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«Ein Verbot von Doping funktioniert nicht»

30. Juli 2008, 12:48

Der Ethikprofessor Julian Savulescu plädiert für eine teilweise Freigabe von leistungssteigernden Substanzen im Sport.

Mit Julian Savulescu sprach Daniel Bächtold in Oxford

Herr Savulescu, kann die Welt-Antidoping-Agentur (Wada) den Missbrauch von Doping im Sport verhindern?

Nein, die Wada wird ihr Ziel mit Sicherheit verfehlen.

Weshalb?

Doping im professionellen Sport mit einem 20-Millionen-Budget bekämpfen zu wollen, kann nicht funktionieren. Zu viele Leute sind involviert und zu gross sind die finanziellen Anreize.

Funktionäre schieben Dopingsünder immer wieder als Beweis für die Wirksamkeit ihrer Antidoping-Programme vor.

Dabei ist überhaupt nicht klar, wie gross der Eisberg tatsächlich ist, von dem wir nur die Spitze sehen. Auch wenn nur wenigen Athleten die Einnahme von unerlaubten Substanzen nachgewiesen werden kann, so ist davon auszugehen, dass viele dopen. Die Methoden werden immer ausgefeilter und die Athleten und ihre Trainer immer cleverer.

Was schlagen Sie vor?

Die Wada praktiziert eine Nulltoleranz gegenüber leistungsfördernden Substanzen. Wenn diese Nulltoleranz umgesetzt werden könnte, wäre ich nicht unbedingt dagegen. Doch ein Verbot funktioniert nicht. Wir sollten uns deshalb nach einer Alternative umsehen. Die betreffenden Substanzen zu kontrollieren und zu regulieren, wäre eindeutig sinnvoller.

Doping ist unfair. Was spricht dagegen, Substanzen, die einen Athleten im Wettkampf klar bevorteilen, zu verbieten?

Die Wada erlaubt gewisse leistungsfördernde Substanzen, während sie andere mit scheinbar willkürlichen Argumenten verbietet. Koffein ist heute beispielsweise erlaubt. Bis vor wenigen Jahren stand Koffein aber noch auf der Dopingliste. Höhentraining und spezielle Sauerstoffmaschinen sind erlaubt. Eigenblutdoping und Epo sind verboten. Dabei haben alle vier Methoden den gleichen Effekt. Sie erhöhen die Zahl der roten Blutkörperchen und steigern so die Leistung.

Gewisse Dopingverfahren können aber die Gesundheit gefährden. Ist das nicht ein Grund, sie zu verbieten?

Tatsächlich schieben wir die Gesundheit der Athleten vor. Doch das ist reine Heuchelei. Wir sorgen uns nicht wirklich um deren Gesundheit. Professioneller Sport ist extrem gefährlich, die Athleten sind enormen Belastungen ausgesetzt. Viele sind für den Rest ihres Lebens vom Sport gezeichnet. Diese körperlichen Belastungen und Gefahren sind wahrscheinlich viel grösser als jene, die von Epo, Wachstumshormonen oder Steroiden ausgehen – wenigstens in denjenigen Mengen, die von den Athleten eingenommenen werden. Wir müssten eigentlich sehr gute Gründe haben, weshalb wir die körperliche Belastung anders gewichten als jene, die von Dopingmitteln ausgehen.

Trotzdem, Doping kann die Gesundheit gefährden.

Ich finde, es ist reine Zeitverschwendung, herausfinden zu wollen, ob ein Athlet seinen Hämatokritwert mit Epo von 46 auf 49 Prozent erhöht hat. Wenn uns die Gesundheit der Athleten wirklich am Herzen liegen würde, könnten wir einfach einen oberen Hämatokritwert festlegen, beispielsweise 50 Prozent. Studien haben gezeigt, dass oberhalb dieses Wertes die Gefahr eines Infarkts signifikant ansteigt. Athleten mit einem zu hohen Wert wären automatisch von einem Wettkampf ausgeschlossen, und zwar unabhängig davon, ob sie wegen Epo, eines Höhentrainings oder dank einer natürlichen Genmutation zu viele rote Blutkörperchen haben.

Es wird immer wieder gesagt, Doping verstosse gegen den «Spirit of Sport», den Geist des Sports. Was sagen Sie dazu?

Die Frage ist, was man unter diesem Geist versteht. Für mich ist Sport das Erreichen einer physischen Meisterschaft in einer von Regeln bestimmten Aktivität. Diese Regeln und was man unter einer physischen Meisterschaft versteht, ändern sich selbstverständlich von Sportart zu Sportart. Die Frage ist, ob eine leistungsfördernde Substanz das Wesen einer bestimmten Sportart zu stark verändert.

Was meinen Sie damit?

Wenn ein Boxer beispielsweise mit Hilfe von Dopingsubstanzen furchtlos und enthemmt wäre, würde das meiner Meinung nach gegen den Geist des Boxens verstossen. Denn beim Boxen geht es unter anderem darum, sich in einem Ring seinen Ängsten zu stellen. Ein Fussballspieler könnte dagegen Epo einnehmen. Das Wesen des Fussballs liegt in der Spielintelligenz und Technik der Spieler, nicht in deren Ausdauer. Wir müssen für jede Sportart individuell bestimmen, welche Substanzen wir dulden und welche nicht.

Gewisse leistungsfördernde Substanzen sollten also erlaubt sein?

Das Schlimmste im Fall von Doping ist der Schwarzmarkt. Man kann heute alle Substanzen im Internet kaufen, ohne jegliche Garantie für ihre Reinheit. Ein regulierter, offener Markt ist einem Schwarzmarkt ohne jeden Zweifel vorzuziehen.

Doping verstösst aber gegen die Regeln.

Dann müssen wir uns fragen, welche Art von Regeln wir wollen.

Dopingmittel zu erlauben, würde Betrüger nicht davon abhalten zu betrügen.

Das ist richtig. Wir werden nie verhindern können, dass einige Athleten versuchen werden, sich einen kleinen Vorteil zu verschaffen. Durch eine sichere und effektive Alternative könnten wir aber den Unterschied zwischen jenen, die illegale und jenen, die legale Substanzen nehmen, verringern.

Und woher sollen diese Dopingmittel kommen?

Falls ein Pharmaunternehmen leistungsfördernde Substanzen herstellen möchte, sollte es das dürfen. Wir sollten uns langsam an die Idee gewöhnen, dass wir unser Leben mit Hilfe von Pillen verbessern können – und Sport ist Teil unseres Lebens. Unser Gedächtnis, unsere Mobilität und unsere sexuelle Kraft nehmen nach dem vierzigsten Altersjahr ab. Durch pharmakologische Eingriffe lassen sich diese Prozesse verlangsamen. Weshalb sollten wir Impotenz und ein mangelhaftes Gedächtnis akzeptieren? Wir sollten uns nicht mit dem begnügen, was uns die Natur gibt.

Kann Sport wirklich mit einem mangelhaften Gedächtnis verglichen werden? Im Sport gibt es Gewinner und Verlierer, es geht um Millisekunden. Was ist, wenn Doping einen Wettkampf massgeblich beeinflusst?

Falls gedopte Athleten die 100 Meter in 5 Sekunden laufen würden, dann würde das die menschlichen Grenzen natürlich sprengen. Momentan bewegen wir uns aber immer noch am Rande des Menschenmöglichen, ob mit oder ohne Doping. Es gibt Leute, die sagen, beim Sport gehe es lediglich darum, biologische Unterschiede zwischen Athleten zu bestimmen. Dabei braucht es für eine sportliche Leistung Körper und Geist. Falls mit leistungsfördernden Substanzen die körperlichen Unterschiede kleiner werden, würde das die psychologische Seite des Sports stärker gewichten. Das Grossartige im Sport käme so besser zur Geltung.

Wie Sie bereits angetönt haben, sind leistungsfördernde Substanzen in unserer Gesellschaft allgegenwärtig. Was ist der Espresso am Morgen im Vergleich zu Doping?

Die interessante Frage, die der Sport aufwirft, ist, ab welchem Punkt leistungsfördernde Substanzen das Wesen einer Aktivität verändern. Es gibt Wissenschaftler und auch Studenten, die zur Steigerung ihrer Leistung neben Kaffee auch Ritalin oder Modafinil nehmen. Ändert das nun das Wesen der wissenschaftlichen Forschung?

Viele klassische Musiker nehmen Betablocker, um ihre Nervosität in den Griff zu bekommen. Die Qualität ihres Spiels soll sich sogar verbessern. Obwohl in der klassischen Musik und im Spitzensport die Konkurrenz und auch die Anreize vergleichbar hoch sind, werden die Musiker nicht stigmatisiert. Dabei kann Doping die Leistung eines Sportlers auf ähnliche Weise beflügeln wie Betablocker das Spiel eines Musikers.

Weshalb stellen wir derart hohe Ansprüche an Sportler?

Athleten sind Vorbilder. Ich denke aber nicht, dass Vorbilder nicht auch auf bestimmte Substanzen, Diäten oder andere Massnahmen zurückgreifen dürfen, um sich von einer Verletzung zu erholen oder um ihre Leistung zu steigern – solange die betreffenden Massnahmen sicher sind. Niemand denkt, dass ein Athlet, der Koffein schluckt, ein schlechtes Vorbild wäre. Koffein, das früher auf der Dopingliste stand, ist aber eindeutig eine Droge. Millionen Menschen trinken täglich Kaffee, nicht unbedingt, weil er ihnen schmeckt, sondern weil er eine sehr effektive Droge enthält. Athleten sind nicht anders als der Rest von uns. Ich finde nichts Anstössiges daran, wenn Menschen ihren Geist und die ihnen zur Verfügung stehenden Mittel dafür einsetzen, ihre Leistung zu verbessern.

Der gebürtige Australier Julian Savulescu ist Gründer und Direktor des Oxford Uehiro Centre for Practical Ethics und Ethikprofessor an der Oxford University. Zum Thema Doping im Sport wurde er unter anderem vom Komitee für Wissenschaft und Technologie des britischen Unterhauses befragt.

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