Wissen

Stress wird Kindern in die Wiege gelegt

01. April 2008, 08:00

Psychosomatiker und Neurobiologen entdecken prägende Faktoren, die im späteren Leben anfällig für Belastung machen.

Frühkindliche Bindungserlebnisse bilden die Basis für neuronale und hormonelle Reaktionen während des ganzen Lebens.
Frühkindliche Bindungserlebnisse bilden die Basis für neuronale und hormonelle Reaktionen während des ganzen Lebens.

Von Werner Bartens

Leben kann Last oder Lust sein. Manche Menschen fühlen sich im Beruf permanent überfordert, vom Partner unter Druck gesetzt, und sogar die Freizeit strengt sie an. Sie bekommen Herzrhythmusstörungen, Bluthochdruck und leiden ständig unter grippalen Infekten. Andere sind hingegen auch bei grösster Terminnot gelassen, kümmern sich hingebungsvoll um die vielköpfige Familie und übersetzen nebenbei bulgarische Liebeslyrik.

Stress kennt jeder – aber der Umgang damit gelingt auf unterschiedliche Weise: Die einen scheint Stress anzuspornen, die anderen zu zermürben und auf Dauer krank zu machen. Die Anfälligkeit gegenüber Belastungen war ein Hauptthema der Jahrestagung der psychosomatischen Fachgesellschaften, die Mitte März in Freiburg im Breisgau stattfand.

«Frühe Erfahrungen legen den Grund für neuronale und hormonelle Reaktionen – und zwar ein Leben lang», sagt Michael Meaney, Neurobiologe an der McGill-Universität im kanadischen Montreal. Der Forscher will sich in der ewigen «Nature-or-Nurture»-Debatte aber nicht festlegen. Auf die Frage, ob der Mensch stärker durch die Natur – das heisst die Gene – geprägt wird oder durch die Umwelt – damit sind Sozialisations- und Umgebungserfahrungen gemeint – antwortet er mit einer Gegenfrage: «Kann man sagen, was stärker zu einem Rechteck beiträgt, die Längs- oder die Breitseite?»

Bindungsforscher und Psychosomatiker wissen, dass frühkindlicher Missbrauch, emotionale Verwahrlosung, extreme Strenge und häufiger Familienstreit zu mehr Depressionen, Angststörungen und anderen psychischen Leiden in späteren Jahren führen. «Eine unsichere Bindungsentwicklung ist ein Risikofaktor», sagt Karl Heinz Brisch, Psychosomatiker an der Ludwig-Maximilians-Universität München. «Bei Belastungen droht später häufiger eine psychische Entgleisung, und Beziehungskonflikte können weniger gut geklärt werden.»

Inzwischen gibt es aber auch immer mehr Hinweise dafür, dass sogar vermeintlich rein organische Leiden wie Diabetes, verkalkte Herzkranzgefässe, Übergewicht, Bluthochdruck und viele weitere Erkrankungen häufiger auftreten, wenn die frühe Entwicklung belastet war.

Weniger Glückshormon

Aus Befragungen zur frühen Kindheit wissen Forscher, dass geringe mütterliche Zuwendung dazu führt, dass Menschen schlechter mit Stress umgehen können. Offenbar fällt es ihnen auch schwerer, sich selbst Gutes zu tun. Kanadische Wissenschaftler zeigten dies am Beispiel von Freiwilligen, die am Bildschirm Rechenaufgaben lösen mussten und – fälschlicherweise – alle ständig eingeblendet bekamen, dass sie langsamer und schlechter als der Durchschnitt waren. Das als Glückshormon geltende Dopamin, das ein Mass für das körpereigene Belohnungssystem ist, wurde bei den gestressten Probanden in deutlich geringerer Konzentration ausgeschüttet, die von einer unterkühlten Bindung zu ihren Eltern berichteten.

Zum Wechselspiel von Bindung und Biologie gibt es bei Menschen fast nur retrospektive Untersuchungen. Im Tiermodell ist es hingegen möglich, prägende Entwicklungsschritte zu untersuchen. Hat etwa eine mütterliche Glattechse häufiger den Geruch einer Schlange wahrgenommen, wird der Echsen-Nachwuchs grösser und stärker und fällt deshalb später seltener Schlangen zum Opfer.

Moduliert wird die körperliche Reaktion auf Stress zumeist über zwei Wege. Ein System steuert der Hypothalamus im Zwischenhirn. Bei Belastung oder Gefahr wird hormonell die Hirnanhangdrüse stimuliert, die wiederum die Nebenniere anregt, das Stresshormon Kortison auszuschütten. Über einen zweiten Reaktionsweg, das vegetative Nervensystem, wird bei Stress vermehrt Adrenalin und Noradrenalin freigesetzt. Beide Systeme zu aktivieren, ist im Notfall sinnvoll, denn so ist es möglich, Energiereserven schnell zu mobilisieren und den Körper in höchste Anspannung zu versetzen.

Was im Kampf gegen Bär und Mammut und angesichts anderer körperlicher Bedrohungen evolutionär einleuchtend war, ist im Büroalltag allerdings zumeist überflüssig und kann sogar die Gesundheit gefährden. Wenn der Ärger auf den Vorgesetzten, der Druck in der Partnerschaft oder andere psychosoziale Ursachen den Organismus permanent in Alarmbereitschaft versetzen, kann der erhöhte Ausstoss an Adrenalin, Kortison und Co. krank machen. Die Stressreaktion dreht dann im Leerlauf und schwächt innere Organe wie auch die Immunabwehr, statt den Körper zu stärken.

Umsorgte Ratten

An Ratten konnte Michael Meaney demonstrieren, dass Tiere, die von ihren Müttern intensiver nach der Geburt geleckt werden, mehr molekulare Andockstellen ausbilden, die Kortison wieder binden. Diese Tiere zeigten sich bei späteren Belastungen entspannter als jene, die von ihren Müttern weniger verhätschelt wurden. Diese Effekte können sogar auf der Ebene der Feinregulation der DNA verfolgt werden. Das intensivere Lecken beeinflusst die Biochemie der Zelle und aktiviert oder hemmt daraufhin Gensequenzen. In der Folge werden – je nach Bindungserfahrung – mehr oder weniger Rezeptoren gebildet, um die im Körper anflutenden Stresshormone abfangen zu können. «Es kommt allerdings auf den Kontext an, ob eine Fähigkeit hilfreich für die Anpassung ist oder pathologische Auswirkungen hat», sagt Peter Henningsen, Leiter der Psychosomatik an der Technischen Universität München. So waren Kinder von Menschen, die im holländischen Hungerwinter 1944/45 starken Belastungen ausgesetzt waren, klein und von niedrigem Geburtsgewicht – wie auch ihre Enkel. Später erkrankten diese Kinder und Kindeskinder häufiger an Diabetes und verengten Kranzgefässen.

Nach der Geburt 1945/46 war es für die Kinder wichtig, im Körper mehr Fett, Zucker und andere Reserven mobilisieren zu können – diese Neigung wurde im Erwachsenenleben jedoch zur Bedrohung. «Was akut hilft, um zu überleben, erhöht später das Risiko» sagt der Humangenetiker Klaus Zerres von der Universität Aachen. «Diese Einflüsse lassen sich sogar über Generationen verfolgen.»

Psychosomatische Genetik

«Es scheint fast so etwas wie eine psychosomatische Genetik zu geben», sagt Peter Henningsen. Die Aufklärung der genetischen Mechanismen mache verständlich, wie frühe Beziehungserlebnisse nicht nur psychische, sondern auch stabile körperliche Spuren hinterlassen. «Auch wenn immer mehr neurobiologische Strukturen verstanden werden, die dem Verhalten zu Grunde liegen, heisst das aber nicht, dass psychische Störungen nur neurobiologisch, sprich: pharmakologisch behandelt werden können.»

«Wir haben jetzt eine Erklärung dafür, wie die Erfahrung in den Körper kommt», sagt Carl Scheidt, Psychosomatiker an der Universität Freiburg. Weil die frühe Bindung so wichtig sei, würden Verfahren wie Psychotherapie und Psychoanalyse oftmals viel Zeit benötigen. «Wir bauen späte Nester – und das dauert nun mal», sagt Thomas Loew, Chef der Psychosomatik an der Universität Regensburg.

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