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Forscher finden das Böse im Gehirn

21. Juni 2008, 05:01

Das Gehirn von Psychopathen und Mördern weicht oft von der Norm ab. Das wird Folgen haben vor Gericht und in der Therapie.

Von Daniel Bächtold

Die Vorstellung, dass kriminelle und aggressive Menschen anhand körperlicher Merkmale identifiziert werden können, ist bereits alt – und war eigentlich immer umstritten. So wollten Gelehrte in vergangenen Jahrhunderten ein asoziales Wesen an der Schädelform eines Menschen erkennen, auf dessen Handflächen ablesen oder am Abstand der Zehen festmachen. Freilich ohne Erfolg.

Vom Vermessen des Fusses sieht die moderne Forschung inzwischen ab. Nicht aber vom Vermessen des Gehirns. Denn viele Neurowissenschaftler sind davon überzeugt, dass sie im Gehirn von Kriminellen Antworten auf die Fragen finden, was einen kaltblütigen Mörder antreibt und weshalb Menschen Gefallen finden am Quälen von wehrlosen Opfern.

Stirnhirn prägt unsere Persönlichkeit

Dass bestimmte Strukturen im Gehirn massgeblich unser Wesen prägen, erkannten Neurowissenschaftler erstmals Mitte des 19. Jahrhunderts. Am 13. September 1848 verunfallte der Vorarbeiter Phineas Gage bei Sprengarbeiten nahe der amerikanischen Ortschaft Cavendish. Während Gage mit einer Eisenstange ein Sprengloch stopfte, kam es zu einer folgenschweren Explosion: Das Eisen wurde hochgeschleudert, durchschlug seinen Schädel und zerstörte grosse Teile seines Stirnhirns. Wie durch ein Wunder überlebte Gage, seine Persönlichkeit aber hatte sich radikal verändert.

Vor dem Unfall war Gage die Zuverlässigkeit in Person. Nach dem Unfall war er launenhaft, respektlos und ungeduldig. Seine Arbeit als Vorarbeiter konnte er nicht wieder aufnehmen.

Unzählige Studien an Gesunden und Patienten haben inzwischen das Stirnhirn als jene Struktur identifiziert, die massgeblich unser Verhalten und unsere Persönlichkeit prägt. Dass Mörder und Psychopathen in diesem Bereich strukturelle und funktionelle Auffälligkeiten haben können, ist vor diesem Hintergrund leicht zu erklären. Tatsächlich konnte Adrian Raine von der University of Pennsylvania bereits vor über zehn Jahren zeigen, dass Mörder im Vergleich zu einer Kontrollgruppe während eines kognitiven Ausdauertests unter anderem im Stirnhirn einen verminderten Stoffwechsel aufwiesen.

Wobei das nicht auf alle Mörder gleichermassen zutrifft. Solche, die methodisch vorgingen, ihre Tat planten und ihrem Opfer nachstellten, zeigten zumindest in dieser Untersuchung im Vergleich zu der Kontrollgruppe keine Auffälligkeiten. Bei jenen Gewalttätern aber, die ihre Tat aus dem Affekt begingen, impulsiv und hochemotional gehandelt hatten, war die verminderte Aktivität in vorderen Bereichen des Gehirns offensichtlich.

Weitere Studien müssten diesen Unterschied allerdings noch bestätigen, erklärte Raine diese Woche während einer Fachtagung an der Universität Zürich. Vor allem sind Ursache und Wirkung noch nicht verstanden: Ist jemand gewalttätig wegen der verminderten Funktion des Stirnhirns, oder aber führt ein aggressiver Lebenswandel zu den neuronalen Auffälligkeiten. «Was das betrifft, haben wir noch keine Ahnung», sagte Raine.

Der britische Psychologe berichtete auch von einer neuen Studie mit gewalttätigen Männern, die ihre Partnerinnen wiederholt misshandelt hatten. Die Schläger liessen sich bei einem Test im Vergleich zu einer Kontrollgruppe durch emotionale Worte – beispielsweise «töten» – stärker aus der Fassung bringen. Bildgebende Verfahren zeigten bei diesen Menschen eine verminderte Aktivität in Bereichen des Stirnhirns und eine erhöhte Aktivität im Mandelkern, einem emotionalen Zentrum.

Die Studie lege nahe, so Raine, dass solche Schläger bei emotionalen Reizen überreagieren würden, während ihr Stirnhirn diese Emotionen nur ungenügend kontrollieren könne. Die neuen Erkenntnisse gelte es nun, in entsprechenden Therapieformen zu berücksichtigen.

Untersuchungen bei asozialen, psychopathischen oder aggressiven Männern kommen immer wieder zu einem ähnlichen Schluss: Strukturelle und funktionelle Auffälligkeiten vor allem im präfrontalen Kortex, im Bereich der Schläfenlappen, im Mandelkern-Hippocampus-Komplex oder im vorderen Cingulum.

Nur, entsprechende Veränderungen machen einen Menschen noch nicht zum Mörder. Und nicht jeder Psychopath hat ein von der Norm abweichendes Gehirn. Dennoch werfen solche Untersuchungen heikle Fragen auf: Ist beispielsweise ein Täter strafbar, obwohl er auf Grund einer strukturellen Veränderung seines Gehirns besonders aggressiv gehandelt hat? Oder wie es Adrian Raine formulierte: «Können wir es moralisch verantworten, jene zu bestrafen, denen die moralischen Schaltkreise im Gehirn fehlen?» Weder Raine noch seine Zuhören wussten darauf eine schlüssige Antwort.

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