Schmerzmittel kann Aggressionen freilegen
28. März 2008, 05:00Das Schmerzmittel Tilidin wurde bei Jugendlichen in Berlin zur Modedroge. Es soll die Angst mindern und den Mut steigern.
Von Simone Schmid
«Sie macht aggressiv. Sie macht willenlos. Sie macht einen zum Seelen-Monster. Die dunkle Macht der Amokdroge!» So betitelte ein Berliner Boulevardblatt den Bericht über einen Jugendlichen, der 41 Menschen mit einem Messer verletzt hat. Für die Journalisten ist klar: Der 16-Jährige hat die Tat begangen, weil er «regelmässig reines Tilidin» nahm.
Tilidini hydrochloridum hemihydricus. Die Substanz wurde von den deutschen Medien in den letzten Jahren immer wieder als «In-Droge», «Amok-Droge» oder «Aufputschdroge» benannt. Schlägerbanden würden sich mit Tilidin in Fahrt bringen und sich bei der Verhaftung «wie Berserker wehren», weil sie keinen Schmerz mehr spüren.
Kann ein Schmerzmittel tatsächlich Jugendliche in wilde Schläger verwandeln? Was ist das für ein Medikament, das in Berlin auf dem Schwarzmarkt gehandelt wird, das bei Apotheken-Einbrüchen geklaut wird und dessen Rezepte professionell gefälscht werden?
Eigentlich wird Tilidin für die Therapie von mittleren Schmerzen hergestellt. Es ist ein künstliches Opioid und in der Schweiz seit 1975 erhältlich, als Wirkstoff im Schmerzmittel Valoron. Die Substanz wirkt im Zentralnervensystem und dockt dort an dieselben Rezeptoren an wie auch Morphin oder Heroin. Die Wirkung ist ähnlich, aber schwächer: Tilidin stillt Schmerzen, wirkt angstlösend und euphorisierend. «Man fühlt sich warm, wohl, geborgen, entspannt und schmerzfrei», beschreibt Rudolf Stohler, Leitender Arzt am Zürcher Zentrum für Abhängigkeitserkrankungen, die typischen Opiatwirkungen.
Schnell in der Heroinszene bekannt
Diese angenehmen Nebenwirkungen blieben nicht unentdeckt. Schon in den Achtzigerjahren war das Mittel in der Szene bekannt als schwächere Alternative zu Heroin, vor allem, um Entzugserscheinungen zu mildern. Damit das Schmerzmittel nicht gespritzt werden kann, ist in Deutschland nur Valoron N erhältlich. Bei dieser Variante ist dem Tilidin der Gegenspieler Naloxon beigemischt. Wenn das Medikament gespritzt statt geschluckt wird, blockiert das Naloxon die Opioid-Rezeptoren und verhindert damit die Wirkung des Schmerzmittels. In der Schweiz ist Tilidin ohne Naloxon im Handel, erhältlich ist es aber nur mit einem Betäubungsmittelrezept.
In den Neunzigerjahren war Tilidin dann als Ersatzdroge fast in Vergessenheit geraten. «Es gibt heute keine Hinweise dafür, dass Tilidin in der Schweizer Partyszene von Bedeutung wäre», sagt Markus Jann, Leiter der Sektion Drogen beim Bundesamt für Gesundheit.
Nicht so in Berlin. Dort sind 2002 die ersten Polizeimeldungen aufgetaucht, dass vermehrt «kleine, braune Fläschchen» bei Verhafteten gefunden worden sind. «Die Welt» zitiert im Oktober 2002 einen Jugendlichen aus einem Polizeiprotokoll: «Tilidin ist total in. Seit drei Monaten nahm ich täglich etwa 50 Tropfen. Ich war fit und hatte den Mut, Dinge zu tun, die ich sonst nicht machen würde. Es ist von uns immer vor dem Klauen genommen worden.» Im August 2003 flog erstmals eine Rezeptfälscherbande auf. 2006 wurden in Berlin rund 1800 gefälschte Rezepte sichergestellt.
Im Gegensatz zu Heroin, das beruhigend wirkt, macht Tilidin weniger müde. Das sei mit ein Grund, warum das Mittel von Jugendlichen neu entdeckt wurde, sagt Markus Jann. «Tilidin entspricht dem heutigen Lebensgefühl: Es euphorisiert, macht aber nicht schlapp.» Aber macht das Medikament auch aggressiv, wie viele Zeitungen schreiben? «Eigentlich nicht», sagt der Suchtarzt Rudolf Stohler. Doch es gibt paradoxe Reaktionen: Tilidin bewirkt, dass Ängste verschwinden. Dann kann es sehr wohl sein, dass Aggressivität zum Vorschein kommt – wenn sie vorher von der Angst im Zaum gehalten wurde.
Auch wenn Tilidin schwächer wirkt als Heroin, es kann genauso süchtig machen. Vor allem Menschen, die eine biologische Bereitschaft dafür haben. «Die meisten Schmerzpatienten haben Nebenwirkungen, wenn sie mit Opiaten behandelt werden», sagt Stohler. Doch es gibt gewisse Menschen, die reagieren gut darauf. Zu gut. «Bei diesen Patienten ist es, als ob ein grauer Schleier von der Welt fällt», sagt Stohler. Die Sucht, die Tilidin auslösen kann, ist eine Opiatabhängigkeit, die wie eine Heroinsucht mit Methadon behandelt wird. Nur zwei Prozent der einmal Abhängigen sind in der Lage, mehr als zehn Jahre ohne Opiate zu leben.
Keine Trenddroge in der Schweiz
In Berlin sind heute zwischen 300 bis 400 Jugendliche von Tilidin abhängig, schätzt der Streetworker Jürgen Schaffranek. Es habe sich ein Schwarzmarkt gebildet, der fast dieselben Strukturen aufweist wie jener mit illegalen harten Drogen. Die Dealer beschaffen sich das Medikament mittels Rezeptfälschungen und importieren es aus Holland oder Polen – kanisterweise. Auch wenn Schaffranek von einem «massiven Problem» spricht, so sei die Situation aber bei weitem nicht so dramatisch, wie sie von den deutschen Medien geschildert wurde: «Die Substanz wurde irre gehypt», sagt Schaffranek.
Dass sich das Medikament in der Schweiz zu einer Trenddroge entwickeln könnte, glauben die Suchtexperten nicht. In Deutschland kommt man mit einem gefälschten Rezept relativ leicht an die mit Naloxon abgeschwächte Variante des Schmerzmittels. In der Schweiz ist dagegen die reine Variante im Handel, die nur mit einem Betäubungsmittelrezept erhältlich ist. Diese Rezepte werden strenger kontrolliert und müssen in dreifacher Ausführung vorliegen. Zudem werden die Warenflüsse von den Behörden überwacht. Auch illegale Importe gab es laut Swissmedic noch nicht im grossen Stil. Der Suchtexperte Rudolf Stohler bringt es folgendermassen auf den Punkt: «In der Schweiz kommt man zurzeit einfacher an Heroin ran als an Tilidin.»










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