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«Man dürfte weder fliegen noch röntgen»

11. Dezember 2007, 05:00

Warum Kleinkinder in der Nähe von AKW ein erhöhtes Krebsrisiko haben, ist Studienleiterin Maria Blettner ein Rätsel. Wäre die Strahlung schuld, hätte dies ungeahnte Folgen.

Beim AKW Krümmel stellten Forscher schon in den 90er-Jahre eine Häufung von Krebsfällen bei Kindern fest.
Beim AKW Krümmel stellten Forscher schon in den 90er-Jahre eine Häufung von Krebsfällen bei Kindern fest.

Mit Maria Blettner sprach Barbara Vonarburg

Kinder, die in Deutschland nahe bei einem AKW wohnen, haben ein grösseres Risiko, vor ihrem fünften Geburtstag an Krebs, vor allem an Leukämie, zu erkranken. Dies ist das Resultat einer Studie, welche die «Süddeutsche Zeitung» am Wochenende vorzeitig publik machte. Nun haben die Forscher ihre Arbeit ins Internet gestellt.

Die Wissenschaftler untersuchten Fälle aus den Jahren von 1980 bis 2003. In dieser Zeit wären 29 der insgesamt in Deutschland aufgetretenen 13'373 Krebserkrankungen bei Kindern unter fünf Jahren dem Wohnen innerhalb der 5-km-Zone um ein Kernkraftwerk zuzuschreiben. Bei den 5893 Leukämieerkrankungen wären es 20, vorausgesetzt die Berechnungen würden auf den richtigen Annahmen basieren, formulieren die Forscher vorsichtig.

Die Studie wurde vom Bundesamt für Strahlenschutz finanziert und am Deutschen Kinderkrebsregister an der Universität Mainz durchgeführt. Maria Blettner ist Direktorin des zuständigen Instituts und Professorin für Epidemiologie.

Frau Blettner, Sie schreiben, dass sich der Anstieg des Krebsrisikos nicht mit der Strahlung aus den Kernkraftwerken erklären lasse. Dazu sei die Strahlenbelastung der Bevölkerung durch den AKW-Betrieb zu niedrig. Doch was könnte dann die zusätzlichen Krebsfälle auslösen?

Wenn wir das wüssten, wären wir sehr froh und hätten Möglichkeiten zur Prävention. Leider weiss man wenig über die Risikofaktoren von Leukämie, besonders bei Kinderleukämie weiss man fast nichts. Wir wollen nicht spekulieren, sondern wir brauchen weitere Forschung über Umweltfaktoren, über Genetik, über Kombinationen von den beiden.

Gibt es andere Studien, die einen Zusammenhang zwischen Krebs und AKW nachgewiesen oder widerlegt haben?

Es gibt Untersuchungen, die mit unserer vergleichbar sind. Die in der Öffentlichkeit diskutierten sind natürlich meist die, die einen Effekt gezeigt haben – so wie unsere zurzeit. Es gibt aber auch in den USA und Grossbritannien Untersuchungen, in denen immer mal wieder ein Kernkraftwerk vorkommt, bei dem sich eine Auffälligkeit zeigt. Aber es sind auch genauso viele, bei denen ein Zusammenhang nicht bestätigt wurde.

Hat Sie das Ergebnis Ihrer Studie überrascht?

Ja und nein. Einerseits hat es mich überrascht, weil es strahlenbiologisch nicht erklärbar ist. Andererseits gab es hier in Deutschland Ende der 90er-Jahre ähnliche Veröffentlichungen. So zeigte sich eine Häufung von Leukämiefällen bei Kindern unter fünf Jahren beim KKW Krümmel in Norddeutschland. Wir haben dieselben Daten benutzt, die man damals ausgewertet hat. Etwa zwei Drittel unserer Daten waren schon in den alten Studien enthalten, sodass man kein wirklich neues Ergebnis hat. Vielmehr wurde ein Resultat bestätigt, das schon seit einigen Jahren bekannt war.

Sie haben dieselben Daten studiert, aber genauer hingeschaut?

Ja, genau. Wir haben aber auch neue Daten hinzugenommen. Und wir haben eine andere Methode angewandt, um die Daten auszuwerten. Wir haben den Abstand vom Kernkraftwerk zur Wohnung der Erkrankten in Metern gemessen und geschaut, ob die Erkrankten näher zum Kernkraftwerk leben als Nichterkrankte.

Wie muss man Ihr Ergebnis im Vergleich zu anderen Krebsrisiken einschätzen?

Das grosse Risiko ist immer noch das Rauchen. Wenn Sie rauchen, haben Sie ungefähr ein 20faches Risiko, an Lungenkrebs zu erkranken. Leukämie hingegen ist eine sehr seltene Krankheit. Unter 100'000 Kindern unter fünf Jahren erkranken ungefähr fünf bis sechs an diesem Blutkrebs.

Wenn tatsächlich die Strahlung Auslöser für die zusätzlichen Krebsfällen wäre, müsste man dann Kleinkinder vor gefährlicheren Strahlenquellen als AKW schützen?

Wenn die Strahlung schuld wäre, dann ja. Die Strahlenbelastung vom Fliegen, vom Röntgen, vom Wandern im Hochgebirge – was eines meiner Hobbys ist – ist sicherlich höher als die Belastung, die von Kernkraftwerken ausgeht. Ich rede nicht über Unfälle wie Tschernobyl, sondern über den Normalbetrieb von deutschen Kernkraftwerken. Wenn es tatsächlich die Strahlung wäre, dürfte man nicht fliegen, nicht röntgen, keine hohen Berge besteigen. Man müsste aus Gebieten wegziehen, in denen es eine hohe Radonexposition gibt.

Eine beängstigende Überlegung.

Man darf nicht vergessen: Wir reden hier über einen zusätzlichen Leukämiefall pro Jahr. Für die Eltern und uns alle ist natürlich jeder zusätzliche Leukämiefall zu viel. Aber wenn man über Risiken diskutiert, muss man auch darüber nachdenken, wie viele Kinder zum Beispiel im Strassenverkehr verunglücken. Daher sind Panik und die Frage, ob man umziehen soll, nicht angebracht. Natürlich wird unsere Studie in diesem Zusammenhang momentan politisch ausgeschlachtet von denen, die die Kernkraftwerke abschalten wollen.

Sie haben sich auf die Umgebung von Kernkraftwerken konzentriert. Ist es denkbar, dass Sie einen ähnlichen Anstieg der Krebsfälle auch an anderen Orten nachweisen könnten, beispielsweise bei Chemiefabriken?

Das ist genau die Frage, die wir uns jetzt stellen. Wir wollen den Rummel um diese Studie zu Ende gehen lassen und dann weiter nachdenken.

www.kinderkrebsregister.de

Schweizer Kinderkrebsregister

Ob auch in der Schweiz in der Nähe von Atomkraftwerken mehr Kinder an Krebs erkranken, können die Fachleute beim Schweizer Kinderkrebsregister (SCCR) nicht sagen. «Wir müssten zwei bis drei Personen anstellen, welche die Adressdaten der Patienten überprüfen. Dazu fehlt momentan aber das Geld», sagt Claudia Kuehni, die Leiterin des SCCR.
Seit 1981 sammelt das SCCR die Daten von betroffenen Kindern bis zum Alter von 16 Jahren. Alle neun Spitäler mit kinderonkologischen Abteilungen (Aarau, Basel, Bern, Genf, Lausanne, Locarno, Luzern, St. Gallen, Zürich) melden ihre Patienten dem Register. So werden Kuehni zufolge etwa 90 Prozent dieser Krebserkrankungen zentral erfasst. Jugendliche, die beispielsweise auf Erwachsenenabteilungen therapiert werden, fehlen in dieser Statistik. Die Vollständigkeit sei insgesamt aber vergleichbar mit derjenigen der Register in Deutschland, Frankreich oder Grossbritannien, sagt Kuehni. Für Erwachsene existiert hier zu Lande bisher kein nationales Krebsregister.
Bis Juni 2007 wurden dem SCCR 5582 betroffene Kinder gemeldet. Am häufigsten leiden die kleinen Krebspatienten an Leukämien (30 Prozent) oder Hirntumoren (20 Prozent).
«Um das Risiko abschätzen zu können, das von Atomkraftwerken oder Hochspannungsleitungen möglicherweise ausgeht, wäre es nötig, die Schweizer Daten mit jenen aus anderen Ländern zusammenzufassen», sagt Kuehni. Insgesamt stuft sie die Daten auf diesem Gebiet als «noch sehr grau» ein. Zudem sei unklar, ob AKW oder ein anderer damit zusammenhängender Faktor für das Ergebnis der deutschen Studie verantwortlich seien. «In der Nähe von Atomkraftwerken wohnen oft auch ärmere Familien, die anders essen, andere Berufe haben und anders leben als reiche Menschen.» Sie selbst habe mehr Angst, dass ihr Kind von einem Auto angefahren werde, sagt sie. «Trotzdem muss man die Befunde aus Deutschland ernst nehmen, weil Atomkraftwerke die ganze Bevölkerung betreffen. Hier hat man noch weniger freie Wahl als beim Lebensstil.» (mfr)

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