Nahrung als Schutz vor Alzheimer
25. November 2006, 22:57Nestlé ist mit der ETH Lausanne eine Forschungsförderung eingegangen. Das erklärte Ziel: Lebensmittel zu entwickeln, die das Gehirn schützen.
Von Anke Fossgreen
Werner Bauer, Chef der Entwicklung und Forschung bei Nestlé, wird zurzeit des Öfteren gefragt, ob sich der Nahrungsmittelkonzern Nestlé der Pharmaindustrie annähert. Tatsächlich versprechen bereits Produkte der Firma mit Sitz am Genfersee: «Gesundheit fürs Herz», «Aktive Cholesterin-Kontrolle» und dass sie «helfen, Kalzium in den Knochen zu behalten» oder das Immunsystem zu stärken.
Dennoch sei die Antwort «ein klares Nein», erklärte Bauer diese Woche auf einer Pressekonferenz im Nestlé-Forschungszentrum bei Lausanne. «All unsere wissenschaftliche Forschung konzentriert sich auf die Prävention von Krankheiten und nicht auf ihre Heilung.»
An der Konferenz stellte die Firma ihren neuesten Coup vor: Nestlé hat mit der ETH Lausanne ein fünfjähriges Abkommen zur «Erforschung der Beziehung zwischen Ernährung und Gehirn» abgeschlossen. Jährlich bekommt die Hochschule fünf Millionen Franken, der Lebensmittelkonzern sponsert zwei Lehrstühle.
Doch es geht dem Nahrungsmittelhersteller nicht nur darum, das Gehirn von gesunden Erwachsenen oder das von Kindern gezielt mit Energie, sprich Glukose, zu versorgen. Das hoch gesteckte Ziel ist es, spezielle Nahrungsmittel für das nachlassende Gehirn alter Menschen zu entwickeln, am besten solche, die der Alzheimerkrankheit vorbeugen. Einer Krankheit, die in den zukünftig überalterten Gesellschaften massiv zunehmen wird. Eine Krankheit, deren fortschreitendes Vergessen den Patienten ihre Persönlichkeit raubt, die Angst macht, weil sie jeden treffen kann.
Niemand kennt die Substanzen
Wer würde nicht gerne ein Jogurt mit welchen Zusätzen auch immer zu sich nehmen, um dieses Schicksal abzuwenden? Patrick Aebischer jedenfalls würde das sofort tun, bekannte der Präsident der ETH Lausanne an der Konferenz.
Noch gibt es einen Haken an der cleveren Geschäftsidee: Niemand kennt die Substanzen in den Nahrungsmitteln, die dem Gedächtnisschwund vorbeugen könnten. «Es ist noch zu früh, eine Empfehlung abzugeben», sagte die Epidemiologin Sandrine Andrieu von der Universität Toulouse.
Wissenschaftler untersuchen derzeit Nahrungsbestandteile, die auch vor anderen Krankheiten schützen. Denn die Risikofaktoren, die neuerdings auch der Alzheimerkrankheit zugeschrieben werden, sind bereits bei Herz-Kreislauf-Problemen bekannt: ein hoher Cholesterinwert, Diabetes, Bluthochdruck und Übergewicht.
Bisher haben Alzheimerforscher hauptsächlich Gene, Alter oder Bildung von Patienten als Faktoren untersucht. Zurzeit etabliert sich ein neues Forschungsfeld, das Zusammenhänge zwischen Ernährung und neurodegenerativen Krankheiten beleuchten will. Erste Hinweise, welche Nahrung das Gehirn stärkt, liefern epidemiologische Studien. Das sind Untersuchungen, in denen Forscher eine Menschengruppe beobachten.
Eine entsprechende Studie veröffentlichten kürzlich amerikanische Wissenschaftler («Neurology», Bd. 67, S. 1370): Die Forscher befragten über 3700 ältere Menschen nach ihren Ernährungsgewohnheiten und führten Gedächtnistests mit ihnen durch. Das Ergebnis: Bei den Teilnehmern, die grosse Mengen an Gemüse assen, verschlechterte sich das Gedächtnis langsamer als bei den Gemüsemuffeln. Überraschend war, dass ein reichhaltiger Verzehr von Früchten keinen derartigen positiven Effekt zeigte.
In einer anderen Studie untersuchten US-Forscher über neun Jahre lang knapp 900 betagte Menschen. Sie analysierten, wie viel von einer speziellen Fettsäure sie im Blut hatten («Arch Neurol», Bd. 63, S. 1545). Die abgekürzt mit DHA bezeichnete Substanz gehört zu den Omega-3-Fettsäuren und kommt in fettem Fisch vor. Beim Menschen ist sie wichtig für das Gehirn, wo sie vermehrt in den Nervenzellen zu finden ist. Die Forscher fanden, dass die Teilnehmer, die einen hohen Wert an DHA im Blut hatten, ein geringeres Risiko zeigten, an Alzheimer zu erkranken.
Doch so interessant diese beobachtenden Studien sind, um zu beweisen, dass tatsächlich bestimmte Nahrungsmittelzusätze einen Effekt auf das Gehirn haben, muss man diese an Versuchspersonen testen. In einer kleineren Studie haben das schwedische Forscher getan («Arch Neurol», Bd. 63, S. 1402). Sie verabreichten gut 170 Alzheimerpatienten Omega-3-Fettsäuren, darunter auch DHA oder eine Scheinsubstanz. Das Ergebnis war allerdings nicht eindeutig: Nur bei Patienten, die sich erst in der Anfangsphase der Krankheit befanden, verlangsamte sich das fortschreitende Vergessen deutlich durch die Omega-3-Fettsäuren. Deshalb könnte der Ansatz, möglichst früh gegen die Krankheit mit geeigneten Nahrungsmitteln vorzugehen, viel versprechend sein.
Werbeaussagen belegen
Noch reichen die Studien jedoch nicht aus, um Produkte mit der Bezeichnung «gut für das Gehirn» auf den Markt zu bringen und schon gar nicht mit dem Aufdruck «schützt vor Alzheimer». Das soll zudem ein neues EU-Gesetz verhindern. Ab Januar 2007 müssen Lebensmittelhersteller ihre Werbeaussagen wissenschaftlich belegen, wenn sie darin heilsame Effekte versprechen. Unisono begrüssen Werner Bauer und Peter van Bladeren, Direktor des Nestlé-Forschungszentrums, diese gesetzliche Regelung. Das halte «Quacksalber» davon ab, irgendein Nahrungsmittel in der Garage herzustellen und mit einem erfundenen Versprechen an den Konsumenten zu bringen, so van Bladeren.
Ist das Gesetz nur etwas, das die Konkurrenten betrifft? Ist es nicht fast unmöglich, den Beweis zu erbringen, dass ein Nahrungsmittelzusatz Alzheimer vorbeugt - immerhin entsteht die Krankheit erst innerhalb von Jahrzehnten? Der Neurobiologe Patrick Aebischer erklärt, wie sich die Wissenschaftler behelfen: «Wir sind dabei, Substanzen im Reagenzglas und in Tierstudien zu testen.» Zudem würden «Biomarker» entwickelt, damit man die Zeit für Tests massiv abkürzen kann. Bei der Alzheimerkrankheit ist beispielsweise das so genannte Beta-Amyloid ein solcher Biomarker. Es lagert sich im Gehirn ab und zerstört dort die Nervenzellen.
An Mäusen habe ein US-Team kürzlich eine erstaunliche Wirkung des Safts von Granatäpfeln beobachtet. Der Saft scheint das Gehirn der Nager zu schützen. Auch von Blaubeeren gebe es interessante Ergebnisse, erklärt Aebischer. Ein Ziel der Kooperation sei zum Beispiel, verschiedenste Substanzen zu testen, ob sie Nervenzellen vor Alterungsprozessen schützen können. So, wie das Pharmafirmen bereits mit unzähligen Chemikalien tun, um neue Wirkstoffe zu finden.
Noch ist es ein langer Weg, bis neue Produkte auf den Markt kommen, die nachweislich dem Gehirn gut tun. Nachweislich – denn nicht überall, wo klug drauf steht, ist auch klug drin. Nestlés Smarties sind zwar lustige, bunt dragierte Schokolinsen – klüger machen sie aber nicht.
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