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21. März 2010, 12:20

Gesellschaft
Tages-Anzeiger vom 26.08.2006
«Frau Doktor Randensalats» umstrittene Rezepte

In Südafrika mehren sich die Stimmen, die den Rücktritt der Gesundheitsministerin verlangen. Weil sie eine wirksame Bekämpfung der Aids-Epidemie verhindere.

Von Christine D’Anna-Huber, Kapstadt

In Toronto waren die Randen ebenfalls dabei. Auch der Knoblauch, die afrikanische Kartoffel und das Olivenöl. An ihrem Stand an der internationalen Aids-Konferenz zeigte die südafrikanische Regierung, was Gesundheitsministerin Manto Tshabalala-Msimang für eine alternative Behandlungsmethode der Immunschwächekrankheit hält. Und zwar nicht im Sinn von: Wer HIV-positiv ist, sollte ausgewogen essen, um die natürlichen Abwehrkräfte seines Körpers zu unterstützen. Sondern: Wer sich, nach traditionell afrikanischer Manier, gesund und vitaminreich ernährt, der hat die «giftigen, modernen» Aids-Medikamente nicht nötig. In Manto-Speech tönt das dann: «Jeder hat das Recht, selber zu entscheiden, wie er sich behandeln lassen will.»

Erst nachdem der südafrikanische Stand heftig kritisiert worden war, tauchten in der Auslage neben dem Gemüse auch noch zwei Dosen antiretrovirale Tabletten auf. Zu spät: Bereits hatte die Presse Tshabalala-Msimang «Frau Doktor Randensalat» getauft, war es zu einem wüsten Gerangel gekommen, als empörte südafrikanische Aktivisten der Anti-Aids-Organisation Treatment Action Campaign (TAC) Knoblauch, Zitronen und Hypoxis-Knollen beschlagnahmen wollten.

Der Uno-Sonderbeauftragte für Aids in Afrika, Stephen Lewis, fand harsche Worte für die südafrikanische Aids-Politik: «Falsch, unmoralisch und fahrlässig» sei sie und «eher einer halb irrsinnigen Randgruppe würdig als eines besorgten und Anteil nehmenden Staates», sagte er vor Tausenden von Delegierten aus aller Welt. Lewis sei nicht «Afrikas neuer Messias», erwiderte das Gesundheitsministerium. Und machte einmal mehr die Medien für die verzerrte Darstellung der südafrikanischen Aids-Politik verantwortlich.

Ambivalente Regierung

Derweil mehren sich in Südafrika die Stimmen, die Tshabalala-Msimangs Rücktritt verlangen. «Ein Clown», wurde sie in Leitartikeln genannt, «eine komische Figur, die das ganze Land zum Gegenstand des Gespöttes gemacht hat.» Am Donnerstag führte TAC in Südafrika und vor verschiedenen südafrikanischen Botschaften im Ausland Protestaktionen durch. Gleichentags forderten sechs südafrikanische Oppositionsparteien Präsident Thabo Mbeki in einer gemeinsamen Erklärung dazu auf, die Gesundheitsministerin zu entlassen, «welche Südafrikas Ruf enorm schadet und deren oft bizarre Ideen unnötig Leben kosten».

Die Regierung reagiert verschnupft. Von Gleichgültigkeit HIV-Infizierten und Aids-Kranken gegenüber könne keine Rede sein, erklärte ein Sprecher, doch offenbar sei es dem Gesundheitsministerium bisher nicht gelungen, sein umfassendes Aids-Konzept zu kommunizieren und der Öffentlichkeit klar zu machen, wie viel es unternehme. Es ist tatsächlich viel: In den letzten vier Jahren hat Südafrika sein Aids-Budget von etwas über einer Milliarde Rand auf 3,5 Milliarden Rand (rund 600 Millionen Franken) erhöht, und die – widerwillig begonnene und erst nach einem Gerichtsentscheid auch auf schwangere Mütter ausgeweitete – Verteilung von Aids-Medikamenten erreicht nun 175 000 Patienten. Dazu werden jedes Jahr kostenlos 340 Millionen Kondome verteilt.

Aber auch das Ausmass der Epidemie ist in Südafrika riesig: Die Zahl der HIV-Infizierten wird, bei einer Bevölkerung von 47 Millionen, auf rund 5,5 Millionen geschätzt. In der Altersgruppe zwischen 18 und 49 Jahren ist ein Fünftel betroffen. TAC spricht von 1000 Neuinfektionen und rund 800 Toten pro Tag. Und die ambivalente, von prominenten amerikanischen Aids-Dissidenten beeinflusste, Haltung der Regierung, welche die Wirksamkeit der von ihr abgegebenen antiretroviralen Medikamente in Frage stellt und gleichzeitig wissenschaftlich nicht nachweisbare Alternativen anpreist, verwirrt die Öffentlichkeit und führt zu tragischen (Todes-)Fällen, wie dem von Nozipho Bhengu. Die 32-jährige Tochter einer prominenten ANC-Politikerin hatte ihre Medikamente abgesetzt, befolgte die Manto-Diät und bezeichnete sich selber als «wissenschaftlichen Beweis» für deren Wirksamkeit. Das Buch, das sie darüber schreiben wollte, ist nie fertig geworden.

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