Der Ausverkauf der Natur
31. Mai 2008, 05:00Wir profitieren von der Natur, bezahlen aber nichts dafür. Das soll sich ändern. Doch wenn Artenschützer mit Zahlen operieren, ist Vorsicht geboten.
Von Daniel Bächtold
Am Erdgipfel für Umwelt und Entwicklung 1992 in Rio schaffte es der Artenschutz auf die Traktandenliste der internationalen Politik. Genützt hat das der Natur freilich wenig – das Massensterben geht unvermindert weiter. Bereits heute zeichnet sich ab, dass das in Rio anvisierte Ziel – das Artensterben bis ins Jahr 2010 deutlich zu bremsen – nicht erreicht werden wird. Daran wird auch die Bonner Biodiversitätskonferenz nichts ändern.
Etwas aber hat Bonn dennoch bewirkt: Erstmals dürfte einer breiten Öffentlichkeit bewusst geworden sein, dass uns eine intakte Natur jedes Jahr Dienstleistungen im Wert von mehreren Billionen Franken erbringt. Artenschutz zahlt sich finanziell aus. Das zumindest zeigt eine EU-Studie unter der Leitung des Ökonomen Pavan Sukhdev.
Es liege nun eine «umfassende und überzeugende ökonomische Begründung für den Schutz der Biodiversität» vor, erklärte Sukhdev.
Ausbeutung der Natur
Tatsächlich profitieren wir von intakten Ökosystemen auf die unterschiedlichste Art und Weise. Sie liefern uns sauberes Wasser und saubere Luft, Nahrung und Rohstoffe, sie stabilisieren das Klima oder schützen uns vor Überschwemmungen und anderen Umweltkatastrophen.
Obwohl wir diese Dienstleistungen tagtäglich konsumieren und unser Wohlbefinden zu einem guten Teil davon abhängt, bezahlen wir nichts oder nur sehr wenig dafür. Für viele natürliche Dienstleitungen gibt es keinen Markt und damit auch keinen marktgerechten Preis. Die totale Ausbeutung der Natur und ihrer begrenzten Ressourcen ist die logische Folge.
Umweltökonomen versuchen deshalb bereits seit Anfang der 1970er-Jahre, den monetären Wert der verschiedenen Ökosysteme zu erfassen. Denn nur was wertvoll ist, ist auch wert, geschützt zu werden. Wobei die Berechnungen und Überlegungen der Forscher nicht unproblematisch sind. Beispiel tropischer Regenwald. Dieser hat heute, abgeholzt und in Agrarland umgewandelt, einen höheren Marktwert als in seinem natürlichen Zustand. Dabei speichert der Wald Kohlendioxid und stabilisiert so das Klima. Und Pharmaunternehmen machen mit Medikamenten aus pflanzlichen Naturstoffen Milliardenumsätze.
Diese und andere Dienstleistungen sollten nicht länger kostenlos sein, so das Argument der Umweltökonomen. Nur, in den letzten gut 20 Jahren war praktisch keine Substanz aus dem Regenwald auf dem internationalen Medikamentenmarkt ein Verkaufsschlager. Und wenn mal was gross vermarktet wurde, floss kaum Geld in den Artenschutz vor Ort.
Die Vorzeigeprojekte der 1990er-Jahre scheiterten alle kläglich. Die viel zitierte Zusammenarbeit zwischen dem amerikanischen Pharmariesen Merck und der Regierung von Costa Rica zur pharmazeutischen Nutzung des Regenwaldes wurde nach wenigen Jahren beendet. Und das Unternehmen Shaman Pharmaceuticals, das sich ganz auf die Nutzung der Urwaldapotheke konzentriert hat, meldete 2001 Konkurs an.
Viele Firmen haben ihre Naturstoffabteilungen inzwischen geschlossen. Bioprospecting, die Suche nach pharmazeutisch wirksamen Substanzen, wird weder den tropischen Regenwald noch die Ozeane retten.
Ökonomischer Schutz ist unsicher
Der ökonomische Schutz steht zudem zwangsläufig auf wackligen Beinen. Bienen aus zwei lokalen Waldparzellen beispielsweise erbrachten der Kaffeeplantage Finca Santa Fe in Costa Rica Bestäubungsleistungen im Wert von rund 60'000 Franken. Diese Wälder zu schützen, zahlte sich für die Plantagenbesitzer aus. Doch nachdem der Kaffeepreis auf den internationalen Märkten eingebrochen war, pflanzten die Bauern Ananas an. Die Bienen brauchten sie nicht mehr, der intakte Regenwald wurde für sie praktisch über Nacht wertlos.
Das Beispiel der Bienen zeigt deutlich die Grenzen der Umweltökonomie auf. Die Insekten erbringen weltweit eine Bestäubungsleistung im Wert von acht Milliarden Franken. Eine Menge Geld. Doch sind die Bienen tatsächlich weniger wertvoll als die Abschreiber der Grossbank UBS, die innert weniger Monate 40 Milliarden Franken in den Sand gesetzt hat? Und kann man sich für acht Milliarden Franken eine Alternative zu den Bienen kaufen? Natürlich nicht. Eine Welt ohne Bienen, die indirekt oder direkt an der Produktion eines Drittels unserer Nahrungsmittel beteiligt sind, ist kaum vorstellbar. Der tatsächliche Wert der Bienen liegt deshalb eher bei unendlich, als bei acht Milliarden Franken.
Gleiches gilt für die Ozeane – auch wenn der WWF diese Woche erklärte, der ökonomische Wert der Ozeane betrage 22 Billionen Franken im Jahr. Eine solche Zahl mag beeindrucken und vielleicht sogar zum Nachdenken anregen, im Grunde genommen aber ist sie wertlos. Denn es gibt keine Alternative zu den Ozeanen. Eine Welt ohne Meere ist undenkbar, ihr Wert ist deshalb unendlich gross.
Umweltökonomen sind sich der Grenzen ihrer eigenen Disziplin durchaus bewusst und warnen davor, die Zahlen als alleinigen Richtwert zu nehmen. Zum einen handelt es sich um reine Schätzungen. Der tatsächliche Wert eines Ökosystems kann tiefer, aber auch viel höher liegen. Zum anderen werden die Forscher nicht müde, zu betonen, dass Ökosysteme verschiedene Wertdimensionen hätten. Auch solche, die sich nicht in Zahlen fassen liessen. Kulturelle Werte beispielsweise oder religiöse. Auch das Argument, dass wir eine moralisch-ethische Verpflichtung gegenüber der Natur und ihrer Artenvielfalt hätten, gelte immer noch.
Mit nackten Zahlen operieren
Nur mit ökonomischen Argumenten lässt sich Natur- und Artenschutz auch nach Bonn nicht rechtfertigen. Vor allem gilt der Umkehrschluss nicht: Etwas aus ökonomischer Sicht Wertloses darf nicht automatisch verschwinden.
Solange das nicht vergessen geht, kann die Umweltökonomie aber durchaus einen wertvollen Beitrag zum Artenschutz leisten. Denn nur auf der Basis von nackten Zahlen macht es Sinn, über Ausgleichszahlungen zwischen dem reichen Norden und dem armen Süden zu diskutieren. Nur mit nackten Zahlen kann man beurteilen, ob sich der Ausbau eines Flusses zur Schifffahrtstrasse im Vergleich zu einer Renaturierung auch rechnet. Und nur mit Hilfe von nackten Zahlen weiss man, ob die Erhaltung einer seltenen Art finanzierbar ist. Denn so wie die Dinge heute liegen, wird der Artenschutz nur dann erfolgreich sein, wenn er zu den volkswirtschaftlich geringsten Kosten zu haben ist.
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