«Burnout verkauft sich gut»

11. November 2006, 21:06

Als Diagnose ist Burnout unbrauchbar, und die Tests dafür sind nicht verlässlich. Nur sagen das die wenigsten laut.

Von Martina Frei

Die 286 Sitzplätze im Hörsaal Ost des Zürcher Universitätsspitals reichten am Donnerstagnachmittag nicht aus. Auch auf den Treppen sassen Ärzte, und wo Platz war, sich hinzustellen, standen die Zuhörer. Über hundert Interessenten hatten die Organisatoren bereits im Vorfeld abgesagt. Im Zentrum der brennend interessierenden Medizinerfortbildung: Burnout.

«Das Thema ist gegenwärtig ungeheuer populär. Zum ersten Mal in meiner rund 25-jährigen Karriere als Psychiater erlebe ich es, dass eine psychiatrische Diagnose in der Öffentlichkeit so diskutiert und akzeptiert wird», sagte Wulf Rössler einleitend, der Chefarzt für Soziale Psychiatrie und Allgemeinpsychiatrie an der Psychiatrischen Uni-Klinik. «Wie schaffen es die Therapeuten, mit so einem Begriff wie ‹Burnout› zu arbeiten, ohne rot anzulaufen?», wundert sich dagegen der Psychiater und Psychotherapeut Andreas Hillert. Das internationale Verzeichnis aller Diagnosen (ICD) führt «Burnout» bisher nicht. Mit guten Gründen.

«Burnout ist eigentlich ein Etikettenschwindel», meint der Psychologe Michael Marwitz. In ihrem gemeinsam verfassten Buch* begründen Hillert und Marwitz ihre Kritik akribisch und mit fundierten Argumenten. «Es ist weder möglich, Burnout sicher zu diagnostizieren, noch, einem Menschen, der sich ausgebrannt fühlt, zu beweisen, dass er kein Burnout(-Syndrom) hat», so ein Fazit. Bei Vorträgen sei er anfänglich ausgebuht worden, erinnert sich Hillert.

Über 130 Symptome

Der Begriff Burnout beinhalte «mindestens 130 Symptome», es gebe keine vernünftige Definition, gab auch der Hamburger Spezialist Matthias Burisch am Donnerstag in seinem Vortrag zu. «Die Burnout-Fragebogen, die übrigens nicht besonders viel taugen, korrelieren hoch mit den Depressions-Fragebogen», so Burisch weiter. Das heisst: Wer im Burnout-Test viele Punkte erzielt, tut dies auch in einem Depressions-Fragebogen. Und umgekehrt. Dies legt den Verdacht nahe, dass Burnout und Depression ein und dasselbe sind. Man könne Burnout nicht scharf von anderen Erkrankungen abgrenzen, so Burisch, und er habe den Verdacht, dies sei «noch lange nicht» möglich - was manche Experten vorgestern nicht hinderte, trotzdem über Therapie und andere Aspekte des Burnouts zu referieren.

Zudem gebe es keine Normwerte für die Burnout-Tests, kritisiert Hillert. «Man kann dort nicht null Punkte haben. Mit den Fragebogen wird das Burnout zur sich selbst erfüllenden Prophezeiung.» Wohl jeder wird gelegentlich mit Ja antworten, wenn er zum Beispiel angeben soll, ob er sich müde fühlt, wenn er morgens aufsteht und wieder einen Arbeitstag vor sich hat. Oder wenn er gefragt wird, ob er meine, er strenge sich bei der Arbeit zu sehr an.

Mit solchen Tests ermitteln Forscher aber, wie häufig Burnout vorkommt. «Aussagen wie etwa diejenige, wonach zwischen 10 und 30% aller deutschen Lehrer unter Burnout leiden, müssen vor diesem Hintergrund gesehen werden», so Hillert und Marwitz.

Warum aber ist Burnout trotz dieser Mängel in aller Munde, warum outen sich Burnout-Prominente wie der ehemalige FDP-Präsident Rolf Schweiger oder der zweifache Skiflug-Weltmeister Sven Hannawald, warum gibt es rund 200 Bücher und Ratgeber zu dem Thema? «Burnout verkauft sich gut. Viele finden sich darin wieder. Es ist eine ‹kundennähere› Diagnose», weiss Hillert. Medizin habe eben immer auch wirtschaftliche Aspekte. Das wissen auch Buchverlage und Kliniken, die mit Burnout-Therapie werben.

«Erfüllt mit ein klein wenig Stolz»

Ausserdem «erfüllt es mit ein klein wenig Stolz, sich im Dienste des Arbeitgebers aufgearbeitet zu haben», so Wulf Rössler. «Wenn Sie auf einer Party sagen, Sie hätten Burnout, ernten Sie verständnisvolles Nicken. Wenn Sie berichten, Sie hätten eine Depression, ziehen die Leute sich eher zurück», sagt Marwitz. Der Depression hafte etwas selbst Verschuldetes an, beim Burnout hingegen sei immer das System Schuld. «So ein Bild entlastet, es kann aber auch blockieren», warnt Hillert. Entscheidend fürs Burnout ist die überfordernde berufliche Situation. Genau die guten Mitarbeiter, jene, die sich einsetzen und viel leisten, würden erkranken, sagt der Badener Arbeitsmediziner Dieter Kissling.

«Erfunden» wurde das Burnout vom Psychoanalytiker Herbert Freudenberger. Tagsüber arbeitete er in seiner New Yorker Praxis, abends ehrenamtlich an einer Free Clinic, die um 23 Uhr schloss. Mit der Zeit wurde er immer gereizter. Schliesslich war er völlig ausgelaugt. In der Diskussion mit Kollegen, die sich ähnlich fühlten, kam der Begriff «Burnout» auf. Ausgehend von den eigenen Erfahrungen, veröffentlichte Freudenberger 1974 seinen ersten entsprechenden Aufsatz. Obschon er es als Fachmann hätte besser wissen können: Er verzichtete darauf, den Begriff genau zu definieren. Die Bücher über Burnout, offenbarte er angeblich einmal einem Kollegen, habe er vor allem geschrieben, um seinen Kindern die Ausbildung zu sichern.

Doch egal, wie man die Diagnose nennt, einig sind sich die Fachleute in einem: Der Druck auf die Arbeitnehmenden ist massiv gestiegen. Zudem sei das klassische Belohnungssystem, etwa mit Ruhm oder Respekt, «nichts mehr wert», so der Genfer Psychiater Norman Sartorius. Alles würde aufs Geld reduziert.

Die Belastung in der Arbeitswelt sei ein ernstes Problem; bei mindestens einem Drittel seiner Patienten spielten berufliche Gründe eine wesentliche Rolle, sagt Hillert, der an der bayrischen Klinik Roseneck arbeitet. «Wenn man das aber mit einer Diagnose wie Burnout überzieht, tut man den Leuten keinen Gefallen.»

Seit 1960 stieg die Produktivität je Erwerbsarbeitsstunde um 255 Prozent. Und sie wird weiter steigen, erwartet Kissling. «Geborgenheit, Sicherheit und Beständigkeit bei der Arbeit – das ist vorbei», räumte der Arbeitsmediziner etwaige Hoffnungen aus. Er appellierte an die Ärzte, in Firmen zu gehen, mit den Vorgesetzten ihrer Patienten zu reden: «Machen Sie Ihren Einfluss bei den Unternehmen geltend!» Prompt kam darauf die Frage eines Arztes aus dem Publikum: «Und wie kann man das in der Praxis abrechnen?»

*Andreas Hillert/Michael Marwitz: Die Burnout-Epidemie. Verlag C.H. Beck, München 2006, 34.90 Fr.

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