Kuh, Korn, Kartoffel und das neue Klima
10. April 2008, 05:00Auf Wiesen und Feldern ist der Klimawandel in der Schweiz schon offensichtlich. Ein Anstieg der Temperatur kommt der Landwirtschaft gelegen solange es nicht mehr als 23 Grad sind.
Dass sich das Klima verändert, ist für die Bauern in der Schweiz kein abstraktes Zukunftsproblem, sondern längst eine Tatsache. Auf den Weizenfeldern beginnen die Mähdrescher heute fast einen Monat früher mit ihrer Arbeit als 1970, die Alpaufzüge sind zwei Wochen früher möglich als in den 80er-Jahren, von 1951 bis 2000 sind die Blühtermine der Pflanzen um drei Wochen und die Blattentfaltung um zwei Wochen im Kalender vorgerückt.
Für die weitere Entwicklung gibt es mehrere Szenarien, die in den Details voneinander abweichen. Für Pierluigi Calanca, der sich bei der Forschungsanstalt Agroscope Reckenholz-Tänikon mit Klimafragen befasst, ist der allgemeine Trend aber klar: Bis 2050 dürfte es in der Schweiz 2 Grad wärmer werden, im Winter 10 Prozent mehr und im Sommer 15 Prozent weniger Niederschläge geben. «Weniger klar ist die Entwicklung von Klimavariabilität und Extremereignissen», beurteilt Calanca die Daten. Vermutlich würden die Schwankungen zunehmen, Hitzeperioden, Sommerdürren und Starkniederschläge vermehrt auftreten. Der heisse und trockene Sommer 2003 könnte ein Vorgeschmack dafür gewesen sein, was für Sommer in einigen Jahrzehnten in der Schweiz üblich sein werden.
Erst kein Problem
Der Landwirtschaft stellt sich die Frage, wie man auf das veränderte Klima reagieren müsse. In den nächsten 20 Jahren, so glaubt Calanca, werde die Landwirtschaft mit der Klimaentwicklung ganz gut zurechtkommen, sollte die Erwärmung danach allerdings gegen 5 Grad weiterklettern, werde es schwierig.
In der unmittelbaren Zukunft freilich profitiert die Landwirtschaft in der Schweiz, ebenso wie diejenige in Norddeutschland, im nördlichen Mitteleuropa und in Skandinavien vom wärmeren Klima, während hingegen auf der Iberischen Halbinsel und in Süditalien die Lage bereits prekär wird.
Bei einigen Produkten wird man auf Sorten umstellen müssen, die für ein wärmeres und trockeneres Klima geeignet sind, entweder durch Neuzüchtungen oder durch die Übernahme von Sorten aus anderen Klimaregionen. In den nächsten Jahrzehnten werden bisher nicht geeignete Lagen für den Anbau gewisser Produkte geeignet: Ackerbau wird in grösserer Höhe möglich sein, Spezialkulturen wie Reben oder Melonen könnten im wahrsten Sinne des Wortes an Boden gewinnen. Wozu aber mehr Reben, wenn die EU bereits mit massiver Überproduktion kämpft? Pierluigi Calanca rät, auf hochpreisige Spezialitäten zu setzen, also nicht auf noch mehr Wein, sondern auf Tafeltrauben. Damit die Vorteile des neuen Klimas ausgenützt werden können, brauche es stets eine gründliche Analyse aller Randbedingungen.
Günstig für die Landwirtschaft sind im Sommer längere Schönwetterperioden, dies erleichtert die rationelle Durchführung der Erntearbeiten. Die höhere Durchschnittstemperatur äussert sich in einer verlängerten Vegetationszeit: «Im Laufe des Jahrhunderts wird sich das Jahr für die Landwirtschaft um 30 bis 40 Tage verlängern», schätzt Calanca. Futterwiesen zum Beispiel könnten häufiger abgeerntet werden, die Weideperiode verlängert sich und damit sinkt der Bedarf an Lagerraum für die Wintervorräte.
Der Wechsel der Schweiz in eine andere Klimazone bringt der Landwirtschaft auch einige Nachteile. Zu hohe Temperaturen mindern die Produktivität von Getreide wie Weizen oder Mais, diese Erfahrung hat man in der Schweiz bereits gemacht, der Höhepunkt der Erträge der jetzigen Sorten ist überschritten.
Wasserspeicher und Stallklima
Beim auf lange Fristen angelegten Bau von landwirtschaftlichen Betrieben sind neue Überlegungen nötig. Es wird mehr Bewässerungsanlagen brauchen, nicht nur wie heute im Wallis, sondern auch in der Ostschweiz, dazu Speichersysteme, um die Starkniederschläge aufzufangen und das Wasser in trockenen Perioden zu nutzen. Der Agrarökonom Marco Pezzatti, Präsident der Schweizerischen Gesellschaft für Agrarwirtschaft (SGA), erwähnt als Beispiel einer betroffenen Region den nördlichen Teil des Kantons Zürich. Hier überlege man sich bereits raumplanerische Schritte, um solche Speicherbecken zu ermöglichen. In Diskussion ist aber auch eine Ausweitung der heutigen Hagelversicherung auf die künftig häufigeren Dürreschäden.
Beim Bau von neuen Ställen muss darauf geachtet werden, dass die Tiere während Hitzewellen ein erträgliches Klima vorfinden - möglichst ohne energieintensive Klimatechnik. Durch geeignete Maschinen und Anbaumethoden muss dafür gesorgt werden, dass bei Starkregen der Humus nicht weggeschwemmt wird, Ackerbau ohne Pflug und eine Fruchtfolge, die den Boden nie unbedeckt lässt, sind Mittel dazu. Der Verlust von Kulturboden – durch Überbauung, Erosion, Erschöpfung – sei für die Schweizer Landwirtschaft das gefährlichere Phänomen als die Klimaveränderung, glauben heute viele Experten.
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Was werden die Kinder unserer Bauern anpflanzen?
Ob die Landwirtschaft in der Schweiz zu Hightech-Farmen, Bio-Spezialitäten oder reiner Landschaftspflege tendieren soll, untersucht die Vision Pflanzenbau 2050.
Viel stärker als das Klima werde die Landwirtschaftspolitik in den nächsten Jahren die Schweizer Landwirtschaft und damit auch die Landschaft verändern, sagen die Agrarforscher. 40 Jahre sind keine sehr lange Zeit, wenn es um den fundamentale Richtungswechsel eines ganzen Wirtschaftssektors geht. Die Vision Pflanzenbau, eine Studie der Schweizerischen Gesellschaft für Pflanzenbauwissenschaften (SGPW) ist deshalb keine Sciencefiction, sondern eher ein realistischer Katalog der bevorstehenden Strukturänderungen.
Vier möglichst verschiedene Szenarien haben die Forscher formuliert:
- Hightech-Agribusiness: Einsatz moderner Technik, Nahrungsmittelproduktion kombiniert mit ökologischen Leistungen definiert auf Betriebsebene;
- Regionalisierung: wie oben, aber stark spezialisiert und auf regionale Gegebenheiten ausgerichtet, die Multifunktionalität ist nicht im Einzelbetrieb sondern auf Landesebene gewährleistet;
- Ferienland: Aufgabe der gesamten Produktion, Umstellung auf eine Pflegelandwirtschaft, die der Tourismus- und Erholungsbranche dient;
- Bioland: Landesweit ein bewusster Verzicht auf bestimmte Techniken wie synthetische Dünger, chemischen Pflanzenschutz und gentechnisch veränderte Pflanzen.
Da der internationale Agrarsektor in den nächsten Jahrzehnten vollständig liberalisiert wird, kann die Schweiz künftig auf eine eigene Landwirtschaft verzichten. Die Preise, die innert 10 Jahren um 25 Prozent gefallen sind, werden weiter sinken, nur dank moderner Technik konnte die Landwirtschaft die Produktivität bisher ständig erhöhen und auch ökologische Anforderungen erfüllen.
Das Konzept Hightech-Agribusiness erfordert allerdings eine Konzentration auf grosse Betriebe analog dem internationalen Trend. Bedingung ist zudem, dass die modernen Methoden von den Bürgern und Konsumenten akzeptiert werden.
Das Szenario Ferienland hätte zur Folge, dass im Notfall eine vom Ausland unabhängige Nahrungsmittelversorgung nicht mehr möglich wäre, da die Fruchtfolgeflächen nicht mehr für die Produktion zur Verfügung stünden. Heute ist der Selbstversorgungsgrad bei etwa 60 Prozent, gleichzeitig zeichnen sich auf dem Weltmarkt, etwa beim Getreide, Versorgungsprobleme ab.
Der Bio-Landbau ist in der Schweiz recht gut eingeführt, dank höherer Preise könnten diese Produkte auch in Zukunft konkurrenzfähig sein. (jä)
Der Bericht ist zu finden auf www.sgpw.scnatweb.ch unter News











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