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Der Bund verlangt zu viel vom Schweizer Wald

28. Juni 2008, 05:00

Millionen Tonnen Treibhausgase könnten eingespart werden, wenn mehr in den Holzbau investiert würde, sagt der Bund. Reine Theorie, erwidern Verfechter der Holzenergie.

Holzschlag in Bassersdorf: Fichten liefern begehrtes Bauholz für die Holzwirtschaft.
Holzschlag in Bassersdorf: Fichten liefern begehrtes Bauholz für die Holzwirtschaft.

Von Martin Läubli

Die Botschaft des Bundesamts für Umwelt an die Bauherren und Architekten liest sich einfach: Der Wald leistet den wirksamsten Klimaschutz, wenn wir mehr mit Holz bauen. Die Zahlen dazu sind beeindruckend: Die Einsparung an Treibhausgas-Emissionen in der Schweizer Wald- und Holzwirtschaft könnte bis in knapp 20 Jahren auf gut 8 Millionen Tonnen CO2 pro Jahr gesteigert werden; das entspricht 15 Prozent des heutigen jährlichen Treibhausgasausstosses.

Die Überlegung der Fachleute ist einleuchtend. Sie sprechen vom Kaskadenprinzip und meinen: Der Holzzuwachs im Schweizer Wald soll wo immer möglich zuerst als Baustoff verwendet werden. Hauswände aus Blockholzplatten statt Backsteine; Decken aus Holzbalken statt aus Stahlbeton; Holzverschalungen statt Verputze. Neue Szenarien der Geopartner AG in Zürich und der Eidgenössischen Forschungsanstalt WSL in Birmensdorf belegen, dass bei der Holzfabrikation deutlich weniger CO2-Emissionen entstehen. Fällt das Bauholz später als Abfall- und Altholz an, soll es in Holzkraftwerken, in Pelletheizungen oder Industrieöfen verbrannt werden, um fossile Brennstoffe wie Erdöl oder Erdgas zu ersetzen.

Bei diesem Prinzip verhindert man mit dem gleichen Holz zweimal den Ausstoss klimawirksamer Treibhausgase. «Das Bauszenario ist deutlich besser als das Energieszenario, bei dem Holz direkt verbrannt wird», sagt Esther Thürig von der Eidgenössischen Forschungsanstalt WSL.

Für die Holzwirtschaft heisst das: Sie müsste den Verbrauch an Bauholz um 80 Prozent auf jährlich 4,5 Millionen Kubikmeter steigern und 120 Prozent mehr Energieholz, also 2,8 Millionen Kubikmeter, jährlich verbrennen. Die Autoren der Studie gehen davon aus, dass die inländische Holzindustrie in diesem Fall enorm profitieren würde. «Die Strategie des Bundes verhindert auch, dass durch die künftige Einspeisevergütung Stamm- und Industrieholz für die Stromgewinnung direkt verbrannt wird», sagt WSL-Forscherin Thürig. Der Bund gibt mit der Einspeisevergütung Stromanbietern eine Chance, Elektrizität aus alternativen Energiequellen wie Holz, Sonne oder Wind zu Marktpreisen ins Netz zu speisen.

Potenzial für Bauholz klein

Für Christoph Rutschmann vom Verein Holzenergie Schweiz geht die Rechnung des Kaskadenprinzips nur theoretisch auf. Praktisch sehe es anders aus. «Die Fichte stirbt uns im Mittelland noch weg», sagt er. Und Fichtenholz sei Bauholz. Tatsächlich hat der Laubholzvorrat in den letzten elf Jahren in allen Regionen im Durchschnitt um gut 10 Prozent zugenommen, der Nadelholzanteil hingegen sinkt leicht. Das zeigen die Ergebnisse des dritten Landesforstinventars. Prekär sieht es bei der wirtschaftlich begehrten Fichte aus. Der Vorrat an lebenden Bäumen hat im gut erschlossenen Mittelland um etwa 20 Prozent abgenommen. Verantwortlich dafür ist vor allem der Sturm Lothar 1999. Deshalb sieht Rutschmann im Schweizer Wald nur ein «beschränktes» Potenzial, den Vorrat an Fichten-Bauholz deutlich zu steigern.

Generell liefern Nadelbäume das Holz zum Bauen. «Dafür ist das Potenzial im Gegensatz zum Energieholz nicht mehr sehr gross», sagt Rutschmann. Im Wald würde indes zuhauf Holz für die Energiegewinnung liegen. Dünne Äste, feines Kronenmaterial und Rinde. In den Sägereien falle eine grosse Menge an Holzschwarten und Sägemehl an. Holzenergie Schweiz rechnet mit einem zusätzlichen Potenzial von jährlich 2,5 Millionen Kubikmeter Energieholz. «Wenn wir jetzt entschlossen handeln, kann die Holzenergie in zwanzig Jahren ohne weiteres einen Viertel der Schweizer Gebäude mit Wärme versorgen» schwärmt der Präsident von Holzenergie Schweiz, Adrien Dubuis.

So passt denn das Energieszenario der neuen Studie besser zu den Vorstellungen von Holzenergie Schweiz: Kein Ausbau der Bauholznutzung, dafür eine mehrfache Steigerung des Energieholzverbrauchs. Doch in diesem Fall würde die Schweiz gegenüber dem Bauszenario in 20 Jahren zwei Millionen Tonnen CO2 weniger einsparen.

In den Szenarien der Untersuchung eingeschlossen ist auch die Leistung des Waldes. Er speichert in den Bäumen CO2 dauerhaft in Form von Kohlenstoff, der CO2-Gehalt in der Atmosphäre nimmt entsprechend ab. So wirkt der Wald als Senke. Die Schweiz kann gemäss Kyoto-Protokoll mit Hilfe der Senken einen Teil der Klimaverpflichtungen erfüllen. Sie darf sich jedoch jedes Jahr maximal nur 1,8 Millionen Tonnen CO2 anrechnen lassen.

Deshalb möchte der Bund nicht nur das Bauholz fördern, sondern auch die Senkenleistung des Waldes nutzen. Diese Kyoto-Option kommt für den Bundesrat jedoch erst zum Zuge, falls die CO2-Emissionen einen ungünstigen Verlauf nehmen. Ein Grund: Der Wald ist unberechenbar – Stürme, Waldbrände oder Borkenkäferepidemien können den gespeicherten Kohlenstoff wieder freisetzen. Dann wird der Wald zur Quelle. Bereits ist ersichtlich, dass die Senkenleistung des Schweizer Waldes in den vergangenen 11 Jahren erlahmt ist, wie das Landesforstinventar zeigt. «Nach ersten Abschätzungen beträgt sie heute 1,5 Millionen Tonnen CO2», sagt Esther Thürig von der WSL. Zwischen 1985 und 1995 hat der Wald noch durchschnittlich 3,6 Millionen Tonnen CO2 pro Jahr gebunden. Verantwortlich für die negative Bilanz sind die stärkere Nutzung und eine erhöhte Sterblichkeit der Bäume durch Stürme und Käferplagen.

Grenze der Holznutzung bald erreicht

Dieser Senkeneffekt wird in der Holzbilanz deutlich. Gesamtschweizerisch wuchs zwischen 1996 und 2005 etwa 10 Prozent mehr Holz als genutzt wurde und abgestorben war; zwischen 1985 und 1995 waren es noch 38 Prozent gewesen. Im Mittelland war es umgekehrt, der Zuwachs lag 20 Prozent darunter. «Das Potenzial für Mehrnutzungen hat sich erheblich verringert», schreibt das WSL in einer Mitteilung. Gleichzeitig steigt das Risiko, dass nach einem schweren Sturm aus dem Senkenwald schnell eine Quelle wird. So stellt sich die Frage, um wie viel die Holznutzung in Zukunft noch gesteigert werden darf. «Bezüglich Holznutzung und Senkenleistung scheint ein Ende der Fahnenstange in Sichtweite zu rücken», sagt Esther Thürig. «Man könnte auch gezielt eine Waldverjüngung anstreben. Dann wäre eine vorübergehende Übernutzung berechtigt», sagt Andreas Fischlin, Senkenexperte der ETH Zürich. Das hätte zwar den Vorteil, dass der Wald gegenüber Stürmen und Krankheiten robuster würde. Allerdings würde dessen Senkenleistung für Jahre weiter sinken.

Für Christian Küchli vom Bundesamt für Umwelt muss die klimaschützende Gesamtwirkung der Schweizer Wald- und Holzwirtschaft betrachtet werden: «Die Senkenleistung des Waldes ist lediglich ein Teil.» In Zukunft sollte seiner Ansicht nach auch der Holzvorrat in Gebäuden in der Senkenbilanz berücksichtigt werden, weil im verbauten Holz der Kohlenstoff über lange Zeit gebunden bleibt. Das Kyoto-Protokoll macht diesen Schritt nicht. Was gefällt wurde, schlägt in der Senkenbilanz negativ zu Buche – unabhängig, was mit dem Holz später passiert. Küchli hofft, dass der neue Klimavertrag nach 2012 in diesem Punkt weiterentwickelt wird.

Aber trotz allen Landesforstinventaren und Zukunftszenarien, sicher ist derzeit nur eines: Die Forscher können heute nicht voraussagen, wie der Schweizer Wald in 100 Jahren aussieht. «Das ist die Schwäche unserer Szenarien. Wie der Klimawandel den Holzzuwachs und die Artenzusammensetzung verändert, oder ob er die Sterblichkeit erhöht, ist nicht beachtet worden», sagt WSL-Forscherin Esther Thürig. Aber die Forstleute hätten gemerkt, dass sie in dieses Thema investieren sollten.

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