Wissen

«Die Menschenkloner können wir nicht aufhalten»

03. November 2007, 05:00

Der Klonexperte Eckhard Wolf hatte einen zwielichtigen Forscher zu Gast in seinem Labor: Karl Illmensee. Der hat erklärt, Embryonen geklont und Frauen eingesetzt zu haben.

Eckhard Wolf.
Eckhard Wolf.
Mit Eckhard Wolf sprach Anke Fossgreen

In den letzten Jahren war es ruhig geworden um das Trio der selbst ernannten Menschenkloner, zu dem die Leiterin der Raël-Sekte, Brigitte Boisselier, gehört, der italienische Arzt Severino Antinori sowie der gebürtige Grieche Panayiotis Zavos. Doch das Wettrennen um das erste Klonbaby hat eine neue Dimension erhalten. Zwischenzeitlich gesellte sich zu dem illustren Bund erstmals ein Experte, der jahrzehntelang Klonforschung an Mäusen betrieben und zusätzlich Erfahrungen in der Reproduktionsmedizin gesammelt hat: Karl Illmensee.

Im Jahr 2000 hat Illmensee den Klonforscher Eckhard Wolf von der Ludwig-Maximilians-Universität in München angefragt, ob er zu ihm ins Labor kommen könnte, um sich einige Techniken anzuschauen. Wolf war 1999 bekannt geworden, als es ihm mit seinem Team erstmals in Europa gelang, Kühe zu klonen. Wolf beschreibt Illmensee als «ausgesprochen netten Menschen», verurteilt jedoch dessen dubiose Experimente heftig.

Herr Wolf, wann war Karl Illmensee in Ihrem Labor?

Er war mehrfach bei uns, zweimal nur für ein bis zwei Tage und ein letztes Mal 2004 für gut eine Woche.

Zu der Zeit muss er bereits mit Zavos probiert haben, Babys für unfruchtbare Paare zu klonen. Wussten Sie davon?

Ich wusste nichts von den Versuchen, Menschen zu klonen. Ich habe aber 2004 erfahren, dass er irgendetwas mit Zavos zu tun hatte.

Wenn Sie davon gewusst hätten, hätten Sie ihn dann in Ihr Labor gelassen?

Vermutlich nicht. Ich hatte natürlich gehört, dass es da eine Geschichte um einen lange zurückliegenden Fälschungsvorwurf gab. Ich wusste aber auch, dass Illmensee ein Experte auf dem Klongebiet war. Warum sollte er nicht zu uns ins Labor kommen, um zu sehen, wie wir arbeiten?

Was hat Illmensee bei Ihnen im Labor genau gelernt?

Mein Mitarbeiter hat ihm die Aktivierung von unbefruchteten Rindereizellen gezeigt. Das heisst, unter welchen Bedingungen die Eizellen dazu angeregt werden, sich zu teilen. Das lernen alle, die sich bei uns im Labor für die künstliche Befruchtung von Rindern interessieren. Die Methode ist zudem häufig in der Fachliteratur beschrieben. Insofern hat Illmensee bei uns nichts Neues gelernt. Illmensee hat bei uns keinen Kerntransfer durchgeführt, also geklont. Ich hätte ihn auf keinen Fall einen Kerntransfer mit mitgebrachten Zellen durchführen lassen.

In einem Interview mit dem «Tages-Anzeiger» hat Ian Wilmut, der «Schöpfer» vom Klonschaf Dolly, vor zwei Jahren gesagt, man dürfe Zavos und Co. nicht ernst nehmen, und wenn jemand wirklich versuche, Menschen zu klonen, würden die Klonforscher das merken. Stimmen Sie ihm zu?

Nein. Wir Wissenschaftler können die unseriösen Menschenkloner nicht aufhalten. Ich gehe davon aus, dass auch anderswo auf der Welt zahlreiche Forscher versuchen, menschliche Embryonen zu klonen, zum Beispiel in China. Das technische Knowhow dazu haben bereits viele Forschergruppen. Ich bekomme aus dem Raum China oder Korea pro Jahr vielleicht 10 wissenschaftliche Arbeiten zum Begutachten. Daher weiss ich, wie weit auch dort die Wissenschaftler sind.

Das klingt resigniert...

... Nein. Aber das Einzige, was wir den ehrgeizigen Forschern, die Menschen klonen wollen, entgegensetzen können, ist, sie zu überzeugen, wie unsinnig das reproduktive Klonen ist.

Warum ist es unsinnig?

Wir haben sehr viele Erfahrungen mit dem Klonen von Rindern gesammelt. Rinder kann man von allen bisher untersuchten Tierarten am einfachsten klonen. Dennoch ist die Effizienz gering. Noch immer gehen viele Kälber während der Tragzeit verloren oder kommen mit Missbildungen zu Welt. In all den Jahren ist die Erfolgsrate nicht wesentlich verbessert worden. Wie der Erfolg beim Klonen von Menschen wäre, weiss niemand.

Warum konnten Sie die Erfolgsrate beim Klonen von Rindern nicht steigern?

Das liegt an der Methode, und genau da ist der Schwachpunkt beim Klonen ganz allgemein. Wir benötigen dazu Eizellen. Der Klonerfolg hängt entscheidend von der Qualität der Eizellen ab, und die schwankt enorm. Ist eine Eizelle geeignet, dann gelingt der Kerntransfer, ist sie es nicht, schlägt der Klonversuch fehl. Wir wissen aber nicht genau, wann eine Eizelle geeignet ist.

Illmensee und Zavos haben auch Mischembryonen aus einer Rindereizelle und dem Erbgut eines unfruchtbaren Mannes hergestellt, um auszuprobieren, welche Zellen der unfruchtbaren Männer sich am besten zum Klonen eignen...

... solche Versuche halte ich für unsinnig. Ebenso wie die geplanten Experimente von britischen Forschern, Stammzellen aus solchen Mischembryonen aus einer Rindereizelle und menschlichem Erbgut zu gewinnen.

Illmensee gab als Grund für seine Versuche «Neugierde» an. Sind nicht alle Forscher neugierig, ob es gelingt, Menschen zu klonen?

Da muss man zwischen Ethik und wissenschaftlicher Neugierde unterscheiden. Zavos und Illmensee haben mit ihren Experimenten klar gegen ethische Richtlinien verstossen.

Klonforscher mit ruiniertem Ruf

Der 68-jährige Karl Illmensee ist kein unbeschriebenes Blatt. Zwar wurde der gebürtige Deutsche 1981 als derjenige gefeiert, der als erster Säugetiere, nämlich Mäuse, geklont hatte. Doch bald darauf war er mit Fälschungsvorwürfen konfrontiert. Eine Untersuchungskommission der Universität Genf, wo er damals arbeitete, konnte diese zwar nicht bestätigen. Doch zu der Zeit gelang es niemandem, die Versuche Illmensees zu wiederholen. Zweifel blieben, sein Ruf war ruiniert.
Nach seinem Rückzug aus der Wissenschaft begann Illmensee erneut zu forschen. Als Pensionär tat er sich in den letzten Jahren ausgerechnet mit einem der drei selbst ernannten Menschenklonern, Panayiotis Zavos, zusammen. Zavos leitet in Lexington, Kentucky, ein Zentrum für Reproduktionsmedizin.
«Wir haben insgesamt fünf Menschen zu klonen versucht», wird Illmensee im November-Heft des Wissenschaftsjournals «PM» zitiert. Diese Versuche hätten zwischen 2003 und 2005 stattgefunden.
Die Zellen zum Klonen stammten von unfruchtbaren Männern und ihren Frauen. Keine der Frauen wurde jedoch schwanger, nachdem die Forscher ihnen Embryonen eingesetzt hatten. Illmensee und Zavos hätten insgesamt neun Klon-Embryonen hergestellt, von denen sich einer mindestens bis zum 12-Zell-Stadium entwickelt habe. Laut eigenen Angaben beendete Illmensee im Mai 2007 die Zusammenarbeit mit Panayiotis Zavos. (afo)

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