Leben oder sterben lassen ein Dilemma der Zoos
26. April 2008, 05:00In den Gehegen von Zoos und Wildparks kommt oft zu viel Nachwuchs zur Welt. Gibt es keinen Platz für die Tiere, bleibt nur noch die Tötung.
Von Barbara Reye
Der Abschuss des Risikobären JJ3 vergangene Woche hat bei vielen Menschen Unverständnis ausgelöst. «Wir hätten für ihn ein 4000 Quadratmeter grosses Wechselgehege gehabt», sagt Bernd Schildger, Direktor vom Berner Dählhölzli, der dieses Angebot eine Woche vor dem Tod des Bären publik machte. Spätestens im Oktober 2009, wenn der neue, derzeit für rund zehn Millionen Franken gebaute Bärenpark fertig ist, hätte JJ3 ins grössere Gehege von 6000 Quadratmetern übersiedeln können. Der Vorwurf, es wäre nur ein Werbegag, sei aus Schildgers Sicht deshalb nicht akzeptabel.
«Grundsätzlich gibt es bereits genug Braunbären in Zoos und Tierparks», betont Peter Dollinger, Direktor des Weltzooverbandes (Waza). Zum Teil wisse man gar nicht, wo man die Jungen unterbringen soll und müsse sie sogar töten. Ausserdem hält er nichts davon, Wildfänge in relativ kleine Gehege zu geben. «Ein in der Wildnis aufgewachsener Bär, der plötzlich in Gefangenschaft leben muss, unternimmt alles, um dort wieder herauszukommen», erklärt auch Andreas Reifler, Betriebsleiter vom Zürcher Wildpark Langenberg. Nicht einmal ein zusätzlicher Elektrodrahtzaun würde den Bären davon abhalten.
Gescheiterte Fluchtversuche
Dieses Verhalten hatte auch die Mutter der Risikobären JJ1 und JJ3 gezeigt, die über Monate versuchte, aus ihrem Gehege in Italien zu flüchten und Löcher in den Boden grub. Die Situation sei absurd gewesen, da sie aus Sicherheitsgründen immer mehr hinter robusten Eisenzäunen und Sichtschutzplanen verschanzt werden musste, sagt Reinhard Schnidrig, Chef der Sektion Jagd, Wildtiere und Biodiversität vom Bundesamt für Umwelt. Nach zwei Jahren in dem viel zu kleinen und nicht artgerechten Gefängnis hätte man inzwischen für sie im Trentino ein rund 600'000 Euro teures, grosses Gehege gebaut.
Obwohl die drolligen Sohlengänger in Zoos als Publikumsmagnet mit Knuddeleffekt gelten, geht es unter ihnen häufig ruppig und brutal zu. So hatte der Wildpark Langenberg vor vier Jahren ein Weibchen aus Polen importiert, das aber von seinem männlichen Artgenossen so verprügelt wurde, dass es zweimal von den Zootierärzten des Tierspitals behandelt werden musste und am Schluss seinen Verletzungen erlag. Die Partnersuche sei nicht einfach und stets mit einem gewissen Risiko behaftet, betont Andreas Reifler.
Gezielte Verhütung
«Auch die Natur ist kein Paradies», sagt Tanja Dietrich vom Zoo Basel. Dort würde es oft knallhart zugehen. Es wäre ein brutaler Ort, bei dem es ums nackte Überleben geht. Deshalb produzieren viele Tiere wie beispielsweise Braunbären, Löwen oder Huftiere mehr Nachkommen, als eigentlich nötig wäre. Auch im Zoo ist dank besserer Haltung und Versorgung der Tiere der Reproduktionserfolg bei vielen Arten recht gross. Um die Zahl der überzähligen Tiere jedoch so niedrig wie möglich zu halten, empfiehlt die Waza für das Management der Population eine Kontrolle der Fortpflanzung oder Euthanasie. Denn nicht immer findet sich für die Jungtiere ein geeigneter Platz.
Leben und Tod sind in den gepflegten Gehegen nah zusammen. Weil die Fortpflanzung mit Balz, Paarbildung, Mutter-Kind-Beziehung und Sozialisation der Jungtiere generell positive Auswirkungen auf die Individuen hat, sind dies laut der Waza objektive Gründe für eine Zucht, was in einigen Fällen aber das Einschläfern oder den Abschuss zur Konsequenz hat. «Aus Platzmangel mussten wir im vergangenen Jahr zwei von vier Löwenbabys in Basel einschläfern», sagt Tanja Dietrich. «Trotz grosser Bemühungen konnten wir sie woanders nicht unterbringen.»
Auch im Zoo Zürich mussten aus diesem Grund Antilopen-Männchen geschossen werden, die dann an Löwen verfüttert wurden. Dennoch sind auch Verhütungsmittel im Einsatz. In Zürich bekommt beispielsweise der Brillenbär GnRH-Agonisten, die bei Männchen oder Weibchen angewendet werden und je nachdem die Produktion der Geschlechtshormone Östrogen oder Testosteron drosseln. «Affenweibchen erhalten dagegen Hormon-Implantate unter die Haut, die mehrere Jahre lang wirken», sagt Jean-Michel Hatt, Zootierarzt der Universität Zürich.
Die auch bei Menschen angewendete Abtreibungspille RU-486 ist bei Tieren, die nur in grossen Abständen empfängnisbereit sind wie etwa Bären, ebenfalls als so genannte «Pille danach» im Einsatz. Nicht immer sind solche Methoden ohne gefährliche Nebenwirkungen. Bei Löwen ist die hormonelle Verhütung sehr riskant, da sie durch die Wirkstoffe Tumore an der Gebärmutter bekommen können. Eine andere Möglichkeit der aktiven Geburtenkontrolle ist indes die räumliche Trennung der Tiere. Doch dafür muss der Tierpfleger den Zyklus des Weibchens gut kennen. Bei vielen Tierarten sei dies nicht trivial, erklärt Jean-Michel Hatt.
Bärenfleisch auf Speisekarten
Dass sich in den Zoos in Sachen artgerechter Haltung heutzutage viel getan hat, zeigt unter anderem das Beispiel Bern. Bis vor etwa 20 Jahren hatte die Stadt in ihrem alten Bärengraben jedes Jahr um die Osterzeit noch neue Junge präsentiert. «Überzählige Bären wurden dann jeweils geschlachtet und in Restaurants verspeist», sagt Peter Dollinger. Zum Glück hätten sich damals Touristen und Tierschützer darüber beschwert, sodass diese Tradition abgeschafft wurde.
Das Töten der Tiere gehört leider weiterhin zum Alltag der Zoos, wenn auch in einem deutlich kleineren Ausmass als früher. «Es gäbe aber auch die andere Seite», freut sich Andreas Reifler, der nach der missglückten Partnersuche für das Zürcher Bärenmännchen nun mit einer Bärin aus Bern äusserst erfolgreich war. Die beiden würden sich momentan heiss lieben.
Meistgelesen in der Rubrik Wissen
Internet auf dem Fernsehen: Der Trend geht klar in diese Richtung. Werden Sie sich einen Smart TV kaufen?
Ja, auf jeden Fall
Nein, interessiert mich nicht
Erst wenn die Geräte billiger geworden sind
Ich habe schon einen


Die Welt in Bildern














