Wissen

Weltneuheiten für die Hightech-Industrie

08. Juli 2008, 05:01

Mit dem Projekt für ein im Meer schwimmendes Solarkraftwerk hat das CSEM Aufsehen erregt. In der Deutschschweiz ist das Zentrum, das Auftragsforschung durchführt, aber kaum bekannt.

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Von Walter Jäggi

Kühn sehen die Pläne und Modelle aus: Künstliche Inseln voller Solarzellen schwimmen vor der Küste und versorgen das Land mit Strom. Das Projekt hat das Centre Suisse d'Electronique et de Microtechnique, kurz CSEM, auf der ganzen Welt in die Medien gebracht. Doch hierzulande fragt man sich: Wer oder was ist denn dieses CSEM?

«Es ist leider so, dass das CSEM beim Publikum in der Deutschschweiz kaum bekannt ist. In der Westschweiz und in der Fachwelt kennt man uns», sagt Thomas Hinderling, Generaldirektor des Centre, das nicht einmal einen deutschen Namen hat. Berühmt ist allerdings der Präsident des Verwaltungsrates: Claude Nicollier, im Hauptberuf Astronaut.

Das in der Deutschschweizer Öffentlichkeit so wenig beachtete CSEM ist ein heimliches Innovationsschwergewicht, das für die Industrie grosse Bedeutung hat. Das Forschungs- und Entwicklungszentrum beschäftigt gegenwärtig 350 Leute und wächst schnell. Der Hauptsitz ist in Neuenburg, weitere Labors gibt es in Zürich, Basel, Landquart und Alpnach.

Der Standort Neuenburg legt die Vermutung nahe, dass das CSEM mit der Uhrenindustrie zu tun habe. Es ist tatsächlich hervorgegangen aus einem Forschungsinstitut, das die Uhrenfirmen während ihrer Krise der 70er-Jahre als Gemeinschaftswerk gegründet hatten, um technisch wieder an die Weltspitze zu kommen. Als dies durch verschiedene wichtige Entwicklungen gelungen war, gingen die einzelnen Unternehmen wieder ihre eigenen Wege und pflegten ihre Markenpolitik. Das Institut mit seinen Fachleuten und dem wertvollen Wissen in Elektronik, Nano- und Mikrotechnik sollte aber nicht verlorengehen, es wurde 1984 zum Centre Suisse d'Electronique et de Microtechnique.

Das CSEM ist ein Privatunternehmen, es gehört zu zwei Dritteln einem breiten Kreis von Industriefirmen und zu einem Drittel der öffentlichen Hand. Sein Geschäft ist die Auftragsforschung auf kommerzieller Basis. Die Uhrenindustrie gehört immer noch zu den grossen Kunden, aber Elektronik und Mikrotechnik sind inzwischen branchenübergreifende Schlüsseltechniken geworden. Das Knowhow ist jetzt auch beispielsweise in der Weltraum- oder Medizintechnik gefragt.

Geforscht wird auch an den Hochschulen und bei der Industrie, wozu braucht es da das CSEM? Thomas Hinderling erklärt: «Es ist immer noch so, dass an den Hochschulen Grundlagenforschung betrieben wird und bei der Industrie Produktentwicklung.» Dazwischen gebe es eine Lücke, die immer grösser werde, je komplexer die Themen bei der Forschung und bei der Entwicklung seien. «Wir überbrücken genau diese Lücke, indem wir Erkenntnisse der Grundlagenforschung so aufarbeiten, dass sie für die Industrie anwendbar sind. Dabei können wir interdisziplinäre Teams einsetzen, die über alle Branchengrenzen hinweg arbeiten», so Hinderling.

Das CSEM arbeite im Auftrag von Firmen, die ein spezielles technisches Problem hätten, das sie nicht selber lösen könnten, sagt Hinderling. Auch prominente Konzerne wie Logitech, IBM, Ciba, Swatch, Bosch, Philips oder Sonova wenden sich mit kniffligen Aufträgen gern an die Ingenieure des CSEM. Dieses seinerseits ist mit Hochschulen und privaten Forschungsorganisationen wie etwa der deutschen Fraunhofer-Gesellschaft vernetzt.

Keine Lorbeeren, kein Ruhm

Wissenschaftliche Lorbeeren sind für die im Hintergrund arbeitenden Ingenieure ebenso wenig zu holen wie Ruhm auf dem Markt. Der Beitrag des CSEM an einem Produkt bleibt Aussenstehenden meistens verborgen, in der Regel gehört das zu den Vertragsbedingungen. Die Uhrenhersteller können Markenuhren vorstellen, die technische Weltneuheiten enthalten, welche vom CSEM entwickelt worden sind. Im Hightechbereich, etwa bei der Raumfahrt, braucht es viele spezialisierte Zulieferer, von denen wiederum manche auf das CSEM zurückgreifen.

Prototyp bekommt der Partner

Durch die direkte Abhängigkeit von den Aufträgen sind die Forscher am CSEM gezwungen, immer auch das Geschäft im Auge zu behalten. Jeder Auftrag muss finanziert werden, wobei die Gruppen als Business-Units selber dafür sorgen müssen, als wären sie kleine Unternehmer. Billig ist es übrigens nicht, sich von CSEM-Experten etwas erfinden zu lassen. «Doktoranden oder Diplomanden an einer Hochschule arbeiten sicher günstiger», gibt Hinderling zu. Der Vorteil des CSEM sei, dass hier Leute mit Industrieerfahrung tätig seien. Leute auch, die nicht plötzlich nach Studienabschluss abwandern.

Am CSEM selber wird nicht produziert. Wenn ein Prototyp funktioniert, ist die Aufgabe erledigt, dann kommt der Industriepartner zum Zug. Die Kombination von aktueller wissenschaftlich-technischer und kommerzieller Arbeit prädestiniert nicht wenige CSEM-Mitarbeiter dazu, ein eigenes Unternehmen auf die Beine zu stellen. Für Thomas Hinderling hat das zwei Seiten: «Natürlich verlieren wir gute Leute, andrerseits fördern wir ganz bewusst Neugründungen von Hightechfirmen.» Mit grossem Erfolg: In den letzten 12 Jahren sind mit Rückendeckung des CSEM 26 Unternehmen gegründet worden - nur eines davon ist gescheitert, die andern sind zum Teil zu blühenden Betrieben geworden, insgesamt wurden 500 anspruchsvolle Arbeitsplätze geschaffen.

Ein spezielles Tochterunternehmen hilft bei der Kapitalbeschaffung für die Neugründungen. Aber der Aufbau eines Unternehmens bleibt Knochenarbeit. Fachliche Spitzenleistungen und brillante Produktideen allein genügen nicht – wie schon so mancher Amateur-Erfinder schmerzlich erfahren musste. Für eine Neugründung braucht es professionelle Businesspläne, Kundenkontakte, Personalführung und anderes mehr.

Gleicher Lohn für Männer und Frauen

Beim CSEM gelten einige Spielregeln, die das Unternehmen von anderen unterscheidet. So lautet der Grundsatz für die Start-ups, der sich laut Hinderling sehr bewährt hat: Wer sich einmal selbstständig gemacht hat, kommt nicht mehr zurück! Ein anderes Prinzip: Das CSEM arbeitet nicht an allen Produkten, Aufträge zum Beispiel für Militärtechnik lehnt es ab. Und schliesslich sind beim CSEM Männer und Frauen lohnmässig absolut gleichgestellt. Das CSEM ist dafür vor einigen Monaten als erstes Unternehmen überhaupt mit dem Label «Equal Salary» ausgezeichnet worden. Dieses Gütesiegel ist an der Universität Genf entwickelt worden.

Vom CSEM entwickelte Produkte

Inseln als Kraftwerke
Das spektakulärste Projekt des Centre Suisse d'Electronique et Microtechnique (CSME) sind derzeit die schwimmenden photovoltaischen oder thermosolaren Kraftwerke, die für Ras al-Khaimah, eines der Vereinigten Arabischen Emirate, entwickelt werden. Die CSEM-Tochterfirma Nolaris ist dabei, einen Prototypen – vorläufig in einem grossen Bassin – zu bauen. Ziel ist es, vor der Küste des Emirats auf mehreren mit Solaranlagen bestückten Inseln Strom für das Land zu produzieren. Bewährt sich diese Technik, könnte sie an vielen Küsten angewandt werden.

Intelligente Textilien
Das CSEM forscht auch auf dem Gebiet der Medizintechnik. Es ist am europäischen Projekt Biotex beteiligt, das zum Ziel hat, Sensoren in Textilien einzubauen. Zum Beispiel liesse sich so die Wundheilung unter einem Verband überwachen und Alarm auslösen, wenn eine Infektion droht. Für die im Jahr 2030 geplanten Mars-Expeditionen, aber auch für spezielle Einsätze auf der Erde werden T-Shirts mit Sensoren entwickelt, die die wichtigen Körperfunktionen überwachen. Sie werden bereits in der antarktischen Forschungsstation Concordia erprobt.

Uhren für Satelliten
Bereits im Weltall im Testbetrieb sind die hochpräzisen Atomuhren der neuen Galileo-Navigationssatelliten. Das Knowhow stammt aus dem früheren Observatorium Neuenburg, das ins CSEM integriert wurde. Für Produktion und Vermarktung ist die Spin-off-Firma Spectra-Time verantwortlich. Am CSEM wird bereits an neuen Systemen gearbeitet, wobei die Physiker und Ingenieure mit Raumfahrtunternehmen wie Thales oder Contraves Space zusammenarbeiten. Ziel sind hochgenaue Uhren, die in den Satelliten möglichst wenig Platz und Energie beanspruchen.

Messbare Fitness
Zur leichten Überwachung der körperlichen Aktivität hat das CSEM ein kleines Gerät entwickelt, das zum Beispiel Sportler auf sich tragen können oder auch Übergewichtige. Stunde für Stunde zeichnet es auf, wie viel Bewegung der Betreffende absolviert hat. Ist das Ziel des Tages erreicht, erscheint auf dem Bildschirm ein lachendes Gesicht, ein Smiley. Wenns exakt zugehen muss, können die erfassten Daten auf einen PC überspielt und genau analysiert werden.

www.csem.ch

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