Die nördlichsten wilden Hanfpalmen wachsen im Tessin
19. Juli 2007, 05:00Die Hanfpalme vermehrt sich dank milden Wintern seit mehr als dreissig Jahren in den Wäldern des Tessins.
Kaum eine andere Pflanze vermag Gedanken an südliche Gefilde so gut zu wecken wie die Palme. In der Sonnenstube Tessin gehört die Hanfpalme inzwischen zum vertrauten Bild. Und zwar nicht mehr nur in Parks und Gärten, sondern seit mindestens drei Jahrzehnten auch in den Wäldern. Dank milder Winter kann sie sich dort ungestört ausbreiten und etablieren. Seit einigen Jahren überwintert die Hanfpalme ungeschützt auch in immer mehr Gärten der Alpennordseite.
Die Hanfpalme ist nicht die einzige immergrüne Pflanze, der das gelingt. Auch der Kampferbaum oder die Ölweide sind immer häufiger in Tessiner Wäldern anzutreffen. Über ein Dutzend solcher immergrüner Pflanzen haben sich eine feste Nische in der Südschweizer Flora erobert. Den Immergrünen behagt das Klima zusehends.
Eine internationale Forschergruppe um den derzeit an der Universität Bayreuth tätigen Bündner Pflanzenökologen Gian-Reto Walther hat im Rahmen eines europäischen Forschungsprojektes belegen können, dass die aus Südostasien stammende Palmenart Trachycarpus fortunei (Hanfpalme) zu den vom Klimawandel besonders begünstigten Pflanzen gehört. Walther und sein Team haben nachgewiesen, dass T. fortunei zur weltweit nördlichsten wild wachsenden Palmenart gehört. Dies konnte durch Feldarbeiten in Europa sowie umfassende internationale Literaturvergleiche gezeigt werden. Als Glücksfall erwiesen sich zuverlässige Datensätze aus China, die ein Wissenschaftler der Universität Peking zur Studie beigesteuert hat. Damit konnten die limitierenden Klimabedingungen dieser Palmenart im Heimatgebiet China definiert werden. Der Vergleich mit langjährigen Klimamessreihen des Tessins zeigte, dass dort seit den letzten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts ähnliche klimatische Verhältnisse vorherrschen.
Zeuge globaler Klimaerwärmung
Walthers Forschergruppe konnte auch mögliche weitere Standorte auf dem europäischen Kontinent definieren, wo in nächster Zeit mit häufigerem Auftreten von T. fortunei zu rechnen ist, beziehungsweise schon erste Anzeichen der Palmenverjüngung zu sehen sind. Bereits heute übersteht die Hanfpalme die Winterzeit nördlich der Alpen ungeschützt in Gärten des Schweizer Mittellands, in Süddeutschland und auch an Englands Südküste. Hier zeigen adulte Exemplare in Parks sogar Blüten- und Fruchtstände, und mancherorts finden sich unter den Palmen bereits auch Sämlinge.
Die Verjüngung von Hanfpalmen in Gärten ist jetzt also auch nördlich der Alpen möglich - im Tessin wurde sie bereits 1920 als Frühstadium beobachtet. Die Erkenntnisse aus der Südschweiz liefern laut Walther eine wertvolle Datengrundlage für mögliche zukünftig zu erwartende Vegetationsveränderungen, welche in anderen Teilen Europas auf Grund des Klimawandels zu erwarten sind. Auch könne jetzt über Kontinente hinweg der laufende Klimawandel an ein und derselben Pflanzenart beobachtet werden. Walther: «Die Palme wird damit zum Indikator und Zeugen der globalen Klimaerwärmung.»
Die immergrüne (laurophylle) Hanfpalme wurde im frühen 19. Jahrhundert als Zierpflanze in Norditalien und dem Tessin eingeführt. Es gelang der Palme wegen langer Frostperioden aber nie, sich ausserhalb der Gärten, in Konkurrenz zu den einheimischen Arten, anzusiedeln. In den 1970er-Jahren konnte die Auswilderung in umliegende Wälder erstmals dokumentiert werden.
Gian-Reto Walther selber verfolgt als Feldforscher den Vormarsch der Hanfpalme seit Mitte der 90er-Jahre; er hat dazu am Geobotanischen Institut der ETH Zürich auch eine Dissertation vorgelegt. Darin konnte er aufzeigen, dass veränderte Umweltfaktoren, vor allem die lauen Winter der vergangenen Jahrzehnte mit wenigen Frosttagen, längere Wachstumsperioden begünstigt und so das Auswildern von Hanfpalmen und anderen immergrünen Laubholzarten aus Ziergärten in die Täler und Wälder des Tessins bis in Höhen von ca. 650 Meter ü. M. ermöglicht haben.
Die Hanfpalme hat sich mittlerweile einen Platz in der Tessiner Pflanzenwelt erobert. Das Verdrängungspotenzial eingeführter Arten wie der Hanfpalme schätzt Walther als gering ein. Das wärmere Klima begünstige zwar eine Verschiebung der Artenzusammensetzung. «Einheimische Pflanzen müssen sich aber im veränderten Klima genauso anpassen wie es die Laurophyllen tun.» Die Hanfpalme bilde neue Gemeinschaften mit der Stechpalme oder dem Echten Lorbeer.
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