«Vielleicht ist Autismus bei Buben leichter zu erkennen»
27. November 2007, 05:00Autistische Menschen haben ein extrem männliches Gehirn. Schuld daran könnte ein zu hoher Testosteronspiegel sein. Das sagt Psychologieprofessor Simon Baron-Cohen.
Mit Simon Baron-Cohen sprach Andrea Fischer
Sie ist seit jeher eine der zentralen Fragen der Wissenschaft. Die Frage, was die Unterschiede zwischen den Geschlechtern ausmacht. Erziehung und Kultur könnten nicht allein dafür verantwortlich sein, sagt Simon Baron-Cohen. Für den Psychologieprofessor steht fest, dass die Biologie eine massgebliche Rolle spielt. Anhand von Beispielen aus Hirnforschung, Psychologie und Verhaltensbiologie belegte er, dass ein gewisses Mass an geschlechtsspezifischer Prägung bereits vor der Geburt stattfinde. So unterscheidet er in seinem Buch «Vom ersten Tag an anders»* zwischen einem weiblichen E-Hirn und einem männlichen S-Hirn. «E» steht dabei für die Fähigkeit, sich einzufühlen, «S» für den verstärkten Drang, zu systematisieren.
Baron-Cohen führt diese Verhaltensunterschiede auf das männliche Hormon Testosteron zurück, das während der Schwangerschaft in unterschiedlichen Mengen produziert werde. Anlässlich eines Vortrags an der Universität Zürich betonte er, dass die Geschlechtsunterschiede nur festzustellen seien, wenn man grössere Gruppen von Frauen und Männern miteinander vergleiche.
Ihr Buch über die Unterschiede zwischen männlichem und weiblichem Gehirn hat sehr kontroverse Reaktionen ausgelöst. Vor allem Frauen warfen Ihnen vor, Sie würden damit bloss alte Klischees bedienen. Was sagen Sie dazu?
Ehrlich gesagt, habe ich damit gerechnet, dass die Kritik viel heftiger ausfallen würde. Denn es besteht tatsächlich ein Risiko, dass meine Theorie dazu benutzt wird, Stereotypien und alte Ungleichheiten zu zementieren. Dabei wollte ich damit ja nicht sagen, ein Geschlecht sei besser als das andere. Ich stelle einfach fest, es gibt biologisch bedingte Unterschiede.
Und diese Unterschiede führen Sie auf das männliche Hormon Testosteron zurück, dem man vor der Geburt ausgesetzt ist. Was bewirkt das?
Wir haben herausgefunden: Je höher der Testosteronspiegel beim Fötus ist, umso weniger Augenkontakt machen die Kinder, desto langsamer entwickelt sich ihre Sprache, umso grösser ist ihr Interesse an Systemen und Zahlen und umso mehr Schwierigkeiten haben sie, sich in andere einzufühlen.
Wie haben Sie das herausgefunden?
Wir haben Fruchtwasserproben von Müttern untersucht. Die Fruchtwasseruntersuchung (Test, um herauszufinden, ob ein Down Syndrom vorliegt, Anm. d. Red.) findet zwischen der 12. und 19. Schwangerschaftswoche statt, also genau dann, wenn der Fötus viel Testosteron produziert.
Und dann haben Sie das mit den Kindern dieser Mütter verglichen?
Genau. Wir sahen einen Zusammenhang zwischen dem Testosteronspiegel im Fruchtwasser und den späteren Verhaltensweisen der Kinder.
Weshalb produzieren manche Babys mehr Testosteron als andere?
Das ist genetisch bedingt. Vielleicht spielen auch noch andere Faktoren mit.
Sie gehen nun noch weiter und sagen, Autismus sei eine extreme Form des «männlichen Gehirns». Was meinen Sie damit?
Wenn wir sagen, Frauen hätten ein grösseres Einfühlungsvermögen und Männer ein grösseres Interesse an Systemen, dann ist das extreme männliche Profil jemand, der sehr grosse Schwierigkeiten hat, die Gefühle anderer zu lesen und der gleichzeitig ein sehr starkes Interesse hat an einzelnen Systemen – zum Beispiel Mathematik – und zwar in einer obsessiven Weise, sodass er sich Tag und Nacht damit beschäftigt. Gleichzeitig hat dieser Jemand kein Interesse an sozialen Kontakten oder Freunden. Das sind die typischen Verhaltensweisen, wie wir sie bei Menschen mit Autismus beobachten.
Mit diesem Modell wollen Sie unter anderem erklären, warum es viel mehr autistische Jungen gibt als Mädchen. Heute liegt das Verhältnis bei 4:1. Letztlich sagen diese Zahlen aber nur, dass deutlich mehr Buben die Diagnose Autismus erhalten. Sie belegen nicht, dass es tatsächlich mehr autistische Buben gibt als Mädchen.
Das stimmt. Die Statistiken reflektieren in erster Linie unsere Diagnosemethoden. Gut möglich, dass es leichter ist, Autismus bei Buben zu erkennen und dass Mädchen ihren Autismus einfach besser verbergen können – weil sie andere Kinder besser nachahmen und sich eher in soziale Rollen einfügen können. Aber es ist nicht ausgeschlossen, dass Buben tatsächlich ein biologisch höheres Risiko haben, autistisch zu werden.
Funktioniert Ihre Theorie vom extremen männlichen Gehirn denn auch bei Mädchen?
Mädchen haben auch Testosteron. Unsere Annahme ist folgende: Wenn das vorgeburtliche Testosteron einen gewissen Wert übersteigt, dann besteht ein grösseres Risiko, autistische Züge zu entwickeln. Und zwar unabhängig, ob Knabe oder Mädchen.
Und können Sie das schon belegen?
Wir sind noch nicht so weit, aber wir arbeiten daran. Dazu benötigen wir Tausende von Fruchtwasserproben, um genug Beispiele für Autismus zu finden, die wir dann mit nicht autistischen Menschen vergleichen können. Wir machen die Untersuchungen gemeinsam mit Dänemark, denn dort verfügt man über grosse Mengen von Fruchtwasserproben. Derzeit sind wir also noch nicht in der Lage, einen direkten Zusammenhang zwischen Testosteron und Autismus zu erbringen.
Angenommen es gelingt Ihnen, dann könnten Sie zwar erklären, was es mit den typischen autistischen Verhaltensweisen auf sich hat. Ihre Theorie erklärt aber nicht, warum viele Kinder mit klassischem Autismus massive Lernprobleme haben, und warum manche überhaupt nicht sprechen.
Was die Sprachentwicklung angeht, haben wir bereits aufgezeigt, dass das Hormon Testosteron diese bei normalen Kindern beeinflusst. So lernen Buben in der Regel später sprechen als Mädchen. Es fragt sich nun, ob Testosteron auch bewirken kann, dass ein Kind gar nicht spricht. Bei der Lernbehinderung, beziehungsweise beim IQ gibt es grosse Unterschiede. Manche autistischen Kinder haben einen tiefen IQ, andere einen normalen. Wir wissen nicht, was die Ursache dafür ist. Es ist möglich, dass dies ein unabhängiger Faktor ist, der mit dem Autismus direkt nichts zu tun hat. Aber selbst autistische Kinder mit grossen Lernproblemen zeigen meist einen ausgeprägten Hang zu bestimmten Systemen. Das zeigt sich unter anderem an ihren Obsessionen, Dinge ständig zu wiederholen, wie endlos die Rädchen eines Spielfahrzeugs zu drehen.
Viele Eltern machen gute Erfahrungen mit frühen intensiven Therapien bei autistischen Kindern. Was empfehlen Sie?
Ich unterstütze das sehr. Es gibt zahlreiche Beweise dafür, dass frühe Intervention wirksam ist. Wichtig ist, dass man möglichst früh damit beginnt, dass die Förderung intensiv und strukturiert ist und dass man dabei von den Interessen des Kindes aus geht.
Gibt es noch andere Wege, einen zu hohen pränatalen Testosteronspiegel nachträglich zu korrigieren – zum Beispiel mit Medikamenten?
Die gibt es. Aber ich wäre sehr beunruhigt, wenn man Kindern zum Beispiel Testosteronblocker verabreichen würde, um ihren Hormonspiegel zu senken. Erstens haben wir den Beweis noch nicht erbracht, dass hohe Mengen an Testosteron tatsächlich Autismus verursachen, und zweitens haben diese Medikamente schwere Nebenwirkungen. Aus ethischen wie aus medizinischen Gründen würde ich deshalb klar davon abraten.
* Simon Baron-Cohen: «Vom ersten Tag an anders», Heyne-Verlag, München 2006, Fr. 16.90.
www.autismus.ch
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Simon Baron-Cohen
Simon Baron-Cohen ist Professor für Entwicklungspsychologie an der Universität von Cambridge und Leiter des Autism Research Centre in Cambridge. Er forscht seit über 20 Jahren zum Thema Autismus und gehört zu den namhaftesten Wissenschaftlern auf diesem Gebiet. Einer von Baron-Cohens zentralen Befunden ist der, dass autistische Kinder sich nicht in andere Menschen hineinversetzen und deren Absichten und Gefühle nicht erkennen können (Theory of Mind). Baron-Cohen kam auf Einladung des Elternvereins Autismus deutsche Schweiz erstmals zu einem Vortrag in die Schweiz. (afi)
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