärt die Hotelpatronin an der Réception. Sie hat in der Schule noch Französisch lernen müssen, sonst ist nicht viel geblieben von der Okkupation nach dem Krieg. Heute kommen die Franzosen wegen der Saturn-Filiale, Geiz ist geil, auch in Frankreich.
Historischer Elendstourismus
Anders als Kassel hat Saarbrücken nicht einmal eine Vergangenheit, die zu fleddern sich lohnte. Aber was wurde hier gelitten und gestorben! An Pest und Pocken, an Syphilis und Aussatz, und wegen des Antoniusfeuers sind manch Unglückseligem die Hände und Füsse abgefault. Das ist guter Stoff für gepflegten Elendstourismus, erkannten zwei Studenten und gründeten Historica Events, spezialisiert auf Theaterspaziergänge und Themenrundgänge. So ziehen seit einiger Zeit Menschentrauben durch Saarbrücken, um sich anzusehen, was es nicht mehr gibt. In Saarbrücken liegt alles im Ungefähren. «Das Badehaus war ungefähr hier», sagt Rotkäppchen an der Altneugasse und zeigt auf eine Häuserzeile, an der das einzig Auffällige ein australisches Restaurant ist. Die Dame mit den vierfarbigen Haarsträhnen hat hier schon Krokodil gegessen, «schmeckt genau wie Hühnschen». Na ja, ungefähr.
Zu sehen gibt es nichts, zu diskutieren viel. Wir kommen kaum vorwärts. Gegen die nasskalten Schwaden, die von der Saar heraufziehen, sind selbst die Kasseler Wollsocken machtlos. Die anderen frieren auch, aber ihr Wille zum Wissen ist ungebrochen. Rotkäppchen hat sich gut ins Seuchenwesen eingelesen, und wenn sie eine Zwischenfrage nicht zu parieren weiss, findet sich immer einer, der sich auskennt. «Die Beulenpest war hässlich, aber an der Lungenpest starb man schneller», sagt ein baumlanger Mann. Er arbeitet als Chemiker im Medizinlabor. Die Frau neben ihm kennt die Geschichte jedes Bauwerks in der Stadt. Sie hat früher selber Führungen geleitet, bis sie ein Scherz über das schwungvolle Liebesleben des damaligen Bürgermeisters Oskar Lafontaine die Stelle kostete.
Dilettanten sitzen vor Milchkaffee
An historischen Stadtführungen trifft man den Typus Mensch, der bei «Wer wird Millionär» als Telefonjoker angegeben wird. Und alle sind sie einheimisch. Fremde hat Rotkäppchen noch nie an Führungen gesehen. Wahrscheinlich hocken die Touristen in Saarbrücken den ganzen Tag vor gigantischen Milchkaffeeschalen und weinen bittere Tränen, weil sie einen Tag ihres Lebens an eine Stadt verlieren, die kein Deutscher mit dem Finger auf einer Karte zeigen könnte. Wahrscheinlich häufen sie sich am nächsten Morgen riesige Wurstberge auf die Frühstücksteller und setzen sich dann, am ganzen Leibe aufgequollen, ins Kulturcafé, wo nur Saarbrücken-Dilettanten hingehen, aber das wissen die armen Touristen ja nicht, weil sie keine Einheimischen kennen gelernt haben, die über städtische Lokalitäten ebenso gut Bescheid wissen wie über platzende Eiterbeulen. Im Odéon trifft man sich am Stammtisch, im GiaGo ist der Kaffee am besten, bei Tante Maya wurde früher gehurt und gesoffen, heute isst man da selbst gemachten Kuchen. Wer Couscous mag, der muss über die Grenze nach Frankreich, Frühstück isst man am Sonntagmorgen im Café Kostbar. Voilà.
Saarbrücken ist mir gar nicht mehr fremd, als ich später an den erleuchteten Lokalen am St. Johanner Markt vorbeigehe und mir überlege, in welches ich mich morgen setzen werde. Wahrscheinlich in alle, versorgt mit einem dicken Stapel Zeitungen. Wo es nichts zu sehen gibt, gibt es auch nichts zu verpassen. Und wonach suchte man sonst, abseits des Alltags, wenn nicht nach dem wohltuenden Gefühl, ohne die Spur eines schlechten Gewissens einfach faul sein zu dürfen.
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TIPPS & INFOS
Anreise Kassel
Per Zug: ab Basel direkte ICE-Verbindungen, Reisezeit ab Zürich ca. 5½ Std.
Unterwegs in Kassel
Stadtführung mit landgräflichem Kavalier: Kassel Tourist, Obere Königsstrasse 15, Tel. 0049 561 70 77 07, www.kassel-tourist.de . Nicht verpassen:
Kunsthalle Fridericianum, Friedrichsplatz 18, www.fridericianum-kassel.de
Essen in Kassel
Rustikales vom «Weckewerk» bis zum Bauernbrot im Restaurant Markthalle, Wildemannsgasse 1, www.markthalle-kassel.de
Anreise Saarbrücken
Per Zug: von Zürich und Basel ICE/EC-Verbindungen tägl. bis Mannheim, IC nach Saarbrücken, Reisedauer ca. 5 Std.
Unterwegs in Saarbrücken
Tourismusbüro Saarbrücken: Reichsstrasse 1, Tel. 0049 180 572 27 27, www.die-region-saarbruecken.de . Histor. Stadtführungen: Historica Events, Tel. 0049 681 709 60 218, www.historica-events.de
Essen und Trinken in Saarbrücken
Fruit de Mer: franz. Bistro, winzig und charmant, Reservation Tel. 0049 681 31 416. Confiserie Schubert: legendärer Baumkuchen. Diverse junge Cafés im Nauwieserviertel, etwa: Ubu Roi, Cecilienstrasse Ecke Försterstrasse. Café Kostbar, Nauwieserstr. 19, sonntags mit Frühstücksbuffet. Diverse Lokale am St. Johanner Markt, etwa: Kulturcafé, Odéon, GiaGo.
Saarbrückens Insidergeschichten
Saarbrücken-Blogs: www.saarblogger.de
Weitere Infos
Infos zu Kassel und Saarbrücken sowie weiteren histor. Führungen in deutschen Städten: Deutsches Verkehrsbüro, Zürich, Tel. 044 213 22 00.
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