Cremona

Lebendige Werkstatt der Geigenbauer

13. Juni 2006, 23:19

Die Familien Amati, Guarneri und Stradivari haben das Städtchen in der Poebene mit ihren Geigen berühmt gemacht. Cremona zehrt bis heute von diesem Erbe.

Anderthalb Monate arbeitet Michele Dobner an einer Geige in seiner Werkstatt.
Anderthalb Monate arbeitet Michele Dobner an einer Geige in seiner Werkstatt.
Von Christina Leutwyler

Morgens früh steigt Andrea Mosconi, der Kurator der städtischen Geigensammlung, hinauf in den ersten Stock des mittelalterlichen Rathauses. Er holt ein Instrument ums andere aus den Glasvitrinen in der Sala dei Violini und bringt es zum Klingen, jeden Tag. Wenn die Wächter den Saal fürs Publikum öffnen, hängen sie dann wieder stumm da: die neun Geigen, die Bratsche und das Cello. Sie stammen aus den Händen von Meistern wie Andrea und Nicolò Amati, Giuseppe Guarneri del Gesù und Antonio Stradivari. Und da stehe ich nun und kann sie bewundern, dank dem Tipp von Signora Elisabetta, Mitarbeiterin des lokalen Tourismusbüros. Schade nur, dass ich nicht weiss, wie sie tönen. Doch ich habe Glück: Eine Schulklasse hat Andrea Mosconi für ein kleines Konzert gebucht. Der Kurator stellt ihnen die rötlich lackierte Geige «Vesuvius» vor, die Stradivari 1727 gebaut hat. Zum Abschluss spielt er einige Melodien.

Die Wächter wissen zu erzählen, wie es dazu kam, dass vier der elf wertvollen Instrumente Leihgaben der Fondazione Stauffer sind. Walter Stauffers Vorfahren waren als Käser aus dem Bernbiet nach Cremona ausgewandert. Der Schweizer mehrte sein Vermögen in der Käseindustrie weiter. Er liebte zwar die Frauen, heiratete aber nie und gründete 1970 eine Stiftung. Diese bewirtschaftet seine beachtliche Hinterlassenschaft. Aus den Erträgen fördert sie die Ausbildung von Geigenbauern, Musikwissenschaftern und Musikern. Sie unterstützt auch die klassische Musik in Cremona. Eben erst hat die Stiftung für über vier Millionen Euro das Cello «Cristiani» von Antonio Stradivari erworben, das in der Sala dei Violini ausgestellt ist.

«Die Fondazione Stauffer hat mutige Kaufentscheide getroffen und wichtige Impulse für die Instrumentensammlung gegeben», sagt der Geigenbauer Michele Dobner. Seine kleine Werkstatt liegt unter den Lauben der Via Platina, nur wenige Schritte von der Piazza del Comune, dem Zentrum Cremonas, entfernt. Die Fondazione Stauffer ziehe mit ihren Weiterbildungskursen auch junge Streichmusiktalente aus ganz Europa an. «Das hilft uns Geigenbauern», freut sich Dobner über mögliche Kunden. Denn die Konkurrenz ist enorm. Offiziell arbeiten 135 bis 140 Instrumentenbauer in Cremona, inoffiziell sind es noch einige mehr.

Drei Monate für ein Cello

Michele Dobner hat an seiner hohen Werkbank soeben begonnen, ein neues Cello zu bauen. Drei Monate lang werde er daran arbeiten, erklärt er. Für eine Geige braucht er etwa anderthalb Monate. So kommt er auf sieben bis acht Instrumente im Jahr. Dabei kümmert er sich um alles: von der Auswahl des Holzes bis zum Verkauf der Streichinstrumente. Gefragt sind diese selbst im Fernen Osten. «In Japan gibts viele anspruchsvolle Amateurmusiker und damit eine Marktnische für Instrumente aus Cremona», sagt Dobner, dessen Vorfahren noch zu österreichisch-habsburgischen Zeiten aus Böhmen nach Norditalien eingewandert sind. Wie eine Geige gebaut werde, sehe man am besten im Museo Stradivariano, empfiehlt Dobner. In der Tat. Schritt für Schritt wird dort gezeigt, wie aus rohen Brettern ein Instrument entsteht; hier sind auch Stradivaris Arbeitsinstrumente ausgestellt.

Ein Platz wie im Mittelalter

Nach so viel Kultur brauche ich eine Pause. Der süsse Nugat des Traditionsgeschäfts Sperlari macht mich fit für den Tipp der Verkäuferin: nach dem Torrone auf den Torrazzo. Also nichts wie hinauf auf den Kirchturm, der - so behaupten sie in Cremona - der höchste Europas ist. Über breite Steinstufen geht es hinauf und hinaus auf eine Terrasse über der Piazza del Comune, die sich seit dem Mittelalter kaum verändert hat. Vierjährige flitzen mit ihren rosa Velos auf dem verkehrsfreien Platz herum. Die Mütter haben sich plaudernd auf den Stufen vor dem Dom niedergelassen. Kellner breiten im Strassencafé schwungvoll gelbe Tischtücher aus. Doch es warten nochmals ein paar Hundert Tritte. Das Treppenhaus windet sich zuerst im Quadrat in die Höhe, dann wird es enger, und zuletzt klettert man eine frei stehende Wendeltreppe hinauf. Es lohnt sich: Cremona ist von Bausünden weit gehend verschont geblieben. Ringsum breitet sich grün das fruchtbare Land der Poebene aus. Der Fluss selbst, der von hier bis Venedig schiffbar ist, glitzert im Hintergrund.

Das Mobiltelefon klingelt. Im Teatro Ponchielli sei noch ein Platz frei geworden für den Abend, richtet Signora Elisabetta vom Tourismusbüro aus. Das ist ein Glücksfall, denn eigentlich ist das Konzert zum Auftakt des Festivals Claudio Monteverdi längst ausverkauft. Das Festival findet bereits zum 23. Mal statt - und auch dieses Jahr mit Konzerten im Ponchielli. Es hat zwar nur etwa halb so viele Plätze wie die Scala in Mailand, doch sonst gleicht es ihr mit seinen Logenrängen, dem roten Samt und den beigegoldenen Stuckaturen aufs Haar. Riccardo Muti dirigiert Rossini, Mozart und Dvoák. Der Applaus will nicht aufhören. Und schliesslich lächelt der gestrenge Maestro sogar der ersten Geigerin zu.

Musik füllt auch die Piazza Pace, auf der sich das junge Cremona gegen Mitternacht trifft. Bässe wummern aus den Bars. Neonlicht erhellt die Gelaterie. Man tritt sich fast auf die Füsse. Zigaretten glühen im Dunkeln wie Leuchtkäferchen. Fünf Stunden später leeren Müllmänner scheppernd die Kehrichteimer, fegen die Überreste der lebhaften Nacht weg. Mauersegler pfeilen durchs fahle Morgenlicht. Und bald wird Andrea Mosconi wieder ins Rathaus hinaufsteigen, eine Stradivari aus der Vitrine holen und mit dem Bogen über ihre Saiten streichen.

Tipps & Infos

Anreise: ab Zürich tägl. mehrere Verbindungen mit Umsteigen in Mailand, ca. 6,5 Std. Per Auto: Zürich-Cremona: knapp 400 km, ca. 4 Std.
Hotel: Impero, 4*, sehr zentral, DZ ab 115 Euro, Tel. 0039 037 241 30 13, www.hotelimpero.cr.it . Lokales Tourismusbüro, Tel. 0039 0372 23 233, www.aptcremona.it .

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