Chinesen machen sich für die Umwelt stark
05. Januar 2008, 05:00NGOs und die breite Masse setzen sich immer erfolgreicher gegen Umweltverschmutzer zur Wehr.
Von Daniel Bächtold
In den vergangenen Jahrzehnten wuchs die chinesische Wirtschaft um beinahe 10 Prozent jährlich. Kein vergleichbares Land legte eine derart rasante Entwicklung vor. Eine zunehmend geschundene Umwelt ist der Preis, den China für seinen wirtschaftlichen Aufschwung bezahlt.
Inzwischen hat die Regierung in Peking das Problem erkannt und entsprechende Gesetze zum Schutz der natürlichen Ressourcen des Landes erlassen. In der Praxis erweisen sich diese aber immer wieder als zahnlose Papiertiger. Vor allem auch, weil der chinesischen Umweltschutzbehörde Sepa das Personal, die finanziellen Mittel und auch die politische Durchsetzungskraft fehlt, um Umweltverschmutzer effektiv zu verfolgen. Weniger als 300 Experten arbeiten für die Sepa, achtmal weniger als für ihr amerikanisches Pendant Epa.
Jared Diamond, Erfolgsautor und Geograf an der University of California in Los Angeles, und sein chinesischer Kollege Jianguo Liu legen in der aktuellen Ausgabe der Fachzeitschrift «Science» dar, wie den Umweltanliegen in China vermehrt Gehör verschafft werden könnte (Bd. 319, S. 37). Ihren Vorstellungen gemäss, sollte eine neu zu schaffende Behörde die Aktivitäten all jener Ministerien und Organisationen koordinieren und aufeinander abstimmen, die sich um die wirtschaftliche Entwicklung und den Schutz der Umwelt kümmern.
Konflikte zwischen den entsprechenden Akteuren könnten auf diese Weise entschärft werden, argumentieren die Autoren. Und weiter: «Der Umweltschutz sollte ein integraler Teil einer nachhaltigen wirtschaftlichen Entwicklung sein.»
Grünes Bruttoinlandprodukt
In Tat und Wahrheit aber kollidieren Umweltschutz und Wirtschaftswachstum noch immer auf den verschiedensten Ebenen. Im März 2004 beispielsweise entschied sich die chinesische Regierung dafür, die Belastung der Umwelt bei der Berechnung des Bruttoinlandprodukts (BIP) einfliessen zu lassen.
Das so genannte Grüne BIP wurde im November 2005 erstmals von der Sepa in Zusammenarbeit mit dem Nationalen Statistischen Amt (NSA) ausgewiesen. Obwohl die Kosten – 3 Prozent des BIP – für die Luft- und Wasserverschmutzung massiv unterschätzt wurden, wie Diamond und Liu schreiben, seien viele Regierungsvertreter über deren Ausmass schockiert gewesen.
Inzwischen liegt ein aufdatierter Bericht zum Grünen BIP vor. Das NSA stemmt sich aber gegen dessen Veröffentlichung. Offiziell, weil die dabei verwendete Methode ungenau sei. Inoffiziell aber, weil gewisse Regierungskreise vermeiden möchten, dass die finanziellen Folgen vergangener Umweltschäden an die grosse Glocke gehängt werden.
Trotz solcher Rückschläge mobilisiert die Sorge um die natürlichen Ressourcen immer mehr Chinesen – und zwar aus allen Bevölkerungsschichten. Wie es in einem neuen Bericht des amerikanischen Center for Strategic and International Studies (CSIS) heisst, kam es im Jahr 2005 im ganzen Land zu mehr als 50'000 Umweltschutz-Protesten, die Hälfte davon wegen Gewässerverschmutzung. Beispielsweise im April dieses Jahres in Huaxi, einem Dorf in der Provinz Zhejiang. 60'000 Bauern sollen sich dort mit der Polizei regelrechte Schlachten geliefert haben. Die Demonstranten verlangten die Schliessung von 13 Chemiefabriken, die die Gewässer der Umgebung bereits während Jahren verseucht haben.
Kampagnen per SMS
Die Umweltaktivisten bedienen sich zudem immer häufiger modernster Technologien. Im Mai 2007 sind innerhalb weniger Tage eine Million SMS an die Bewohner der Millionenstadt Xiamen verschickt worden, um gegen eine geplante Chemieanlage zu protestieren. Die Stadtregierung hat daraufhin den Bau der Fabrik gestoppt.
Die Umweltprobleme sind gigantisch – gerade was den Mangel an sauberem Wasser betrifft: In urbanen Gebieten sind 90 Prozent des Grundwassers verschmutzt, und 300 Millionen Chinesen auf dem Land haben kein sauberes Trinkwasser. Die Anwohner entlang grösserer Flüsse und Seen leiden häufiger unter Krebs und Spontanaborten.
Trotzdem, es geht in die richtige Richtung, wie der CSIS-Bericht andeutet: Die Menschen haben heute mehr Möglichkeiten, sich zur Wehr zu setzen.
Meistgelesen in der Rubrik Wissen
Internet auf dem Fernsehen: Der Trend geht klar in diese Richtung. Werden Sie sich einen Smart TV kaufen?
Ja, auf jeden Fall
Nein, interessiert mich nicht
Erst wenn die Geräte billiger geworden sind
Ich habe schon einen


Die Welt in Bildern














