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Wir sind überführt: Der Mensch ist der Hauptschuldige

03. Februar 2007, 21:35

Der vierte IPCC-Bericht zeigt, dass die weltweit beobachteten Klimaveränderungen nicht mit natürlichen Schwankungen zu erklären sind.

Von Martin Läubli, Paris

Wer gestern zu spät zur Pressekonferenz im Unesco-Konferenzzentrum in Paris erschien, musste mit den schlechtesten Plätzen hinter einer breiten Front von Kameras und Kameraleuten vorlieb nehmen. Hunderte Journalisten wollten im engen Saal offiziell aus dem Munde der Vorsitzenden des Uno-Klimawissenschaftsrates IPCC hören, was bereits in den letzten Tagen durchgesickert war: Der Mensch ist überführt. Er ist der Hauptschuldige an der globalen Klimaerwärmung.

«Keine Frage, der Mensch hat den CO2-Anstieg seit Mitte des 18. Jahrhunderts zu verantworten», sagte Susan Solomon, Vizevorsitzende des IPCC. Seit Anfang Woche bereinigten die führenden Klimaexperten und Delegierten der Mitgliedsstaaten des IPCC die 20-seitige Zusammenfassung des rund 800 Seiten starken Klimazustandsreports an die politischen Entscheidungsträger.

In flottem Tempo präsentierte Solomon das Endprodukt, die wichtigsten Resultate der Forschungsarbeit der Arbeitsgruppe I, die sechs Jahre lang die wissenschaftlichen Erkenntnisse weltweit führender Klimaforscher zusammentrug. Der IPCC-Vorsitzende, der Inder Rajendra Pachauri, beschrieb es so: «Der Bericht dokumentiert, dass etwas geschieht, was in den letzten 650 000 Jahren noch nie passiert ist.»

Warmes Meerwasser dehnt sich aus

Die Erde hat sich in den letzten 100 Jahren durchschnittlich um etwa 0,8 Grad erwärmt. 10 der letzten 11 Jahre waren die wärmsten seit 1850. Die Niederschläge haben in den letzten 100 Jahren vor allem im Osten Nord- und Südamerikas, in Nordeuropa und Zentralasien zugenommen.

Neue Daten von Bojen und Satelliten zeigen, dass mit grosser Gewissheit die Eisschmelze in Grönland und der Antarktis zum Anstieg des Meeresspiegels von etwa 3 Millimeter pro Jahr zwischen 1993 und 2003 beigetragen hat. In der Arktis ist es in den letzten 100 Jahren zweimal wärmer geworden als der globale Durchschnitt. Warmes Meereswasser dehnt sich aus, und so trägt die globale Erwärmung ebenfalls wesentlich zur Erhöhung des Meeresspiegels bei. Denn die Ozeane speichern einen grossen Teil der zusätzlichen Energie im Klimasystem. «Das sind deutliche Indizien, dass sich die Welt erwärmt», sagte IPCC-Vize Susan Solomon.

Kohlendioxid CO2 hält wärmende Sonnenstrahlung zurück und bringt so die natürliche Energiebilanz der Erde aus dem Gleichgewicht. Das ist wissenschaftlich unbestritten. Deshalb ist für die IPCC-Wissenschaftler klar, dass die Klimaerwärmung keine Laune der Natur ist: Seit 150 Jahren entlassen Autos, Heizungen, Fabriken und Kraftwerke CO2 durch die Verbrennung von Erdöl, Kohle und Erdgas in die Luft. Methan und Lachgas aus der Landwirtschaft sind auch beteiligt.

Die Gewissheit einer ungewöhnlichen Entwicklung nimmt der IPCC unter anderem aus rekonstruierten Daten aus Eisbohrkernen und modernen Messungen. Die aktuelle Treibhausgaskonzentration übersteigt jegliche natürlichen Werte, die Klimaforscher in einem antarktischen Eisbohrkern fanden, der Auskunft über die chemische Zusammensetzung der Atmosphäre der letzten 650 000 Jahre gibt. «Der Einfluss von CO2 auf die globale Erwärmung ist in den letzten zehn Jahren um ein Fünftel gestiegen – so stark wie nie zuvor in den letzten 200 Jahren», heisst es im IPCC-Bericht.

Natürliche Schwankungen, wie sie in einem chaotischen System üblich sind, schliesst der IPCC als dominierenden Klimafaktor aus. Entgegen der Meinung einzelner Wissenschaftler weist der Bericht der Sonne nur eine Statistenrolle zu, die im Vergleich zum dritten Bericht kleiner geworden ist. Ein Indiz dafür, dass man der Sonne vielleicht doch mehr zutraut, ist die Reaktion der Chinesen. Den Passus, CO2 habe fünfmal mehr Einfluss auf die Erwärmung als die Sonne, wollten die Delegierten gestrichen haben. «Wir hätten sogar eine grössere Zahl angeben können», sagt der Berner Klimaforscher Thomas Stocker. Tatsache ist: Die Sonnenstrahlung hat in den letzten 25 Jahren nicht zugenommen. In einer Zeit also, in der die stärkste Erwärmung feststellbar war.

Gegenüber dem letzten Bericht vor sechs Jahren fällt auf: Verbesserte Klimamodelle lassen regionale Aussagen zu. Zwar sind die Unsicherheiten gross, weil die Datenlage vielerorts, vor allem in den Tropenregionen und in Afrika, schmal ist. Trotzdem wagt Susan Solomon zu sagen: «Es ist wahrscheinlich, dass der Mensch auch auf den einzelnen Kontinenten auf die Erwärmung Einfluss hat.»

Verschiedene Szenarien

Mit Hilfe von Szenarien, die von einer umweltfreundlichen bis zu einer wachstumsorientierten Gesellschaft ausgehen, blicken die Klimaforscher in die Zukunft. Im letzten Bericht fasste der IPCC die Ergebnisse der auf Szenarien basierten Klimamodelle in eine allgemeine Erwärmungsformel von 1,4 bis 5,8 Grad für die nächsten 100 Jahre zusammen. Diesmal legen die Forscher Wert darauf, dass die Zukunftsprojektionen anhand des entsprechenden Szenarios interpretiert werden. Selbst wenn wir, so das günstigste Szenario, in den nächsten Jahrzehnten nach nachhaltigen Grundsätzen leben, rechnen die Klimaforscher mit einer Erwärmung von 1,8 Grad. Das Klimasystem ist träge. Auch wenn wir heute die CO2-Emissionen stabilisierten, der Erwärmungstrend, so schätzen die Forscher, würde für einige Jahre weitergehen.

Im schlimmsten Szenario, bei dem weiterhin Erdöl, Gas und Kohle die Hauptenergiequellen sind, steigt die globale Temperatur in 100 Jahren auf 4 Grad an. Diese Verhältnisse herrschten, so zeigen Daten aus Eisbohrkernen, vor 125 000 Jahre während der letzten Zwischeneiszeit. Der Meeresspiegel stieg vermutlich um 4 bis 6 Meter, weil das Polareis massiv geschmolzen war. «Der Bericht ist kein politisches Dokument, aber mit politischer Tragweite», schloss IPCC-Präsident Rajendra Pachauri die Medienkonferenz.

www.ipcc.ch

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