Shopping authentisch Tokio
Wo Männerfantasien zu Plastik werden
03. April 2008, 17:57Shopping zählt zu den liebsten Beschäftigungen der Japaner. In Tokio gibt es ganze Quartiere, die sich bestimmten Waren verschrieben haben. Auch für Touristen ein Erlebnis.
Infografik- Tokio
Von Christoph Neidhart
Akihabara ist ein Bubentraum. In Tokios so genannter Electric Town gibt es alles, was sich kleine und grosse Männer immer schon gewünscht, aber nie geleistet haben: Hochleistungsstationen für Amateurfunk, edelste Modelleisenbahnen. Oder Helikopter, so gross wie Velos, die ferngesteuert fliegen, und neuerdings auch Winzlinge, etwa der Heli-Q, der von der Handfläche starten kann. Nicht viel grösser als eine Hornisse. Und, wenn er einem um die Ohren fliegt, noch nerviger. Vor allem aber gibt es in Akihabara alle Arten Computer und dazu das neueste Zubehör.
Es begann als Schwarzmarkt
Das Viertel liegt im Osten von Tokio zwischen den beiden wichtigen Bahnhöfen Tokyo Station und Ueno. Die Ursprünge der Electric Town gehen auf einen Schwarzmarkt nach dem Zweiten Weltkrieg zurück. Später wurden hier die ersten Transistorradios, die ersten Fernseher und Waschautomaten verkauft. Das gibt es inzwischen überall, Akihabara richtet sich heute eher an Fachleute und Freaks als an den Normalnutzer. Es gibt etwa Läden, die nur Kabel verkaufen.
In den engen Gängen unter dem Bahnhof findet man auch alles, was ein Spion zum Leben so braucht: Wanzen, Abhörgeräte, winzige Bewegungssensoren, Überwachungskameras, so klein wie ein Hosenknopf, drahtlos und ferngesteuert.
Meist mit anderem Betriebssystem
Und viel Ramsch. Vor vielen Läden stehen Wühlkisten auf der Strasse. Darin findet man Computermäuse und -tastaturen, Webcams, Speicher- und gebrauchte Grafikkarten. Sogar LED-Bildschirme werden hier im Freien verkauft.
Wer sich auskennt, kann seine elektronischen Geräte hier günstig aufrüsten. Allerdings sind die japanischen Programm-CDs mit englischen oder gar schweizerischen Windows-Betriebssystemen oft nicht kompatibel, man muss die Treiber später vom Internet herunterladen. Einige Läden richten sich deshalb speziell an Touristen, sie führen englische Modelle, verkaufen diese allerdings etwas teurer. Und ihre Auswahl ist eher Mainstream.
Für weniger als 300 Franken kann man gebrauchte Laptops finden, die noch perfekt funktionieren, allerdings meist mit japanischem Betriebssystem.
Wer es wagt, seinen Laptop selber zu reparieren, oder wer einen Desktop selber bauen will, kauft sich hier vom Motherboard bis zum Spezialstecker alle Teile, oft spottbillig. Man muss nur suchen. Auch die nötigen Werkzeuge, vom Lötkolben bis zur Messanlage.
Spielzeug für notorisch scheue Jungs
Wenn Japaner ein Hobby haben, betreiben sie das konsequent. Oft fast radikal. Wer bloss einen Computer braucht, kommt dafür kaum eigens nach Akihabara. Computer-Enthusiasten, Touristen, russische Einkäufer (für die einige Läden, versteckt in den oberen Stockwerken, ihre Secondhandware auch russisch anschreiben) und andere einsame Männerseelen dagegen zieht das Viertel von weither an. Hier decken sich jene vielen jungen Japaner, die notorisch scheu sind, mit jenem Spielzeug ein, das ihnen das Sozialleben ersetzt. Und weil hier alles ein bisschen anders ist, gibt es in Akihabara sogar Döner-Kebab-Stände, sonst in Japan eine Rarität.
Allerdings ist auch Denki Town, wie es die Japaner nennen, nicht mehr, was es einmal war. Der Hauptteil des gemütlichen alten Bahnhofs glänzt inzwischen in Glas und Stahl, sein Vorplatz gähnt leer. Das kleinteilige Chaos verschwindet langsam, die schmalen Häuser mit den winzigen Läden werden abgerissen.
An ihre Stelle bauen japanische Elektronikketten ihre Warenhäuser. Und von jenen kleinen Läden, die bleiben, gehören mehr und mehr den grossen Firmen, besonders viele Sofmap, eine Kette, die selber aus einem winzigen Softwareladen in Akihabara entstanden ist.
Manche dieser Nischenläden sind spezialisiert auf interaktive Computerspiele. Zu mittelalterlichen Kriegs- und Spionagespielen oder Fussballturnieren und Zeichentrickpornos kann man hier immer neue Figuren erwerben, neue Mittelstürmer oder neue Gespielinnen. Hier verschmelzen die Männerfantasien von Technik, Sport und Sex zum virtuellen Rundumersatz, der sich per Mausklick zu Hause aufrufen lässt.
Auch wer nie eine Amateurfunkanlage oder ein Porno-Manga kaufen wird, spielt hier ein wenig mit den Funkgeräten herum. Oder ergötzt sich an den prallen Kurven und den geradezu akrobatischen Verrenkungen der Mangafiguren.
In Akihabara haben auch Alpträume ihren Anfang. Jüngst verlor ein bekannter Ökonomieprofessor, der oft im Fernsehen als Experte auftrat, seine Stelle, weil er wiederholt dabei erwischt wurde, mit einem Spazierstöckchen, auf das er eine Videokamera montiert hatte, jungen Mädchen in der S-Bahn unter die Röcke zu blinzeln.
Bier, das für immer frisch bleibt
Etwas östlich von Akihabara, drei Stationen mit der Ginza-Metro Richtung Asakusa, liegt Kappabashi, die Küchenstrasse. Ein Traum für alle, die gerne kochen. Die Läden hier sind auf Geschirr, Pfannen, Töpfe, Messer, Essstäbchen in Grosspackung für Restaurants, Servietten, Kneipenmöbel, Speisekarten und Leuchtschrift-Wirtshausschilder spezialisiert. Und ganz besonders auf jene Attrappen, mit denen japanische Restaurants ihr Menü in einer Vitrine zur Strasse ins Bild setzen.
Die frisch gezapften Biere verschiedener japanischer Brauereien zum Beispiel sehen nicht nur täuschend echt aus, ihr Schaum gibt auch nach, wenn man den Finger hineindrückt; nur feucht ist er nicht. Teller voller Spaghetti, Hamburger mit Ketchup und Pommes frites, Gemüse, dicke rohe Steaks, Brote, Croissants, Torten, Krebse, zwei frisch geköpfte Aale: In der Küchenstrasse findet man alles als Attrappe, was man in einer Küche finden kann. Natürlich auch viele Sorten Sushi.
Zweifellos verleiten die naturgetreuen Nachbildungen manche Touristen zu Bubenstreichen. Allerdings verderben einem ihre Preise hier den Spass. Ein kleines Plastiksushi kostet umgerechnet 12 bis 20 Franken, ein Hamburger 30 bis 50, ein ganzes Tellergericht oft mehr als hundert Franken.
Gut, gibt es die Sushi auch als Magnete für die Eisschranktür. Oder als Flashmemory für den Computer. So wird aus dem teuren Scherz ein nettes Souvenir.
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Tipps und Infos
Allgemeine Infos
Gut beraten ist man bei Jalpak in Zürich, Tel. 043 344 72 95, www.jalpak.ch
Flüge
Direktflüge täglich mit Swiss nach Tokio ab rund 1700 Franken. Wer in Paris, Frankfurt oder London umsteigen mag, kommt günstiger hin, mit etwas Glück sogar unter 1000 Franken.
Shopping-Quartiere in Tokio
Shinjuku: Grosse Warenhäuser wie Takeshimaya, Keio, Odakyu, Yodobashi, aber auch die Buchhandlung Kinokuniya. Im Untergeschoss zwischen West-Exit und Yodobashi finden wechselnde Märkte statt; hier kann man, je nach Woche, Computertaschen, Koffer und Rucksäcke, Herrenschuhe und Anzüge, eingelegtes Gemüse oder Kopfkissen äusserst günstig finden. (Metro, JR: Shinshuku)
Ginza: Tokios Bahnhofstrasse mit vielen internationalen Geschäften. Besonders interessant: Ito-ya, Schreibwaren auf 11 Stockwerken. Mitsukoshi, die Lebensmittelabteilung in drei Untergeschossen, in denen es viele kleine Versucher gibt. (Metro: Ginza, JR: Tokyo Station)
Omotesando: Harajuku, das Modedreieck Tokios, mit Läden fast aller bekannter und vieler unbekannter Mode-Labels. (Metro: Omotesando)
Shibuya: Teenagermode, Kneipenviertel, Love-Hotels (Metro, JR: Shibuya)
Jimbocho: Tokios Buchhandelsquartier mit vielen Antiquariaten, von denen einige auch fremdsprachige Bücher führen. (Metro: Jimbocho)
Ikebukuro: Das lauteste, bunteste aller Einkaufsviertel mit chinesischen und koreanischen Läden und Restaurants. (Metro, JR: Ikebukuro).
Elektronik und Kameras: Yodobashi Camera: Filialen in Shinjuku (West-Exit) und Akihabara. Bic Camera: Filialen in Yurakucho (nahe Ginza und Tokio Station), Ikebukuro (4 Filialen, für verschiedene Produktgruppen), Shinjuku.
Do-it-yourself, Papeterie, Reiseartikel: Stylish und praktisch: Tokyu-Hands: Filialen in Shinjuku, Shibuya, Ikebukuro. Loft: Filialen in Shibuya, Ikebukuro, Marunouchi (Tokyo Station)
Wohnen, Küche: Preiswertes japanisches Design. Muji: überall in der Stadt, u.a. in Yurakucho, Harajuku, Tokyo Midtown (Roppongi)
Kleider: UNIQLO: fast 100 Filialen überall in ganz Tokio. (nei)
Achtung: Die private Einfuhr von Nahrungsmitteln tierischer Herkunft (auch z.B. Honig!) aus Nicht-EU-Staaten ist ohne Gesundheitszeugnis illegal. Das gilt sogar, wenn die Lebensmittel verschweisst oder als Konserve importiert werden sollen.




















































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