Neuer Rummel um das Turiner Grabtuch

20. März 2008, 05:00

Die berühmteste Reliquie des Christentums wurde erstmals in hoher Auflösung digital fotografiert und gefilmt. Neue Tests sollen alte Rätsel lösen.

Unter streng kontrollierten Bedingungen fährt ein Roboter in 30 Zentimeter Distanz über das berühmte Leinentuch und macht über 1600 Aufnahmen.
Unter streng kontrollierten Bedingungen fährt ein Roboter in 30 Zentimeter Distanz über das berühmte Leinentuch und macht über 1600 Aufnahmen.

Von Barbara Vonarburg

Vor zwanzig Jahren schien alles klar zu sein: Das Turiner Grabtuch, das ein Bild von Jesus Christus zeigen soll, wurde als mittelalterliche Fälschung entlarvt. Die ETH Zürich hatte das Alter des Leinentuchs mit einer physikalischen Methode bestimmt. Das Resultat stimmte mit Messungen von Labors in Oxford und Arizona überein. Das Tuch stammte danach aus der Zeit von 1260 bis 1390 n. Chr. Die drei Labors hatten kleine Proben von einer Ecke des berühmten Leinens erhalten und darin die Konzentration von radioaktivem Kohlenstoff C-14 gemessen. Diese so genannte Radiokarbondatierung liefert über Jahrtausende zurück relativ genaue Resultate.

Doch die Vorstellung, die Reliquie könnte echt sein, lebte trotzdem weiter – selbst in den Köpfen von Wissenschaftlern. Denn das grösste Rätsel blieb auch nach der Altersbestimmung ungelöst: Wie gelangte das mysteriöse Abbild eines menschlichen Körpers auf das Leinentuch? Das Bild ist nicht aufgemalt. Es gleicht viel eher einem fotografischen Negativ, das ungewöhnlich dreidimensional wirkt. Wie ein Fälscher im Mittelalter mit beschränkten technischen Mitteln diese Wirkung erzeugt haben könnte, weiss niemand.

Kein Wunder, hat das Tuch zu vielen weiteren Untersuchungen, Veröffentlichungen und Spekulationen angeregt. Pünktlich zum 20-Jahr-Jubiläum der Altersbestimmung und zu Ostern zeigt der britische Fernsehsender BBC 2 am kommenden Samstag einen Dokumentarfilm, der schon im Voraus vor allem in Italien für Schlagzeilen gesorgt hat. Die Radiokarbondatierung könnte falsch und das Grabtuch älter sein, meldeten «La Stampa» und «La Republica» auf Grund von Aussagen des Filmproduzenten.

Neue Hypothese prüfen

Es gebe neue Informationen über das Verhalten von C-14 in der Atmosphäre, die vor zwanzig Jahren noch unbekannt waren, erklärt Alessandro Pavone von der Firma Performance Films, die den Dokumentarfilm für die BBC drehte. Eine neue Hypothese, die auf diesen Erkenntnissen beruhe, könnte erklären, warum altes Leinen unter bestimmten Umständen bei der Radiokarbondatierung viel jünger erscheine.

Christopher Ramsey, Professor am Oxford-Labor, das an der ursprünglichen Datierung beteiligt war, erklärte sich bereit, diese Hypothese für die BBC zu testen. Er sei offen für seriöse Hinweise, warum die Datierung nicht korrekt sein könnte, teilte der Experte vor dem Experiment mit. Aber auf Grund seiner Erfahrung auf diesem Gebiet nehme er nicht an, dass die neue Hypothese die Genauigkeit der ursprünglichen Radiokarbondatierung in Frage stellen werde.

Wie die Untersuchung in Oxford tatsächlich ausgegangen ist, will und darf Ramsey noch nicht verraten: «Über diese spezifischen Tests kann ich vor der Ausstrahlung des TV-Programms nichts sagen», erklärt er. Dass die Verschmutzung, die an den Ecken des Grabtuchs besonders stark ist, die ursprüngliche Messung wesentlich verfälscht haben könnte, glaubt er aber nicht.

Diese Theorie vertritt vor allem die Schweizer Textilkonservatorin Mechthild Flury-Lemberg. Sie hat das Grabtuch 2002 von Flicken befreit und dabei bemerkt, dass die Ecken vom Anfassen über die Jahrhunderte besonders speckig geworden sind. Deshalb traut sie der C-14-Analyse nicht. Die Proben seien vor der Untersuchung 1988 gereinigt worden, erklärt hingegen Ramsey. «Die Labors – vor allem dasjenige in Zürich – führten Messungen vor und nach der Reinigung des Leinens durch – ohne signifikante Unterschiede.»

Das zeige, dass es keine grösseren Verschmutzungen gebe, sagt Ramsey. Die restlichen Verunreinigungen hätten das Radiokarbonalter höchstens um Hunderte von Jahren verschieben können, aber nicht um Tausende, wie dies nötig wäre, wenn es sich um das Originaltuch aus dem 1. Jahrhundert n. Chr. handeln würde.

Mit Erlaubnis des Vatikans

Neben dem Experiment in Oxford wird der BBC-Film erstmals Bilder der Reliquie in HD-Qualität zeigen. Man könne viele Details klar erkennen, schwärmt Pavone, denn: «Wir hatten einen speziellen Zugang zum Grabtuch.» Die Filmer profitierten von einer Generalüberholung der Sicherheitssysteme der Kapelle und des Reliquienschreins, in dem das Tuch in Turin aufbewahrt wird. Dazu wurde das Leinen Ende Januar in die neue Sakristei des Domes von Novara gebracht.

Aus diesem Anlass erteilte der Vatikan die Bewilligung für Foto- und Filmaufnahmen. Die italienische Firma HAL9000 erhielt den Auftrag, das Grabtuch erstmals mit neuester Digitaltechnik hochauflösend zu fotografieren. Damit das kostbare Tuch dabei keinen Schaden nahm, herrschten Reinraumbedingungen; Temperatur und Atmosphäre wurden ständig kontrolliert.

Ein Roboter bewegte sich in 30 Zentimeter Entfernung über das Leinen und schoss insgesamt 1649 Bilder. Schutzsysteme garantierten, dass das benötigte Licht im Tuch keine chemischen oder physikalischen Veränderungen auslösen konnte. Sie waren zuvor in Rom im Zentralinstitut für Restaurationen getestet worden und hatten sich bereits letztes Jahr bewährt, als HAL9000 ein hochauflösendes Foto von Leonardo da Vincis Abendmahl machte, das jetzt im Internet zu sehen ist.

In einer ersten Verarbeitungsphase stellte die Firma eine detaillierte Reproduktion des Grabtuches in Originalgrösse her sowie ein zwölf Meter langes Riesenbild, das zurzeit im Dom von Novara ausgestellt wird. Wenn alle Daten verarbeitet seien, werde daraus ein einzigartiges Bild des Grabtuchs bis zu einem Fünfhundertstelmillimeter entstehen, teilte HAL9000 mit. Es sei, wie wenn man das Tuch durch ein Mikroskop betrachte, sagte Chefingenieur Mauro Gavinelli dem Internetdienst «Discovery News»: «Sie können die Fäden sehen, die Fasern, aus denen die Fäden bestehen, den Schaden, den das Tuch über die Jahre erlitten hat.»

Kein Werk von Leonardo da Vinci

Ob die hochauflösenden Foto- und Filmaufnahmen neue Erkenntnisse über den Ursprung des Tuches liefern werden, ist allerdings fraglich. Immer wieder tauchen abenteuerliche Erklärungsversuche für das mysteriöse Abbild auf. Einer der gewagtesten: Das Bild sei echt und durch eine Art Strahlung bei der Auferstehung von Jesus entstanden. Dabei sei eine grosse Zahl von Neutronen erzeugt worden. Diese sollen den Anteil von radioaktiven C-14-Atomen im Tuch erhöht und dadurch die Radiokarbondatierung verfälscht haben.

Etwas weniger weit hergeholt ist die Vermutung des Kunsthistorikers Nicolas Allen. Er glaubt, dass das Grabtuch im Mittelalter mit einer Art Lochkamera hergestellt worden sein könnte. Allen experimentierte mit Statuen, die er vor einem lichtdichten Raum mit Quarzlinse aufstellte. In den Raum hängte er Leinentücher, die mit lichtempfindlichen Substanzen getränkt waren. So konnte er bei mehrtägiger Belichtungsdauer ein Bild der Statuen auf dem Leinen erzeugen.

Leonardo da Vinci befasste sich eingehend mit dem Prinzip dieser Camera Obscura und seiner Umkehrung, der Laterna Magica, einer einfachen Projektionsvorrichtung. Vielleicht habe er das Grabtuch angefertigt – als Porträt von sich selbst, wird immer wieder behauptet. «Wir können mit Sicherheit sagen, dass dies absolut unmöglich ist», meint dagegen Pavoni. Ein Dokument beweise, dass das Grabtuch bereits existiert habe, als Leonardo da Vinci noch nicht geboren war.

www.performancefilms.co.uk
www.haltadefinizione.com

Sindonologie

Das Turiner Grabtuch ist ein vergilbtes Leinentuch, das 4,37 Meter lang und 1,11 Meter breit ist. Aus Distanz betrachtet zeigt sich darauf das Negativbild eines gekreuzigten Mannes in Vorder- und Rückenansicht – der Legende nach ein Abbild von Jesus Christus. Doch seit das Tuch im 14. Jahrhundert erstmals erwähnt wurde, ist seine Echtheit umstritten. Aufbewahrt wird die berühmte Reliquie in der Kathedrale von Turin. Zu sehen ist sie aber nur selten, letztmals im Jahr 2000. Die nächste Ausstellung ist erst 2025 geplant. In unzähligen Veröffentlichungen wird über den Ursprung des mysteriösen Tuchs spekuliert. Die Wissenschaft, die sich damit befasst, hat sogar einen eigenen Namen. Sie heisst Sindonologie, nach dem altgriechischen Wort «Sindon» für Leichentuch. (bva)

Alter des Grabtuchs erneut untersucht

Oxford. – Kohlenmonoxid könnte die Datierung der berühmten Reliquie verfälscht haben. Diese Hypothese vertrat der amerikanische Forscher John Jackson in einem Dokumentarfilm, den der britische Fernsehsender BBC 2 am letzten Samstag ausstrahlte. Messungen mit der so genannten Radiokarbonmethode hatten vor zwanzig Jahren ergeben, dass das Turiner Grabtuch mit dem Bild eines gekreuzigten Mannes aus dem 14. Jahrhundert stammt und nicht aus der Zeit Jesu. Im Gegensatz zu anderen Schadstoffen enthält Kohlenmonoxid natürlicherweise mehr radioaktive Kohlenstoffatome und könnte theoretisch das Radiokarbonalter einer Probe um tausend Jahre verändern.
«Der einzige Weg herauszufinden, ob eine solche Verschmutzung in Frage kommt, ist, mit heutigem Leinen zu experimentieren», sagt Christopher Ramsey, Leiter des Labors in Oxford, das an der Datierung vor zwanzig Jahren beteiligt war. Für die BBC führte Ramsey diese Experimente durch. Er setzte Leinenproben hohen Konzentrationen von Kohlenmonoxid aus und prüfte, ob sich der Stoff dadurch veränderte. Resultat: «Diese ersten Tests zeigten keine signifikanten Reaktionen», sagt Ramsey. Dabei hätte der Forscher mit seinen Geräten eine Verunreinigung nachweisen können, die das Radiokarbonalter um nur ein Jahr verschoben hätte.
Die Untersuchung gehe trotzdem weiter, berichtet Ramsey. Denn es sei möglich, wenn auch sehr unwahrscheinlich, dass es unter den speziellen Lagerungsbedingungen des Tuchs zu Reaktionen und damit einer wesentlichen Verschmutzung gekommen sei. Dadurch könnte das Tuch etwas älter sein, als die Radiokarbondatierung ergab. Bisher gebe es aber keine Hinweise, dass die ursprüngliche Messung nicht korrekt gewesen sei. (bva)

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