«Wer soll Renten der Babyboomer zahlen?»
18. Januar 2008, 05:00Will Europa nicht den Anschluss verlieren, müssen Europäer ihre Gesundheit fördern und länger arbeiten, sagt Hans Groth, Direktionsmitglied bei Pfizer.
Das Interview* mit Hans Groth führte Martina Frei
In Westeuropa werden bis zum Jahr 2030 auf vier Todesfälle drei Geburten kommen, prognostizieren Demografen. Trotz Zuwanderung wird die westeuropäische Bevölkerung jährlich um über eine halbe Millionen Menschen schrumpfen. Diese Zahlen haben Hans Groth und Nicholas Eberstadt in ihrem eben erschienenen Buch zusammengetragen. Im wirtschaftlichen Wettbewerb, zum Beispiel mit den USA, verliere Europa so dringend benötigte Arbeitskräfte, warnen Groth und Eberstadt. Lebten im Jahr 2005 in Europa noch rund 100 Millionen Menschen mehr als in den USA, werden es 2030 nur noch rund 35 Millionen mehr sein.
Was beunruhigt Sie so an dieser demografischen Entwicklung, Herr Groth?In den nächsten zwanzig Jahren wird in den USA die Gruppe der 16- bis 65-Jährigen - also die der Arbeitsfähigen – um zehn Prozent wachsen. In Westeuropa dagegen wird sie um acht Prozent sinken, in der Schweiz um sieben Prozent. Die Gruppe der über 50-Jährigen wird hingegen um 40 Prozent zunehmen. Wer also soll die Renten der Babyboomer zahlen, wenn diese nun nach und nach in Pension gehen? Die Westeuropäer laufen Gefahr, wirtschaftlich den Anschluss zu verlieren. Ihr Einfluss auf die Weltwirtschaft könnte sinken. Die Fragen sind: Will Europa seinen Wohlstand aufzehren, halten oder weiterentwickeln? Und will es seinen weltpolitischen Einfluss in Frage stellen?
Sie bemängeln, dass Europa in den letzten 50 Jahren seine Hausaufgaben nicht gemacht habe. Was wurde versäumt?Viele europäische Länder unterschätzen noch immer die Dimension der Herausforderung. Und sie sind der Irrmeinung, dass eine Familienpolitik mit dem Ziel einer höheren Kinderzahl, einer erhöhten Erwerbsquote bei Frauen sowie gezielte Einwanderungsprogramme für Fachkräfte das Problem lösen werden. Dies ist schlicht falsch und verantwortungslos. In den Industrienationen lässt sich ein einmal eingetretener Geburtenrückgang nicht nennenswert umkehren. Die Bevölkerungspyramide wird sich in ein Rechteck verwandeln. Und die Bereitschaft von Fachkräften zur Migration wird überschätzt.
Der einzige «demografische Vorteil», den Europa hat, ist Ihnen zufolge die Altersgruppe «80 Plus». Wo sehen Sie angesichts dieser Entwicklung Chancen?Erstens ist das Gesundheitsprofil der Europäer ein grosser Segen. Die Schweizer zum Beispiel haben gegenwärtig durchschnittlich vier gesunde Lebensjahre mehr als die US-Bürger. Das ist auch Spiegelbild sehr effizienter Gesundheits- und Sozialsysteme für alle Bürger. Zweitens wird die Gruppe der über 50-Jährigen in nie dagewesenem Ausmass wachsen. Die Lebenserwartung in sehr guter Gesundheit wird weiter steigen. Das ist ein Wettbewerbsvorteil: Die Verlängerung der Lebensarbeitszeit wird nun möglich. Darüber sollte man ohne Vorurteile sprechen.
Bereits jetzt stöhnen die Arbeitnehmer, dass die Arbeitsbelastung immer grösser wird. Und da schlagen Sie eine Verlängerung der Lebensarbeitszeit vor?Von den 1960er-Jahren bis zum Jahrtausendwechsel stieg die durchschnittliche Lebenserwartung beispielsweise der Franzosen um rund acht Jahre. Ihr Pensionierungsalter wurde in diesem Zeitraum etwa sieben Jahre vorverlegt. Wie aber soll ein immer längeres «arbeitsfreies» Leben mit hohen Ansprüchen an die Lebensqualität finanziert werden? Das überfordert jede, auch noch so gute Pensionskasse.
Was monieren Sie vor allem?Selbst die üblicherweise angestrebte Lebensarbeitszeit bis 65 Jahre wird nur in wenigen Ländern tatsächlich erreicht. Die Schweiz ist da eine rühmliche Ausnahme. Länder wie Frankreich, Deutschland und Österreich haben die Lebensarbeitszeit wegen kurzfristigen opportunistischen Wahlversprechungen verkürzt – während sich die Lebenserwartung verlängerte. Diese Rechnung geht auf Dauer nicht auf.
Sie wollen die Senioren also künftig länger arbeiten lassen?Wir sollten Wege und Mittel finden, die «altersspezifische Produktivität» von Arbeitskräften über 50 Jahre optimal einzubinden. Es müssen Arbeitsmodelle, Arbeitsplatzanforderungen, gegebenenfalls Industriezweige entwickelt werden, die auf die Stärken und Erfahrungen älterer Arbeitskräfte zugeschnitten sind. So könnte die Schweiz trotz stagnierender und alternder Bevölkerung ihren Wohlstand mehren anstatt ihn aufzuzehren.
Die Menschheit breitet sich immer mehr aus, auf Kosten der Umwelt. Wäre es so gesehen nicht besser, die Weltbevölkerung würde natürlicherweise schrumpfen?Die wachsende Weltbevölkerung ist nicht die Ursache des Klimawandels. Wenn überhaupt, ist es die Art, wie man mit der Umwelt und den Ressourcen umgeht. Das hängt nicht per se von der Zahl der Menschen ab.
Würden Sie einen Politiker wählen, der Ihre Vorschläge umsetzt?Die Wahl liegt bei den Europäern selbst. Unsere Vorschläge sind Denkanstösse. Sie sind aber weder ein Universalrezept noch ein politisches Bekenntnis. Jedes Land hat eine andere Kultur, ein anderes politisches System und ein anderes demografisches Muster. Es gibt nur individuelle Antworten.
Im Alter nehmen die Kräfte ab. Kaum ein Nobelpreisträger hat seine beste Leistung nach 50 erbracht.Der Gewinn eines Nobelpreises ist keine Voraussetzung, um als produktiv zu gelten. Junge Menschen gehen bereitwilliger Risiken ein, setzen dadurch eher Innovationen in Gang und ungeahnte Produktivitätsfortschritte. Ältere Menschen können umgekehrt sehr wichtige Beiträge durch Erfahrung, Ausgewogenheit und die Weitergabe von Wissen leisten. Produktivität hat viele Aspekte. Es gilt, sie alle mit Gespür zu aktivieren.
Wie sollten Altersarbeitsplätze aussehen?In Frage kommen vor allem Tätigkeiten im Dienstleistungssektor, etwa solche, bei denen Erfahrung, Urteilsvermögen, Ausgeglichenheit, Bereitschaft zur ständigen Weiterbildung und ein gewisses Mass an Souveränität von Bedeutung sind. Die Arbeitgeber sind da gefordert. Verdrängung der «Alten» aus dem Arbeitsleben ist eine Vokabel von gestern für jeden Arbeitgeber, der langfristig plant. Darüber hinaus geht es aber auch um die Wertschätzung und das Gefühl des Gebrauchtwerdens einer rasch wachsenden Bevölkerungsgruppe.
Liesse sich der demografische Wandel mit mehr Einwanderern abfedern?Migration ist kein realistisches Szenario, dies sagen alle Demografen ohne Ausnahme. Nehmen Sie eine Berechnung für Deutschland: Um den Altersquotienten – also das Verhältnis arbeitende Bevölkerung zur Bevölkerung über 65 Jahre – konstant auf dem aktuellen Wert von 17 Prozent zu halten, bräuchte man im Jahr 2030 eine Bevölkerung von 120 Millionen in Deutschland. Das wären 40 Millionen Einwanderer in 25 Jahren! Europa muss über Themen wie «Lebensarbeitszeit» ernsthaft nachdenken. Erhaltung der körperlichen und seelischen Gesundheit sind dafür unabdingbar.
Das sagen Sie doch auch, weil Sie bei einer Pharmafirma arbeiten.Ist diese Frage nicht oberflächlich? Wir diskutieren mögliche Lösungen für sich abzeichnende, demografische Herausforderungen. In puncto Gesundheit fordern wir in erster Linie eine bewusste, gesunde Lebensführung. Der medizinische Sektor kann aus unserer Sicht die wirtschaftliche Belastung der Gesellschaft durch Krankheiten und Tod mindern. Die Politik ist hier gefordert.
Die statistische Lebenserwartung kann sich schnell ändern. In Russland beispielsweise sinkt sie seit rund zwanzig Jahren.Russland ist vielleicht ein extremes Beispiel für das politische Versagen, die Gesundheit der Bevölkerung aufrechtzuerhalten und zu fördern. Obwohl das Land wirtschaftlich prosperiert, pendelt sich dort die Lebenserwartung für Männer auf dem Niveau von Bangladesh ein. In Westeuropa aber gibt es – Frieden vorausgesetzt und Pandemien ausgeschlossen – derzeit keinen Hinweis dafür, dass Lebensdauer und auch Lebensabschnitt in weit gehender Gesundheit nicht weiter steigen.
Auch die Europäer werden im Durchschnitt immer dicker. Könnte das nicht dazu führen, dass die Lebenserwartung wieder sinkt?Wie und in welchem Ausmass sich Fehl- und Überernährung auf die Lebenserwartung auswirken werden, bleibt abzuwarten. Man muss das ernsthaft verfolgen. Besonders kritisch wäre es, wenn die Zahl der «gesunden Jahre» abnimmt, während die Lebenserwartung insgesamt weiter steigt.
* Das Interview mit Hans Groth wurde schriftlich geführt. Der Mediziner und Ökonom ist Mitglied der Direktion des Pharmakonzerns Pfizer Schweiz. Zusammen mit Nicholas Eberstadt schrieb er das Buch: Europe's Coming Demographic Challenge. The AEI Press, Washington 2007, 15 Dollar, www.aei.org .Meistgelesen in der Rubrik Wissen
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