Wenn Tätowierungen plötzlich nicht mehr chic sind
17. April 2008, 05:00Um Tattoos zu entfernen, werden chirurgische Eingriffe oder Behandlungen mit Infrarotlicht oder Laser gemacht. Alle Methoden haben Nachteile.
Von Thomas Meissner
Ein Tattoo ist schnell gestochen. Es wieder entfernen zu lassen, ist weniger einfach, als mancher Anbieter es seinen Kunden verspricht. Viele Menschen glaubten, mit Hilfe der modernen Medizin könne man Tattoos jederzeit wieder befriedigend entfernen, so die Erfahrung von Claus Udo Fritzemeier aus Düsseldorf. Das ist nach Meinung des Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgen jedoch nicht der Fall.
«Völlige Narbenfreiheit ist unmöglich», betont Fritzemeier in der Fachzeitschrift «Haut» (Bd. 6, S. 240). Selbst die teilweise hoch gelobten Laserverfahren hätten Vor- und Nachteile. Pauschal empfehlenswert ist keines der verschiedenen Entfernungskonzepte. Oft müssen mehrere Methoden kombiniert werden, um ein akzeptables Ergebnis zu ermöglichen.
Die sicherste Methode, eine Tätowierung zu entfernen, ist das chirurgische Herausschneiden, gegebenenfalls kombiniert mit plastischen Hautverschiebetechniken – ein Fall für Spezialisten. Bei grossen Tätowierungen sind unter Umständen mehrere Operationen nötig. Diese radikale Methode der Enttätowierung hinterlasse allerdings oft unschöne Narben, verdeutlicht Fritzemeier. Wird der Defekt mit Hauttransplantaten aus anderen Körperregionen, zum Beispiel vom Oberschenkel, gedeckt, resultieren eher gleichmässige, flächige Narben.
Säuren und Laugen auf die Haut
Ein anderes Verfahren ist dagegen die Dermabrasion. Die gefärbten Hautschichten werden mit Schleifkörpern oder Sandpapier abgetragen. Nachteile: Die gefärbten Hautpartikel hinterlassen unter Umständen Schmutztätowierungen, und die Region kann sich entzünden. Das fördert die unschöne Narbenbildung. Das kosmetische Endergebnis hängt wesentlich von der professionellen Pflege nach der Derm-abrasion ab.
Hinzu kommen chemische und physikalische Methoden. Mit Hilfe von Säuren und Laugen lässt man die Zellen der tätowierten Hautpartien gezielt absterben, sie werden nach einiger Zeit abgestossen. Dabei gehen die oberen Hautschichten zu Grunde. Es gibt eine Standardlösung für Enttätowierungen mit Salpetersäure und Aceton, die nach Angaben von Fritzemeier die Vorteile hat, in der Tiefenwirkung steuerbar zu sein und der jeweiligen Hautqualität angepasst werden zu können.
Auch mit Verfahren wie der Infrarot-Koagulation, der Elektrolyseverschorfung, der Hitzeverkohlung oder der Kryochirurgie (Zellzerstörung mit Kälte) werden die Zellen der oberen Hautschichten vom Leben zum Tode gebracht, sodass der Körper sie später abstösst. Wie stark die Narbenbildung ausfällt, ist wiederum entzündungs- und pflegeabhängig. Nach der Kryochirurgie seien im Vergleich der verschiedenen physikalischen Methoden die unauffälligsten Narben zu verzeichnen, sagt Fritzemeier.
Kohlendioxid-Laser denaturieren die Haut ebenfalls. Manche Laser zerlegen bestimmte Farbpigmente, die dann ohne wesentliche Hautzerstörung abtransportiert werden können. Es gibt jedoch mehrere Haken an der Sache: Nicht bei allen Farbpigmenten gelingt das. Für fast jede Farbe benötigt man einen anderen Laser. Mehrfarbige Tattoos sind also ein besonderes Problem. Hinzu kommt, dass die beim Lasern entstehenden Spaltprodukte der Pigmente allergen oder kanzerogen sein können. Und oft sei nach Laser-Enttätowierung ohne eine zusätzliche chirurgische Abtragung der Hautschichten oder eine Dermabrasion das Tattoo nicht vollständig zu entfernen, betont der Düsseldorfer Spezialist.
Als Behelfsmethoden sind die Camouflage, also das Überdecken der Tätowierung mit Kosmetikprodukten, oder das Nachstechen des Ornaments mit einem anderen Motiv zu werten. Das Nachstechen erfordert ein besonders ausgeprägtes Farb- und Formgefühl des Tätowierers und dürfte bei farbigen und grossflächigen Tattoos kaum befriedigend gelingen.
Kosten: Mehrere Tausend Franken
Enttätowieren ist also mit teilweise erheblichem Aufwand verbunden und mit beträchtlichen Kosten. «Die Klientel, die eine Enttätowierung wünscht oder dringend braucht, ist finanziell meist schlecht gestellt», sagt Fritzemeier. Mit umgerechnet bis etwa 160 Franken pro vier Quadratzentimeter Hautoberfläche müsse man realistischerweise rechnen. Es seien jedoch auch Preise von bis zu rund 3200 Franken für die Entfernung einer 100 Quadratzentimeter grossen Unterarmtätowierung bekannt.
Weil viel Erfahrung erforderlich ist und für eine erfolgreiche Behandlung viele verschiedene Techniken beherrscht werden müssen, sollten sich Zentren bilden, meint Fritzemeier. Zum Beispiel an Hautkliniken, die mit plastisch-chirurgischen Abteilungen zusammenarbeiten, oder bei Hautärzten mit chirurgischer Ausbildung. Auf keinen Fall, so der erfahrene Chirurg, sollten Enttätowierungen durch medizinische Laien erfolgen. Diese Verfahren gehörten ausschliesslich in die Hände von Ärzten. Und er betont: «Das Wichtigste ist die Aufklärung, in der die eventuell ästhetisch nicht immer befriedigenden Ergebnisse schonungslos angesprochen werden müssen!»
%perl>Bio-Tattoo
Sie heissen «Bio-Tattoo» oder «Temptoo» (für temporary tattoo), und es wird damit geworben, dass sie nach einiger Zeit verschwinden, weil angeblich die Farben nicht so tief in die Haut eingebracht würden oder weil es sich um Pflanzenfarben handele, die sich nach zwei bis fünf Jahren auflösten. «So etwas gibt es nicht», betont der Gesichtschirurg Claus Udo Fritzemeier aus Düsseldorf. Weder sei es möglich, eine geringe Eindringtiefe der Farben zu garantieren, noch seien Versprechungen verlässlich, die Farben würden sich auflösen. Auch wer zeitlich begrenzte Körperornamentik nur per Bemalung erreichen möchte, sei gewarnt. Henna-Farben ist oft p-Paraphenylendiamin beigemischt, das schwere allergische Reaktionen auslösen kann. (TM)
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