Geht uns das Erdöl viel schneller aus als erwartet?

09. November 2007, 05:00

Eine neue Studie prognostiziert, dass das Maximum der Förderrate bereits erreicht ist. Die nächste Energiekrise sei damit lanciert.

Ölförderung in der Wüstengegend um Sakhir in Bahrain.
Ölförderung in der Wüstengegend um Sakhir in Bahrain.
Von Martin Läubli

Prognosen über unsere Erdölvorräte sind in den letzten Jahren zu einem Ritual geworden. Die Experten versuchen Jahr für Jahr von neuem, den Zeitpunkt zu schätzen, wann die Vorräte erschöpft sein werden. Das Lager der Auguren ist gespalten: Hier die Optimisten der Internationalen Energieagentur (IEA), die genügend Ölreserven ausmachen, um den grossen, weltweiten Hunger nach Energie in den nächsten 25 Jahren zu stillen. Dort prominente Geologen wie der Brite Colin Campell, der davor warnt, dass die Rate der Erdölproduktion bereits in wenigen Jahren sinken wird.

Nun gibt es neuerdings eine dritte Gruppe: die extremen Pessimisten. Experten der angesehenen Beratungsfirma Ludwig-Bölkow-Systemtechnik im deutschen Ottobrunn schätzen in einem neuen Bericht an die Energy Watch Group, das Fördermaximum, der Peak der Erdölproduktion, sei bereits im letzten Jahr erreicht worden. So früh wurde der Zeitpunkt noch nie angesetzt.

Wenn ein Ölfeld den Peak erreicht, hat der Druck der Lagerstätte so weit nachgelassen, dass die Förderrate kontinuierlich zurückgeht. Die Autoren der neuen Studie glauben, dass dies nun für die meisten Erdölstaaten der Fall ist – und zwar jährlich um drei Prozent. Konkret heisst das: Die Erdölproduzenten sind nicht mehr in der Lage, die sinkende Förderrate mit neu entdeckten Ölfeldern zu kompensieren.

Die Autoren machen diese Einschätzung in erster Linie anhand von den Produktionsdaten der Erdölproduzenten, die es allerdings nicht immer so genau nehmen bei der Bilanzierung ihrer Fördermengen. Informationen über die Reserven haben die Wissenschaftler bewusst nur zweitrangig behandelt. Im Gegensatz zu den Modellrechnungen der Internationalen Energieagentur. Diese Daten seien schwer zu überprüfen, schreiben sie. Denn die Opec-Länder, so die Meinung vieler Experten, halten die Reservedaten offiziell hoch, weil diese über die festgelegten Produktionsquoten entscheiden. Alle Opec-Staaten hätten ihre Reservedaten angehoben, obwohl von keinen neuen Entdeckungen berichtet wurde, heisst es im Bericht.

Für die Autoren der Studie gibt es keinen Zweifel: Die Produktion in alle Erdölstaaten ausserhalb der ehemaligen Sowjetunion und der Opec-Region ist bis zum Jahr 2000 angestiegen, seither allerdings sinkt die Rate. Der Peak sei abgesehen von wenigen Ländern wie Brasilien und Angola erreicht.

Weniger Neuentdeckungen

Die grössten Erdölfelder wurden vor mehr als 50 Jahren entdeckt. Seit den 1960er-Jahren geht weltweit die Zahl neuer Ölfelder zurück. Und werden immer kleiner: Neuentdeckungen der letzten fünf Jahre lieferten im Durchschnitt über zwanzigmal weniger Öl als jene Felder, die in den 1960er-Jahren erschlossen wurden.

Die Erdölproduzenten gehen stets nach einem bestimmten Muster vor. Erst werden die grossen Felder gefördert, was grosse Einnahmen bringt. Ist der Peak einmal erreicht, versuchen sie das Fördermaximum mit Hilfe neuer, kleinerer Felder aufrechtzuhalten. Irgendwann sinkt die Förderrate dann, weil die Industrie nicht mehr schnell genug kleinere Felder anzapfen kann. In den USA – ohne Alaska – wurde das Maximum an Neuentdeckungen 1932 erreicht, 40 Jahre später das Fördermaximum in der Ölproduktion. 1974 ging die Zahl der neu entdeckten Ölfelder in Grossbritannien zurück, 25 Jahre später die Ölproduktion. Der Peak in der Nordsee wurde im Jahre 2000 erreicht. Die weltweite Ölproduktion auf dem Land geht seit den 1990er-Jahren zurück. Der Abwärtstrend konnte durch den Bau von Offshore-Anlagen gebremst werden. Die Autoren der neuen Studie sind jedoch pessimistisch, dass in Zukunft die Offshore-Erdölproduktion und die Förderung in der Tiefsee Erfolg haben wird. «Shell zum Beispiel gibt viel Geld für Förderung und Exploration aus, trotzdem ist die Produktion zurückgegangen», sagt Mitautor Werner Zittel vom Beratungsunternehmen Ludwig-Bölkow-Systemtechnik.

Überhaupt sei auffällig, dass die grossen internationalen Erdölunternehmen ihre Erdölproduktion in den letzten zehn Jahren nicht gesteigert hätten. Und das, obwohl der Erdölpreis angestiegen ist. Die Mehreinnahmen machten Investitionen für die Erdölförderung in Regionen möglich, die bisher als nicht profitabel taxiert wurden. Zum Beispiel in Ölsanden. Die grössten Vorkommen sind in Kanada und Venezuela. Das Öl muss dort aufwändig aus dem Sand und Lehm extrahiert werden. «Ich sehe bisher keine Signale, dass diese Förderung erfolgreich ist», sagt Werner Zittel.

Grosse Unsicherheit

Auch wenn einiges dafür spricht, dass der Peak bereits erreicht ist. Eine grosse Unsicherheit bleibt: die Erdölstaaten im Mittleren Osten, namentlich Saudiarabien. Das Königreich entscheidet letztlich, wann das weltweite Fördermaximum tatsächlich eintritt. Saudiarabien hat zwar die Produktion seit 2005 gedrosselt. «Die Frage ist aber, ob das Königreich die Produktion freiwillig gesenkt hat oder aus geologischen Gründen», sagt Zittel. Für ihn gibt es Indizien, dass die Tage des weltweit grössten Erdölfeldes Ghawar gezählt sind. Dabei setzt Zittel aber weniger auf Zahlen als vielmehr auf ein Zitat von König Abdullah von Saudiarabien. «Der Ölboom ist vorbei und wird nicht zurückkehren.»

Wann auch immer das globale Fördermaximum letztlich eintreffen wird. Tatsache ist: Seit Anfang der 90er-Jahre verbrauchen wir mehr Erdöl als wir neu entdecken. Würden wir davon ausgehen, dass die Prognosen der neuen Studie eintreffen, dann müsste sich das Erdölangebot in den nächsten zwanzig Jahre dramatisch senken. «Ich befürchte, der massive Anstieg des Erdölpreises hat mit dieser Entwicklung zu tun», sagt Werner Zittel.

www.energywatchgroup.org
www.iea.org
www.peakoil.net

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