Verflixt, wo war ich doch gleich?
07. September 2006, 18:37Zerstreutheit ist weit verbreitet. Ein eigens gegründeter Verein in Schweden erfreut sich regen Zulaufs. Die komischsten Erlebnisse dieser Zerstreuten sind in einem Buch vereint.
Von Martina Frei
Haben Sie heute Morgen wieder einmal Ihren Schlüssel gesucht? Und sich dabei über Ihre Zerstreutheit geärgert? Seien Sie beruhigt. Das ist noch harmlos. «Einmal schrieb ich einer Freundin ein E-Mail», berichtet zum Beispiel Thomas*. «Im PS äusserte ich noch ein paar Worte zu einem gemeinsamen Freund. Dass er ein Schlaffi sei und langweilig und ein öder Typ und solche Dinge. Anstatt das E-Mail dann an meine Freundin zu senden, sandte ich es an den gemeinsamen namentlich genannten Freund aus den PS-Zeilen. Ich hatte einen Schweissausbruch, als ich es merkte. Der damalige Freund einen Wutausbruch.» Andere schütten Zucker in den Aschenbecher statt in den Kaffee, werfen ihre Silberlöffel zusammen mit den Küchenabfällen auf den Kompost oder fahren entschlossen mit dem Velo los, vergessen aber unterwegs, wohin sie überhaupt wollten.
Der Schwede Johan Rapp etwa stieg mit dem Güselsack in den Bus, fuhr damit zur Arbeit, nahm den Lift und stellte den Sack auf seinem Schreibtisch ab. «Ich war so konzentriert, dass ich gar nicht wusste, was ich in den Armen trug», erinnert sich der 54-Jährige. Zusammen mit gleich Gesinnten gründete der chronisch zerstreute Rapp vor drei Jahren in Schweden den «Reichsbund der Zerstreuten».
Den Plan dazu hatte die Gruppe bereits vor rund 20 Jahren gefasst. «Aber dann ging es vergessen. Erst im Oktober 2003 fiel es mir wieder ein.» Die Schwedische Gesellschaft sei hoch organisiert, sagt Rapp. Oft sei er als Zerstreuter ausgelacht worden. Mit dem Verein wollen die Gründungsmitglieder «als eine Gruppe ernsthaft zerstreuter Menschen in verschiedenen Ländern ihr Bestes tun, sich selbst und anderen zerstreuten Menschen zu helfen». Denn Zerstreute bräuchten moralische wie praktische Unterstützung.
Bereits tausend Diplome vergeben
Offenbar schliesst sich damit eine Lücke in der Vereinslandschaft. Rund eintausend Mitgliedsurkunden wurden Rapp zufolge bisher ausgestellt. Wer beitreten will, muss eine Episode schildern, die zweifelsfrei belegt, dass er zerstreut ist. Olov aus Västeras schreibt: «Was haltet ihr davon: Aktentasche mit Flugtickets in die braune Biotonne gestopft und am Flughafen mit einer Tüte voll stinkender Essensreste angekommen?» Damit hatte er sich sein Zerstreuten-Diplom gesichert. «Den Schlüssel einmal verlegen würde für ein Diplom nicht genügen, dreimal schon eher», findet Rapp, der ausgerechnet hat, dass er bisher insgesamt mehrere Arbeitswochen seines Lebens mit Schlüsselsuchen verbracht hat.
Noch besser geeignet für die Mitgliedsurkunde sind jedoch Begebenheiten wie jene, die Anna aus Katrineholm passiert ist: «Das Telefon klingelte, als ich morgens vor dem Spiegel stand und mich schminkte. Dadurch aufgehalten, war ich spät dran und musste zum Bus rennen. Erst in der Frühstückspause gegen zehn machte mein Kollege mich darauf aufmerksam, dass mein Make-up ja wirklich sehr apart sei – auf nur einem Auge.»
Etliche dieser Kurzberichte hat Rapp in einem kürzlich ins Deutsche übersetzten Buch zusammengefasst**, nebst Tipps und Erläuterungen für zerstreute Menschen und ihre Partner. Das Zusammenleben mit einem Zerstreuten erfordere «viel» (viel!) Liebe, so Rapp, denn es sei «nicht immer leicht». Vergessene Geburts- und Hochzeitstage, stundenlange Suche nach dem Portemonnaie – wer je mit einem Zerstreuten zusammengelebt hat, weiss, wovon der ehemalige Journalist schreibt. Glücklicherweise habe er «eine gut organisierte und ziemlich tolerante Ehefrau.» Wahrscheinlich bleibt den Partnern Zerstreuter auch gar nichts anderes übrig.
Erschwerend kommt für sie hinzu, dass Zerstreutheit familiär gehäuft auftritt. Christine* weiss ein Lied davon zu singen: «Vor kurzem kommt mein 10-jähriger Sohn mit dem Velohelm auf dem Kopf vom Fussballspielen nach Hause. Ich frage ihn, ob er das Velo in den Keller gestellt habe. Er erschrickt. Er hat zwar den ganzen Weg über den Helm aufgehabt, das Velo aber bei seinem Freund stehen gelassen.» In solchen Dingen sei ihr Mann dem Sohn ein grosses Vorbild – zum Glück nicht nur darin, fügt sie an.
Kommunikationsberater Rapp vermutet, die Eigenschaft sei genetisch bedingt. Auch sein 21-jähriger Sohn sei ein Schussel. «Ich könnte weinen darüber. Er verliert Bücher fürs Studium, vergisst, sich an der Uni zurückzumelden, und wird exmatrikuliert», sagt Rapp. «Aber ich darf nichts sagen. Ich bin ja nicht das beste Vorbild.»
Zerstreute Eltern machen es vor
«Die grössten Vorbilder für die Kinder sind die Eltern», gibt Johannes Streffer, Oberarzt an der Klinik für Alterspsychiatrie in Zürich, zu bedenken. Es sei deshalb wahrscheinlich, dass das Merkmal nicht rein genetisch bedingt sei, sondern auch erlernt.
Betroffen sind nicht nur chronisch schusselige Leute wie Rapp, sondern auch «ganz normale» Menschen. Das offenbart nur schon eine Umfrage im Kollegen- und Bekanntenkreis. Müdigkeit, Jetlag oder Stress begünstigen geistesabwesende Handlungen. Wann aber wird die Zerstreutheit pathologisch? «Wenn sie plötzlich neu auftritt oder kontinuierlich schlimmer wird, dann sollte man das abklären», rät Johannes Streffer. In solchen Fällen könnten Depressionen, Demenzerkrankungen, Schwächezustände, Altersabbau oder zu viel Stress hinter der vermeintlichen Zerstreutheit stecken. Trotzdem beruhigt Psychiater Streffer: «Die allermeisten zerstreuten Menschen, vor allem wenn sie sich kritisch wahrnehmen, sind nicht krank.»
«Therapieren» müsse man die normale Zerstreutheit kaum, sagt der Psychoanalytiker Peter Schneider – es sei denn, darin käme ein gleichsam chronifizierter, unbewusster Konflikt zum Ausdruck. Oder es handle sich beispielsweise um Aufmerksamkeitsstörungen, ergänzt seine Kollegin Brigitte Boothe, Leiterin der Abteilung für Klinische Psychologie, Psychotherapie und Psychoanalyse am Psychologischen Institut der Universität Zürich.
Psychoanalytische Deutung
Für die Psychoanalytiker sind geistesabwesende Handlungen eine reiche Fundgrube. Versenkt ein Zerstreuter zum Beispiel versehentlich Tausende von Franken im Müll – wie dies ein Werttransportfah- rer in Rapps Buch beschreibt –, kann das mit unfreiwilliger Schädigungsabsicht geschehen, vermutet Boothe. «Bei eigenem Geld könnten Selbstschädigungstendenzen oder auch Grössenfantasien eine Rolle spielen – es kommt mir auf ein paar Millionen mehr oder weniger nicht an.»
Rapp jedenfalls hat eine Therapie nie in Erwägung gezogen. «Warum auch? Man sollte diese Eigenschaft an sich lieben. Es ist so spannend, zerstreut zu sein: Sie wissen nie, was Ihnen als Nächstes passiert.»
Beat* kann das nur halb bestätigen: «Ich vergesse, wo Leute in die Ferien gehen, wo ich doch grad gestern mit ihnen darüber gesprochen habe», bekennt der Journalist. «Ich hab schon vergessen, dass jemand gestorben ist und hab nach der Person gefragt. Fürchterlich.»
* Namen von der Redaktion geändert.
** Johan Rapp: Grad hatt ichs noch. Das Handbuch für Zerstreute. Rowohlt-Taschenbuch-Verlag, 2006, 14.60 Fr.,
www.distractedpeople.com
.
Fachbuch: Brigitte Boothe, Wolfgang Marx: Panne – Irrtum – Missgeschick. Huber-Verlag. 2003. 49.80 Fr.
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Das rät der Verein der Zerstreuten
Nicht alltägliche Ratschläge für Geistesabwesende und ihre Partner.- Wenn Sie in wenigen Minuten etwas erledigen müssen oder irgendwohin müssen: Stellen Sie eine Eieruhr.
- Kleben Sie Zettel mit Erinnerungsbotschaften an Orte, wo Sie sie nicht übersehen können. Oder notieren Sie wichtige Dinge auf Ihrer Hand.
- Falls Sie Ihre Schlüssel immer wieder verlegen: Verschliessen Sie die Haustüre immer von innen mit Ihrem Schlüssel. Oder legen Sie Ihre Schlüssel in eine speziell dafür reservierte Schublade sofort nach dem Heimkommen.
- Nützen Sie den im Handy integrierten Wecker, um kurz vor wichtigen Terminen daran erinnert zu werden. Oder bitten Sie Ihren Arzt, Ihnen rechtzeitig vor dem Termin ein SMS zu schicken.
- Konzentrieren Sie sich auf einige wenige Aufgaben. Üben Sie möglichst nicht mehrere Berufe gleichzeitig aus.
- Befestigen Sie alles, was am Körper befestigt werden kann, am Körper.
- Sollten Sie immer wieder vergessen, Ihre Lunchbox morgens mit zur Arbeit zu nehmen, legen Sie sie am Abend vorher in die Aktentasche und die Tasche in den Kühlschrank. Vergewissern Sie sich vorher, dass ihr Handy die Kälte verträgt.
- Schreiben Sie Dinge, die Sie morgen erledigen müssen, heute Abend auf einen Zettel, und stecken Sie diesen in Ihre Schuhe. Achten Sie darauf, dass Sie morgen keine anderen Schuhe tragen.
- Stellen Sie das Waschmittel ans Fussende Ihres Betts, wenn Sie Waschtag haben. So wissen Sie beim Zu-Bett-Gehen, dass Sie noch die Wäsche aus dem Keller holen müssen.
- Wenn Regenschirme zum Aktionspreis angeboten werden, kaufen Sie gleich ein Dutzend.
- Suchen Sie einen Partner, der fürsorglich und tolerant ist.
- Wenn Sie der Partner sind: Kaufen Sie sich Ihre Blumen und Geschenke selbst, wenn Sie Geburtstag haben. Üben Sie sich darin, kalte Mahlzeiten zuzubereiten. Sorgen Sie für Ersatzschlüssel. (mfr)




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