Wissen

J. kann sprechen, bleibt aber stumm

22. August 2007, 05:00

Gegenüber den meisten Menschen bleibt der achtjährige J. stumm. Mutismus nennt man das. Eine Störung, die nicht in unsere geschwätzige Zeit passt.

J. hat «Füüri» gezeichnet. Der Drachen ist sein Sprachrohr und kämpft gegen einen Wasserfall.
J. hat «Füüri» gezeichnet. Der Drachen ist sein Sprachrohr und kämpft gegen einen Wasserfall.

Von Katrin Hafner

Jetzt steht J. neben mir am Tisch. Seine Mutter hat ihn aus dem Wohnzimmer geholt, wo er ferngesehen hat. Er schaut zu Boden. Was soll ich ihm sagen, im Wissen darum, dass er nichts erwidern wird? Wie kann ich ihm doch eine Antwort entlocken, zumindest einen Blick oder ein zustimmendes Nicken, ein verneinendes Kopfschütteln? «Du hast ein schönes Fussball-Shirt» – ein erster Versuch. «Spielst du selbst auch?» J. blickt mich kurz an, ist da ein Lächeln?, dann senkt er den Kopf. Stille. Nach einigen Sekunden schaut er seine Mutter an, dann mich. Schliesslich flüstert er ihr ins Ohr, seine kleine Hand verhindert, dass ich seine Stimme hören kann. «Ja, er spielt fast jeden Tag», übersetzt die Mutter. J. schaut wieder zu Boden.

Er ist 8-jährig, dieser Junge. Und lebt mit seiner Mutter und der 13-jährigen Schwester in ländlicher Umgebung in der Innerschweiz. Seit er 5-jährig ist, spricht er nur noch mit bestimmten Personen: der Mutter und der Schwester, dem Vater und ganz wenigen Freunden. Sonst bleibt J. stumm. Und zwar komplett. Selbst wenn er lacht, hört man seine Stimme fast nie. In der Spielgruppe passierte das ein einziges Mal. Worauf die Kinder jubelten: Er hat eben doch eine Stimme!

Nicht reden irritiert

Damals, vor drei Jahren, war noch nicht klar, dass er an einer Störung leidet, die einen Namen hat: Mutismus – abgeleitet vom lateinischen Wort «mutus» für stumm. J. treibe ein mühseliges Machtspiel, meinte die Spielgruppenleiterin und interpretierte das Schweigen als bewusste Verweigerung. Bis dahin war er nicht besonders aufgefallen, ausser dass er stark auf die Mutter fixiert gewesen war und früh zu fremden begonnen hatte. Zu Hause redete er aber seinem Alter entsprechend gut und viel. Die Logopädin bestätigte, J. habe keinen Sprachfehler, sondern eine Sprechstörung. Sie diagnostizierte Mutismus. Ein Fremdwort für die Eltern. Und ein Schock. «Ich hatte keine Ahnung, was das heisst», erzählt die Mutter. Es folgten Erleichterung – endlich zu wissen, was hinter dem Verstummen steckt – und Angst. Denn nun stand fest, dass J. nicht einfach scheu oder trotzig ist. Man könnte sagen: Er nimmt sich das Recht, nicht zu reden. Doch diese Form von Nichtreden gilt als psychische Störung. Und sie irritiert, besonders in unserer Zeit, da bereits Kleinkinder in Spielhandys hineinplappern und verbale Kommunikation omnipräsent ist. Wer in bestimmten Situationen nur noch schweigt, fällt aus der Norm. Und behindert sich letztlich selbst. Die Mutter von J. erzählt von unangenehmen Erfahrungen: Die Nachbarskinder, die J. als «nicht ganz hundert» beschimpfen oder ihn «wie Luft» behandeln, die Erwachsenen, die ihn als schlecht erzogen beurteilen, weil er nicht zurückgrüsst, der Arzt, der vergebens mehrmals fragt, wo es J. weh tue. Täglich sind J. und seine Mutter mit Situationen konfrontiert, die quälen – den schmalen, hübschen Jungen ebenso wie seine Mutter. Denn wer nicht redet, gilt schnell als blöd, «ein bisschen gaga», wie es J.s Mutter ausdrückt. Um ihren Sohn zu entlasten, antwortet sie oft für ihn oder erklärt, dass er reden kann, aber unter einer Blockade leidet, «es nicht extra macht». Doch sie kann J. nicht immer begleiten und will auch nicht überall Übersetzerin spielen.

Tatsächlich empfehlen Fachleute, nicht permanent für die schweigenden Kinder einzuspringen. Vielmehr gehe es darum, den Mutisten einen Weg zu ihrer Sprache zu zeigen. J. zum Beispiel hat im Kindergarten begonnen, der Kindergärtnerin durch ein Papierblatt hindurch ins Ohr zu flüstern – sie durfte ihn nicht ansehen dabei. Seit er zur Schule geht, macht er Fortschritte. Vor den Sommerferien rief die Lehrerin zu Hause an: J. habe zum ersten Mal laut in der Klasse gesprochen.

Der Therapiemarathon wirkt

Das hat wohl mit den Therapien zu tun, die J. hinter sich hat. Logopädie, Homöopathie, Farbtherapie, Kinesiologie – und mittlerweile geht er in die Psychotherapie und die psychomotorische Therapie. Warum dieser Therapiemarathon? «In der Schweiz ist Mutismus noch relativ unbekannt, entsprechend schwierig ist es, passende Hilfe zu finden», sagt J.s Mutter. Sie sei «von Pontius zu Pilatus gerannt», sagt sie. Und verzweifelte dabei manchmal schier. Da es sich nicht um eine klar definierte Behinderung wie etwa Gehörlosigkeit handelt, bekam sie widersprüchlichste Ratschläge: Der Kinderarzt meinte, J. brauche etwas Zeit, er sei halt schüchterner als andere Kinder; Bekannte schlugen vor, J. mit einem Belohnungssystem zum Reden zu bringen; die Lehrerin drohte implizit mit der Einweisung in eine Sonderklasse, wenn J. nicht endlich mit einer Psychotherapie beginne.

«Gehst du gerne in diese Therapie?», frage ich. Diesmal hebt J. nicht mal den Blick. Ignoriert mich. «Und zur Schule, gehst du da gerne hin?» Wieder Stille. Ich muss zugeben: Es ist schwierig, beharrliches Schweigen auszuhalten. Als J. seiner Mutter die Antwort erneut ins Ohr flüstert, reizt es mich zu sagen, er könne jetzt aufhören mit der Vorführung, ich hätte begriffen, wie er das mache, er dürfe nun ganz normal reden.

J. lässt «Füüri» für sich reden

Ganz normal reden, das tut J. mit seiner Mutter oft. Warum er es sonst kaum tut, weiss niemand. Neuerdings wird in der Wissenschaft diskutiert, ob der elektive Mutismus ein Subtyp der sozialen Phobie ist. Die Kinderpsychiater sind sich einig, dass es sich beim Verstummen nicht um Antipathiebekundungen handelt, dass das Schweigen nicht willentlich, sondern ungewollt einsetzt. «Manche stellen sich vor, J. habe etwas Traumatisches erlebt, er sei misshandelt worden», erzählt J.s Mutter. Dass «nichts Extremes» passiert ist, das ihm die Sprache verschlagen hat, macht es für sein Umfeld noch schwieriger, sein Stummsein zu verstehen. Der Basler Kinderpsychiater Dieter Bürgin dazu: «Viele Menschen glauben an ein simples Ursache-Wirkungs-Modell. Dabei ist es eine Summe von Gründen, die in unglücklicher Verknüpfung zu so etwas wie Mutismus führen kann.» Sowohl psychologische Faktoren (Stress, entwicklungshemmende Einflüsse) als auch physiologische (Hirnstoffwechselstörung) spielen eine Rolle. Häufig ist eine familiäre Anlage festzustellen: die Eltern von mutistischen Kindern waren selbst sehr schüchtern.

Die meisten Mutisten verlieren spätestens nach der Pubertät ihre extreme Sprechhemmung. Das tröstet J.s Mutter ein wenig. Aber sie fühlt sich oft «total verloren» mit dem Problem Mutismus. Regelmässig schaut sie sich die Internetseite des Deutschen Selbsthilfevereins Mutismus an, doch kennt sie nach wie vor keine einzige andere Mutter in der Schweiz mit einem mutistischen Kind. «Dabei täte es so gut, auch mal den Frust loszuwerden, der sich als Angehörige eines mutistischen Kindes ab und zu anstaut», sagt sie. J. steht noch immer neben mir am Tisch, spielt mit seinem Stoffdrachen. Der heisst «Füüri». Zur Verabschiedung lässt J. ihn für sich Aufwiedersehen sagen. Mit leiser Stimme. Ein Riesenfortschritt für J.

Der (s)elektive Mutismus

Um was gehts: Der elektive Mutismus (auch selektiver Mutismus genannt) ist eine psychische Störung, die meist zwischen dem fünften und neunten Lebensjahr beginnt. Betroffene können sprechen, tun dies aber nur mit einer bestimmten sozialen Gruppe (meist mit Eltern und engen Verwandten); häufig kommunizieren sie mit diesen überdurchschnittlich viel. Das emotional bedingte, selektive Verstummen ist nicht mit bewusster Antipathie oder Sympathie gegenüber einer Person zu erklären. Neuerdings wird in der Wissenschaft diskutiert, ob der elektive Mutismus ein Subtyp der sozialen Phobie ist.

Wer ist betroffen: Es gibt keine repräsentativen Zahlen für die Schweiz. In Fachbeiträgen wird oft von 2 bis 5 von 10'000 Kindern gesprochen, in der deutschsprachigen Literatur von bis zu 1 von 1000 Kindern. Sicher ist: Es sind etwa doppelt so viele Mädchen wie Buben. Ein vorübergehendes Verstummen von Kindern gegenüber Erwachsenen kann aber beim Schuleintritt durchaus häufiger beobachtet werden.

Mögliche Ursachen: Es gibt keinen eindeutigen, punktuellen Auslöser des elektiven Mutismus. Risikofaktoren können sein: Sprachentwicklungsverzögerung, scheue bis ängstliche Persönlichkeit, Sprechhemmung und Schweigsamkeit in der Familie, Zweisprachigkeit bei Migration. Nur in Einzelfällen spielen psychische Traumatisierungen eine Rolle (Bewahrenmüssen eines Familiengeheimnisses, Kindsmisshandlung etc.).

Was man tun kann: Wie bei vielen Verhaltensauffälligkeiten geht man davon aus, dass eine frühe Behandlung eines Kindes die Beeinträchtigung seiner weiteren Entwicklung erspart. Zur Abklärung wendet man sich am besten an den Kinder- und Jugendpsychiater, an den schulpsychologischen oder den logopädischen Dienst. In der Abklärung und Behandlung sollte die gesamte Familie eingebunden werden. Meist verliert sich das Symptom des Mutismus im Jugendalter.

Selbsthilfe: In Deutschland existiert seit dreieinhalb Jahren der Verein Mutismus Selbsthilfe Deutschland, der die Störung bekannter machen will. Regelmässig finden Workshops statt; ausserdem tauschen sich Betroffene und Angehörige auf der Internetseite www.mutismus.de aus. In der Schweiz gibt es derzeit keine Selbsthilfegruppe; Interessierte können sich unter folgender Adresse melden: leben@tages-anzeiger.ch , Stichwort Leben.

Weitere Hilfe: Kinder- und Jugendpsychiatrischer Dienst des Kantons Zürich, Tel. 043 499 26 26.

Literaturtipp: Boris Hartmann und Michael Lange: Mutismus im Kindes-, Jugend- und Erwachsenenalter, 2007, 15.80 Fr. – Nitza Katz-Bernstein: Selektiver Mutismus bei Kindern, 2007, 42.70 Fr. (kat)

Meistgelesen in der Rubrik Wissen

Lokale Suche

Marktplatz

Internet auf dem Fernsehen: Der Trend geht klar in diese Richtung. Werden Sie sich einen Smart TV kaufen?

Ja, auf jeden Fall

 
15.1%

Nein, interessiert mich nicht

 
40.2%

Erst wenn die Geräte billiger geworden sind

 
35.1%

Ich habe schon einen

 
9.7%