Knallrote Früchte mit üblem Beigeschmack
10. März 2007, 22:38Erdbeeren aus Spanien werden jetzt schon überall verkauft. Nun schlagen Umweltschützer Alarm, weil viele Bauern dafür illegal Wälder abholzen und Grundwasser abpumpen.
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Javier Serrano hat einen schwierigen Job. Erneut hat er mitten in einem der Waldflächen der Gemeinde Lucena del Puerto unter den hoch gewachsenen Pinien mit ihren majestätisch wirkenden Kronen einen illegalen Brunnen entdeckt. Er nimmt einen Kieselstein vom Boden, wirft ihn ins Erdloch und beginnt laut zu zählen. Nach drei Sekunden macht es plopp.
«Der Grundwasserspiegel ist hier mittlerweile schon bei dreissig Metern angelangt», beklagt sich der Wasserkommissar des Guadalquivir-Beckens. Vor rund zehn Jahren hätte der Pegel in der Gegend noch bei sieben Metern gelegen. Es sei zum Verzweifeln, weil immer mehr Bauern ohne Genehmigung Grundwasser anzapfen würden, um ihre riesigen Erdbeerplantagen zu bewässern.
Der adrett mit Anzug gekleidete Spanier Serrano hat genug von den Wildwest-Methoden in der Region von Huelva und geht als Erster konsequent dagegen an. Im vergangenen Jahr hat er bereits 20 von 10 000 illegalen Brunnen dicht machen lassen. «Ein Tropfen auf einen heissen Stein könnte man meinen», sagt Guido Schmidt vom spanischen WWF, der sich das nachhaltige Wassermanagement im Süden Spaniens auf die Fahne geschrieben hat. Doch es sei endlich ein erster Schritt in die richtige Richtung.
Denn rund um die landwirtschaftlich genutzten Felder liegt der Nationalpark Doñana, der eines der wichtigsten Feuchtgebiete Europas und ein Rastplatz für Millionen von Zugvögeln darstellt. «Wenn die Bauern hier nicht umdenken, sondern so weitermachen wie bisher», sagt Serrano, «ist die Landschaft mit ihrer einzigartigen Fauna und Flora zunehmend gefährdet. Und einige Gebiete drohen auszutrocknen und zu versteppen.»
Ohne Genehmigung Wälder roden
Die Folgen des ungezügelten Wasserverbrauchs durch den rund 6000 Hektar grossen Erdbeeranbau in der Region um Huelva sind frappant und jetzt schon spürbar. So sinkt Jahr für Jahr der Grundwasserspiegel, und der Fluss La Rocina, einer der wichtigsten Wasserzubringer in den Nationalpark, führt im Durchschnitt nur halb so viel Wasser wie noch vor dreissig Jahren. Doch damit nicht genug: Ein Drittel der Bauern hat für ihre mehrere Hektar grossen Plantagen ehemalige Pinienwälder einfach illegal gerodet oder schlichtweg abgebrannt. Ein ökologisches Desaster, ärgert sich Guido Schmidt. Die Situation sei völlig ausser Kontrolle geraten – zum Schaden für die Umwelt.
Für die wirtschaftlich arme Region sind die Erdbeeren dagegen ein Segen und bringen Geld. Weil dort die Früchte dank der schützenden Plastiktunnel und dem milden Klima bereits in den Wintermonaten reifen, ist Andalusien das grösste Anbaugebiet Spaniens. Und die zumeist aus Polen und Rumänien stammenden Saisonniers pflücken rund um den Nationalpark ab Anfang Februar bis Ende Juli insgesamt rund 200 000 Tonnen Erdbeeren, die Hälfte davon für den Export. Nach Deutschland, Frankreich, England, Italien, Belgien, Holland und auch in die Supermärkte der Schweiz.
Um einerseits den Bauern nicht das Wasser vollständig abzugraben, aber dennoch das wichtige Lebenselixier nicht im Untergrund versiegen zu lassen, geht der WWF in Andalusien nun seinen eigenen Weg. Er hat beispielsweise Migros und Coop darauf aufmerksam gemacht, dass sie in Zukunft nur legal produzierte Erdbeeren kaufen sollten, die effizient bewässert werden und entschieden weniger negative Auswirkungen auf den Nationalpark Doñana haben.
Überwachte Erdbeeren
Zudem will der Umweltverband auch direkt im Feld etwas tun und hat etwa mit dem Produzenten José Cacéres, der vorbildlich seine 30 Hektar Land legal gepachtet sowie auch seine Brunnen ordnungsgemäss gebohrt hat, ein Pilotprojekt zum sparsamen Einsatz von Wasser gestartet. Ziel ist es, anhand eines ausgetüftelten Sensorsystems, das im Plastiktunnel die Luftfeuchtigkeit und im Boden den Wassergehalt misst, bis zu einem Viertel des Verbrauchs zu senken.
Mit Hilfe der Hightech-Überwachung sollen aber auch 10 bis 15 Prozent weniger Dünger eingesetzt werden, indem die Bodenqualität besser überprüft wird und letztlich nicht so viel Chemie verwendet wird. Doch warum ein solcher Aufwand? Warum nicht gleich mit Bio-Bauern zusammenarbeiten? Der Grund: In Spanien baut kaum jemand biologisch an. Bio macht insgesamt nur ein Prozent aus. Deshalb will der WWF vor allem auch beim konventionellen Anbau etwas bewirken und dort unter anderem den Einsatz von Pestiziden reduzieren.
Ein schwieriges Unterfangen, das viel Aufklärungs- und vor allem Überzeugungsarbeit braucht. Denn immer noch ist in Spanien im Gegensatz zur Schweiz oder Deutschland für die Desinfektion des Bodens die ozonschichtschädigende Substanz Methylbromid erlaubt. Die Chemikalie tötet Pilzsporen im Boden ab, die insbesondere bei Monokulturen schneller entstehen. Aber auch andere Krankheitserreger wie Milben können sich in grossen Plantagen besser ausbreiten. «Wir kontrollieren deshalb immer die Blattunterseite, um rechtzeitig reagieren zu können», sagt José Cacéres, der seine eigenen Erdbeeren am liebsten mit Kondensmilch verspeist.
Viel zu viel Plastikmüll
In der Region werden aber nicht nur die leckeren Früchte der spanischen Sorte Freson im grossen Stil produziert, sondern auch jede Menge Müll. In der gesamten Region häufen sich jedes Jahr 4500 Tonnen Plastik an, der durch die vielen Tunnels für den verfrühten, saisonverschobenen Anbau anfällt. «Auch dies ist ein grosses Problem», betont Guido Schmidt. «Es muss noch mehr rezykliert werden. Trotz aller Massnahmen der andalusischen Regierung zur Wiederverwertung des Materials werfen einige weiterhin das Plastik einfach irgendwo in die Landschaft.»
Die unzähligen Tunnels haben aus der ansonsten so faszinierenden Landschaft Andalusiens geradezu eine Plastikwüste gemacht, die aus der Ferne wie eine konservierte, sterile Welt aussieht. Dennoch tummelt sich hier und dort eine Biene um die Blüten, um diese nach guter alter Art zu bestäuben. Und manchmal hat es auch ein paar Vögel, die der Verlockung der duftenden Beeren nicht widerstehen können. Zum Leidwesen des Besitzers, dem jede Frucht offenbar wertvoll ist. Deshalb hat sich José Cacéres auch diesmal etwas einfallen lassen. Von weitem hört man in regelmässigen Abständen ein ungewöhnliches Hupkonzert.%perl>
Spanische Erdbeeren in der Schweiz
Schon jetzt bieten die Schweizer Detailhändler Erdbeeren an. Während bei Coop zwischen Januar und Mitte April in der Regel 100 Prozent der Erdbeeren, die sie aus Spanien beziehen, aus der Region Huelva stammen, ist es bei der Migros nur ein Produzent, der aus dieser Gegend die Früchte liefert. Wie viel dies jedoch ausmacht, kann die Migros momentan nicht sagen.
Dennoch geben beide Schweizer Grossverteiler an, dass sie sich der Problematik der illegalen Erdbeerplantagen in Spanien bewusst sind und diesbezüglich seit kurzem mit dem WWF in engem Kontakt stehen. Mit Erfolg: Coop möchte im Rahmen eines Projekts zur Verbesserung der sozialen Bedingungen nun auch die Aspekte der «Wasser- und Landnutzung» integrieren. Und die Migros gibt an, dass der betroffene Produzent jetzt ebenfalls mit dem WWF kooperiert und die Richtlinien einhält. (bry)

