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Roter Regen über Indien gibt noch immer Rätsel auf

15. März 2008, 05:00

Obwohl schlüssige Beweise fehlen, glauben Forscher, dass es im indischen Kerala ausserirdisches Leben regnete.

Zellen unbekannter Herkunft, die das Regenwasser im indischen Kerala während Tagen rot färbten.
Zellen unbekannter Herkunft, die das Regenwasser im indischen Kerala während Tagen rot färbten.

Von Daniel Bächtold

In den frühen Morgenstunden des 25. Juli 2001 riss ein gewaltiger Knall die südindische Stadt Changanacherry aus dem Schlaf. Die Explosion sei direkt über ihren Köpfen gewesen, berichteten verstörte Bewohner. Viele Menschen sahen auch einen hellen Lichtblitz. Drei Stunden später, um 8.30 Uhr, fiel roter Regen vom Himmel.

Roter Regen ging in den kommenden Tagen nicht nur in Changanacherry nieder. In verschiedenen Orten Keralas konnten die Menschen das seltsame Naturschauspiel beobachten. Zuweilen war das Regenwasser blutrot. Selten war es gelblich, milchig weiss oder gar schwarz.

Über die folgenden Tage und Wochen berichteten die Medien von insgesamt 124 Ereignissen dieser Art. Erst am 23. September 2001 war der Spuk vorbei. Obwohl sich Forscher in Indien, England und den USA mit dem Phänomen befassten und noch immer befassen, eine Erklärung dafür hat die Wissenschaft bis heute nicht.

Nur so viel steht fest: Es waren biologische Zellen, die dem Regenwasser die rötliche Farbe gaben. Nur, um welche Art von Zellen es sich dabei handelte und woher sie kamen, kann niemand mit letzter Sicherheit sagen.

Wobei es nur zwei mögliche Erklärungen gibt: Entweder gelangten die Zellen von der Erde aus in die Atmosphäre und wurden dann vom Regen ausgewaschen. Oder aber sie kamen aus dem Weltall und sind gewissermassen Ausserirdische.

Noch im Sommer 2001 untersuchte das Centre for Earth Science Studies im indischen Thiruvananthapuram zusammen mit Wissenschaftlern des lokalen Botanischen Gartens das verfärbte Regenwasser. Die Forscher kamen zum Schluss, dass es sich um Algen der Gattung Trentepohlia handelte. Diese Algen können mit Bakterien zusammen Flechten bilden und kommen in der Gegend häufig vor. «Die Algensporen im Regenwasser sind lokalen Ursprungs», heisst es im Bericht.

Obwohl es theoretisch möglich ist, dass Material vom Boden aus in die Höhe getragen wird, begegnen unbeteiligte Flechtenexperten dem Bericht mit Skepsis: Es sei nicht klar, wie diese Algen über Nacht das Regenwasser verfärben sollten.

Inzwischen wird der Bericht auch von einem der beteiligten Autoren kritisiert. «Ich bin überhaupt nicht davon überzeugt, dass die Sporen von lokalen Flechten kamen», sagt der heute emeritierte V. Sasi Kumar vom Centre for Earth Science Studies. Wäre es tatsächlich so, müsste das Phänomen häufiger auftreten, meint er.

Mögliche Explosion eines Meteoriten

Kumar kritisiert, dass der Bericht dem lauten Knall über Changanacherry nicht auf den Grund geht. Und dass die Frage nicht beantwortet wird, ob der Knall und der Regen zusammenhingen. Ein Gewitter sei unwahrscheinlich, sagt Kumar. Blitz und Donner seien in dieser Jahreszeit sehr selten. Nicht ausschliessen möchte der Forscher aber, dass der Knall von einem Meteoriten herrührte, der beim Eintritt in die Atmosphäre explodierte.

Und damit besteht zumindest die theoretische Möglichkeit, dass die roten Zellen mit einem Himmelskörper auf die Erde kamen. Wobei Kumar anfügt: «Wir können heute nicht beweisen, dass diese Substanz tatsächlich aus dem All kam.»

Auch wenn es fantastisch anmutet, in Chroniken früherer Epochen wurde immer wieder von rotem Regen berichtet – und nicht selten im Zusammenhang mit gewaltigen Explosionen.

Patrick McCafferty von der Queens University in Belfast fand insgesamt 168 Beschreibungen von roten oder andersfarbigen Ereignissen. In 60 dieser Fälle berichten die Chronisten von zischenden Schlangen oder lärmenden Pauken und Trompeten. McCafferty veröffentlichte die Studie kürzlich online im «International Journal of Astrobiology».

«Die Verbindung zwischen Meteoriten und rotem Regen ist nicht immer eindeutig», sagt McCafferty. «In gewissen Mythologien und Erzählungen sehe ich aber einen Zusammenhang.» Beispielsweise in einem ägyptischen Bericht aus dem Jahr 30 vor Christus. Darin heisst es: «... das Blitzen von Waffen kam aus den Wolken, als sich der Schauer aus Blut mit dem Regen vermengte ...»

Natürlich sei das kein Beweis, so der Archäologe. «Ich habe aber das Gefühl, dass das Phänomen interessanter ist, als wir dachten. Denn sowohl die irdischen als auch die ausserirdischen Erklärungsversuche sind nur schwer nachvollziehbar.»

Dieser Meinung ist auch Godfrey Louis von der Cochin University of Science and Technology im indischen Cochin. Louis befasst sich seit bald sieben Jahren mit dem Phänomen. In seinem Labor stehen mehrere Gefässe mit dem rötlichem Regenwasser. «Insgesamt werden es wohl einige Liter sein», sagt Louis.

Anhand von Augenzeugenberichten berechnete der Physiker, dass etwa 50 Tonnen dieser Zellen im Sommer 2001 über Kerala niedergingen. Wobei deren Konzentration im Regenwasser nicht an allen Orten gleich hoch war. Seltsam war auch, dass der farbige Regen nicht grossflächig fiel. Und dass die Grenze zwischen farbigem und normalem Regen häufig sehr scharf war. «An einem Ort regnete es rot, wenige Meter weiter fiel gewöhnlicher Regen», sagt der Forscher.

Obwohl auch Louis keine Beweise hat, schrieb er in einer 2006 veröffentlichten Studie, dass die Zellen möglicherweise bei der «Desintegration von Kometentrümmern» freigesetzt worden sind («Astrophy Space Sci», Bd. 302, S. 175).

Ablehnung und Unterstützung

Damit lehnte er sich gewaltig aus dem Fenster. Zwar wird heute unter Fachleuten ernsthaft die Frage diskutiert, ob das Leben mit Kometen auf die Erde kam. Doch sieht ausserirdisches Leben so aus? Sind die roten Zellen von Kerala der endgültige Beweis dafür, dass unser irdisches Leben nicht einzigartig ist im Universum?

Nein, sagen Kritiker. David Deamer von der University of California in Santa Cruz etwa erklärte gegenüber dem Magazin «World Science»: «Dass es sich um ausserirdisches Leben handelt, ist sicherlich die letzte aller möglichen Hypothesen.» Und auch Beda Hofmann vom Naturhistorischen Museum in Bern ist skeptisch. «Ich weiss nicht, was es ist», sagt der Meteoritenexperte. «Es muss aber irdisch sein. Es passt überhaupt nicht zu dem, was wir von Meteoriten her kennen.»

Organisches Material wäre in Meteoriten immer in einer silikatischen Grundmasse eingebettet. Reines organisches Material extraterrestrischen Ursprungs gebe es nicht, so Hofmann. «Auf jeden Fall kennt man es nicht.» Dass das Leben sozusagen als blinder Passagier mit Meteoriten auf die Erde gekommen sei, sei aber durchaus denkbar, so der Berner Forscher.

Andere möchten nicht ausschliessen, dass Louis mit seiner gewagten Hypothese nicht doch Recht hat. Der Biochemiker Tom Brenna von der amerikanische Cornell University untersuchte die Zellen in seinem Labor. «Ich machte einige Tests, von denen keiner aussergewöhnliche Resultate lieferte», sagt Brenna. «Das heisst nun nicht, dass es sicher terrestrisches Material ist. Meine Tests unterstützen den ET-Ursprung aber nicht.»

Chandra Wickramasinghe von der walisischen Cardiff University hingegen lehnt in Richtung von Louis, wie er sagt. Der Mathematiker und Astronom hat zusammen mit Sir Fred Hoyle im letzten Jahrhundert die Panspermie-Hypothese formuliert und ist damit ein Verfechter der Idee, dass ausserirdisches Leben auf die Erde kam. «Es gibt keinen Grund, weshalb Mikroorganismen aus dem All nicht auch heute noch auf der Erde ankommen sollen», sagt Wickramasinghe. Zusammen mit dem Biochemiker Anthony Campbell plant er in den kommenden Monaten, die mysteriösen Zellen aus Kerala genauer zu untersuchen.

Und auch Godfrey Louis möchte seine Behauptung weiter untermauern. Es sei aber nicht einfach, die Resultate zu veröffentlichen, sagt Louis. «Sie widersprechen der gängigen Vorstellung.»

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